“Schreiben wird an Bedeutung verlieren”

Burda-Vorstandschef Paul-Bernhard Kallen zieht im Interview mit der Zeit ein Resümee für das Geschäftsjahr 2013. Nirgendwo hätte man in diesem Jahr Rückenwind gehabt, erklärt er. Doch Zeitschriften seien im laufenden Jahr "der größte Gewinnbringer im Unternehmen und erreichen ein wirklich gutes Ergebnis". Der Burda-Chef hofft auf ein Wachstum von acht Prozent bei zweistelliger Rendite für viele Magazine. Erneut spricht sich der 56-Jährige für ein anderes Journalismus-Verständnis aus.

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Kallen fordert in der Zeit, die Begriffe Content und Journalismus sehr viel breiter zu interpretieren, als das heute immer noch in Teilen der Branche getan wird. „Journalismus ist doch längst nicht nur das, was fest angestellte politische Journalisten machen.“ So könnten für Kunden auch Produktbeschreibungen wertvoller Content sein. „Das Schreiben an sich wird an Bedeutung verlieren“, prophezeite Kallen, dafür werde das „Kuratieren von Inhalten“, also das Betreuen von Texten wichtiger. „Es wird immer neue und extrem unterschiedliche Technologien geben, mit denen Menschen Inhalte erstellen, beurteilen, bündeln und vor allem selbst verbreiten.“
Dass der Verlagsmanager von Produktbeschreibungen spricht, kommt nicht von ungefähr. Burda ist auf dem besten Weg, sich vom Verlag zu einem Handelsunternehmen zu wandeln. 2012 war der Umsatz um knapp 13 Prozent auf ca. 2,5 Mrd. Euro gestiegen. Der Gewinn lag wohl im dreistelligen Mio-Bereich – genau teilt das Familien-Unternehmen das nicht mit. Schon damals machten Handelsumsätze 35% der Erlöse aus. Schon bei der jüngsten Jahresbilanz prägte Kallen den Begriff der “Content- und Handelskonvergenz”. Handelsunternehmen würden immer stärker wie Medienunternehmen auftreten, also müssten sich Medienhäuser auch zu Handelsunternehmen wandeln: “Amazon ist auf dem Weg, ein Medienunternehmen zu werden.”
„Medienunternehmen werden sich dabei immer unähnlicher – jedes wird seinen eigenen Weg in der digitalen Welt suchen“, ergänzt der Verlagschef nun in der Zeit. Gleichzeitig nähmen die Schnittmengen zwischen Medien- und E-Commerce-Firmen zu. „Unabhängiger Journalismus und E-Commerce dürften sich beliebig nahe kommen, solange es neben der journalistischen Auseinandersetzung mit einem Produkt die Möglichkeit gibt, aus einer großen Auswahl zu kaufen.“ Neutralität gehe dabei nicht verloren. Allerdings nehme die Anzahl der Wege, die Medienhäuser gehen könnten, mit jeder technologischen Innovation zu.
Kallen stellte aber auch klar, dass der Konzern „heute vor allem durch seine Onlinebeteiligungen“ wächst. „Sie stehen inzwischen für rund 50 Prozent vom Umsatz.“ Einen großen Anteil daran dürfte der Haustierbedarf Zooplus haben, an der Burda die Mehrheit hält. Der Onlineversand setzte im vergangenen Jahr knapp 340 Mio. Euro um.
So kann sich der 56-Jährige eine Spitze gegen die Berliner Politik auch nicht verkneifen. Es sei heute leichter, im Internet erfolgreich zu sein, „wenn man seine Firmenzentrale außerhalb der EU hat”. In Berlin und Brüssel würden immer noch zu wenige erkennen, „dass ein Consumer-Internet entstanden ist.“ Dies sei, so Kallen „eine neue Industrie in einer globalen Dimension mit ihrer ganz eigenen Dynamik, und sie beeinflusst andere Industrien fundamental. Wenn man diese, für die europäische Ökonomie bedrohliche Dimension nicht sieht, versteht man auch nicht, warum es so schwer ist, mit den US-amerikanischen Mega-Konzernen Schritt zu halten – selbst auf unseren heimischen Märkten“, ergänzte der Verlagsmanager.
Der Burda-Chef wirbt für eine digitale Wirtschaftspolitik: „In Berlin und in der EU verlässt das Denken den traditionellen Rahmen nicht.” Man betreib dort Telekom-Politik, Datenschutzpolitik, Medienpolitik und E-Commerce-Politik. “Aber niemand betrachte die Consumer-Internet-Industrie als Ganzes, und deshalb fehlt auch ein wirksamer ordnungspolitischer Rahmen.”

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