Der Tweet, den der Bild.de-Chef lieber löschte

Der wahrscheinlich kürzeste Nachruf auf den verstorbenen Musiker Lou Reed, den ein Medienmensch verfasst hat, ein rockiger Image-Streifen des Medienhauses Lensing im Netz, pompööse Markenführung aus dem Hause Harley Davidson, nicht ganz so gelungenes Corporate Publishing der Bahn, ein Focus-Online „Experte“ denkt sich langweilige Merkel-Telefonate aus und Henri Nannens Enkelin wird zur stern-Deuterin. All dies in unserem MEEDIA-Wochenrückblick.

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Der Tod des Pop-Künstlers Lou Reed vergangenen Sonntag schlug hohe Wellen im Feuilleton. Den wahrscheinlich kürzesten Nachruf auf den US-Sänger (“Walk on the wild Side”) und Songwriter verfasste Bild.de-Chefredakteur Manfred Hart auf Twitter:

Sofort und wenig überraschend versammelten sich unter diesem Tweet die virtuellen Fackelträger und Mistgabelhalter des Web2.0 und forderten Satisfaktion. Der Bild.de-Chef witterte den heraufziehenden Twitter-Shitstorm und löschte schnell wieder seinen Lou-Reed-kritischen Text. Dieses Twitter ist aber auch ein tückisches Medium.

Focus Online betitelte diese Woche in einer seiner berüchtigten “Experten”-Gast-Kolumnen: “Experte: Merkels Handygespräche sind langweilig”. Der “Experte” ist in diesem Fall der frühere Capital-Chefredakteur Ralf-Dieter Brunowsky, der heute als Kommunikationsberater arbeitet. Er stellt in seinem Focus-Online-Text die steile These auf, dass das mit dem Abhören des Kanzlerin-Handys nicht so schlimm sei, weil deren Gespräche ohnehin langweilig seien. Als Beleg führt er diverse, von ihm selbst schlecht imaginierte Telefon-Gespräche an. Also: Weil sich Ralf-Dieter Brunowsky ausgedacht hat, dass Angela Merkels Handy-Gespräche langweilig seien, macht Focus Online die Schlagzeile: “Experte: Merkels Handygespräche sind langweilig”.

Diese Woche wurde bekannt, dass die Funke Gruppe ihre Zeitungsausgaben im Raum Dortmund an das Medienhaus Lensing verkauft. Lensing übernimmt dann die Ausgaben der WAZ und Westfälischen Rundschau (WR) in Dortmund, Lünen sowie Castrop-Rauxel und zusätzlich die WR-Ausgabe in Schwerte. Schon länger bestückt Lensing die WR mit lokalen Inhalten. Die Dortmunder Journalisten, die von dem Deal betroffen sind, dürfen sich freuen, denn ihr neuer Arbeitgeber ist ein ganz rockiger, geradezu wilder Laden. Auf der Firmenwebsite präsentiert Lensing ein Image-Video mit Rock-Gitarrensound, Zeitraffer-Optik und ein Edward-Snowden-Double als Lokalreporter. Irre. Wer würde da nicht gerne arbeiten?
(Video gefunden über den Twitter-Feed von @ChrBartels)

Was macht Edward-Snowden im Imagefilm der Mediengrupe Lensing?

A propos rockig. Die nicht ganz unbekannte Motorradmarke Harley Davidson hält es für eine gute Idee, den hauptberuflichen Schminkbartträger Harald Glööckler Motorräder gestalten zu lassen. Zitat aus der Pressemitteilung: “Zusammen mit Harley-Davidson Hamburg Nord kreierte der Designer nun auf Harleys den typisch rockigen Glööckler-Glamour-Look.” Ja, das steht da wirklich: “den typisch rockigen Glööckler-Glamour-Look”. In der Pressemitteilung stehen auch Dinge wie “Das rockt! Das fetzt!” und, bitte anschnallen: “Stardesigner Harald Glööckler gibt gerne Vollgas.” Verstehen Sie? “Vollgas”. Wegen den Motorrädern … Die Motorräder erhalten nun u.a. goldene Nähte, Sitzbänke aus Nubukleder, verziert mit “der unverwechselbaren Glööckler-Krone”, florale Designmuster, “edle Strassverzierungen” und “aufwändige Chrom-Lackierungen”. Denn was kann es für einen echten Rocker “cooleres” geben, als eine von Harald Glööckler designte Harley Davidson?

Dann lieber Bahnfahren. Die Macher des Kundenmagazins Mobil der Deutschen Bahn haben in ihrer aktuellen Ausgabe vorgemacht, wie Corporate Publishing nicht sein sollte. Der allzeit freundliche Dr. Eckart von Hirschhausen hat ein Interview gegeben. Kann man machen, Hirschhausen liefert. Als Co-Gesprächspartner war allerdings Dr. Rüdiger Grube mit an Bord, der Chef der Deutschen Bahn, der sich gerne mal in Mobil-Gespräche einbringt. Das Interview führte auf Seiten von Gruner + Jahr Corporate Editors Jan Spielhagen. Das Interview führte aber mit ihm zusammen Dr. Antje Lüssenhop, die Leiterin PR & Interne Kommunikation der Bahn. Fragt sich: Ist es Eitelkeit oder Transparenz, dass die PR-Dame Frau Lüssenhop als Interviewerin genannt wird?

Interview-Quartett in DB Mobil

Auf jeden Fall hat es dem Gespräch nicht geholfen, dass sie dabei war. Davon zeugen Fragen wie "Herr Grube, inwiefern spielt das Thema Gesundheit auch bei der DB eine Rolle?" oder "Herr Grube, die Stiftung Lesen wird jetzt 25 Jahre alt. Warum ist Ihnen das gesellschaftliche Engagement auf diesem Gebiet so wichtig?". Und zur Krönung: "Wie zufrieden sind Ihre Mitarbeiter eigentlich mit der DB?" In der Antwort kommen übrigens die Worte "mutig" und "konsequent" vor. Ja, Mobil ist ein Kundenmagazin, aber muss es so platt sein?

Offenbar erst nach Drucklegung der Ausgabe hat Antje Lüssenhop übrigens eine Selbstanzeige wegen Titelmissbrauchs erstattet, sie lässt ihren Doktortitel vorerst ruhen. Ein Promotionsberater habe sie "hereingelegt", heißt es in diesem Artikel der Zeit. Bahn-Kommunikationschef Oliver Schumacher hatte Anfang Oktober auf Nachfrage des PR-Journals gesagt, man habe Frau Lüssenhop nicht wegen ihres Doktortitels eingestellt. Da hat sie ja Glück gehabt.

Im Sinne von Dr. Hirschhausens Glücks-Erfolgsformel nun noch etwas Positives zum Schluss. Von wem stammt folgendes Zitat: "Ich finde, er hat sich deutlich verbessert, weil er klarer geworden und wieder näher an den Menschen dran ist." Wer ist gemeint? Nein, nicht der Lanz. Nicht Sigmar Gabriel. Auch nicht Kai Diekmann. Gemeint ist der stern, das sympathische Magazin aus Hamburg. Gesagt hat diesen Satz Stephanie Nannen, die Enkelin von stern-Gründer Henri Nannen, im aktuellen Medium Magazin. Die Journalistin veröffentlichte just ein Buch über ihren Großvater. Und wird nun selbst zur stern-Deuterin.

Schönes Wochenende!

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