Der Groko-Leak und wir Angeber-Journalisten

Nun kann man ihn also nachlesen, den 177-seitigen ersten Entwurf des Koalitionsvertrags zwischen CDU/CSU und SPD. Zu verdanken haben wir das dem Grünen-Politiker Malte Spitz, der den kompletten Vertragsentwurf als PDF online gestellt hat. Während führende Medien wie ARD, Süddeutsche Zeitung, Welt oder Spiegel noch stolz auf ihre vermeintliche Exklusiv-Beute verwiesen, war die Original-Quelle schon für Jedermann zugänglich. Das Beispiel entlarvt die Angeber-Sprache im Journalismus.

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Die Formulierung, um die es im vorliegenden Fall geht ist eine besonders beliebte in Alpha-Journalistenkreisen (Auch der Medienjournalist Stefan Niggemeier hat dies in seinem Blog bereits aufgespießt): “Der uns/der Redaktion/dem Medium vorliegt”. Da schwingt ein gewisser Jäger-Stolz mit: “Der Entwurf des Koalitionsvertrags, der der ARD/der SZ/Spiegel Online/wem auch immer vorliegt.” Meist wird diese Formulierung mit nichtssagenden Detail-Infos gewürzt – eben wie viele Seiten der Vertrag hat oder auf welcher Seite eine bestimmte Formulierung zu lesen ist. Die Botschaft ist dabei nicht die Pseudo-Information an sich, sondern die Tatsache, dass der Journalist sie besitzt.

Das vorliegende Papier ist nicht die einzige verräterische Angeberei, der wir Journalisten uns gerne mal hingeben. Gleiches gilt für das Verorten von mündlichen Infos in “gut informierte Kreise”. Motto: „Lieber Leser, in genau diesen Kreisen bewegen wir uns, Du aber nicht!” Oder der inflationäre und mittlerweile größtenteils sinnentleerte Gebrauch des früheren Zauberwortes “exklusiv”. Das “Exklusiv”-Interview war früher mal ein scheues Reh, heute klebt das Label an jedem breit gestreuten Pseudo-Promi-Interview. Erinnern wir uns nur mal, wie viele Medien seinerzeit “exklusiv” ein Interview mit der Ex-Bundespräsidenten-Gattin Bettina Wulff anpriesen.

Aber auch jenseits vom Promi-Quatsch hat das Label “Exklusiv” dramatisch an Bedeutung verloren. Presse- und Kommunikationsabteilungen sind mittlerweile so fix, dass im Zweifel die offiziellen Verlautbarungen oft genauso schnell, wenn nicht schneller in der Welt sind, wie die dann nicht mehr exklusiven Enthüllungen. Und dann sind da noch die lieben Kollegen, die die Exklusiv-Inhalte so fix abschreiben, dass jede Paywall überflüssig wird. Das mussten jüngst auch die Leute von der Bild-Zeitung erfahren, die “exklusiv” enthüllten, dass die Tennis-Spielerin Sabine Lisicki die neue Freundin von Oliver Pocher ist. Während Bild die Story online als kostenpflichtigen Bild-Plus-Inhalt verkaufte, bliesen sogar die Kollegen von Welt.de, die wie die Bild zur Axel Springer AG gehört, die Story gratis in die Welt hinaus.

Selbst bei Kleinigkeiten wird gerne angegeben. Wenn man bei einem läppischen Telefonat ein läppisches 08/15-Zitat bekommt, heißt es in der Berichterstattung nachher “sagte xy gegenüber unserer supertollen Zeitung”. Man kann mittlerweile davon ausgehen, dass alles öffentlich Gesagte, bei dem nicht explizit damit geprahlt wird, dass es direkt gegenüber dem Medium gesagt wurde, aus einer Pressemitteilung oder von einem anderen Medium abgeschrieben wurde.

Diese ganze Angeberei dient dazu, das Medium als “Marke” zu positionieren, wie es so schön heißt. Es soll der Eindruck erweckt werden, dass der Leser/Zuschauer/Zuhörer hier etwas bekommt, was es woanders nicht gibt, etwas “Exklusives” eben. Medienmanager meinen womöglich das, wenn sie von „Qualität“ reden.

Leser sollen glauben, dass die Journalisten dieses ganz speziellen Mediums einen ganz besonderen Zugang zu den wichtigen Menschen und Informationen haben. Aber das ist Denke von vorgestern. Zwar gibt es diesen besonderen Zugang in Einzelfällen vielleicht noch. Die echten exklusiven Geschichten sind in der ohrenbetäubenden Pseudo-Exklusiv-Prahlerei der meisten Medien aber immer schwieriger auszumachen.

Hier fehlt es eindeutig am Mut zur Transparenz. Eine renommierte Zeitung wie die FAZ ist beispielsweise notorisch berüchtigt dafür, meistens verschleiert oder gar nicht zu zitieren, wenn sie sich woanders mit Informationen versorgt. Ein Link zu einem Konkurrenz-Angebot gilt sogar heute noch in vielen Profi-Redaktionen als verpönt. „Wir schicken unsere Leser nicht zur Konkurrenz.“ Da wird der Nimbus des allwissenden Mediums mit seinen allwissenden Journalisten gepflegt. Dabei ist das Meiste davon im Digitalzeitalter mit seiner Allgegenwärtigkeit von Informationen nur noch hohle Angeberei. Wenn die Leser das auch zunehmend so wahrnehmen, werden die Probleme der Medien noch größer, als sie ohnehin schon sind.
Hier gibt es den Vertragsentwurf der Großen Koalition zum Nachlesen.

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