Die Luxusprobleme des Spiegel

Der Spiegel ist ein besonderes Gewächs in der deutschen Medienlandschaft. Besonders erfolgreich, besonders bewundert. Aber auch besonders chaotisch und mit einer zur Selbstzerfleischung neigenden Belegschaft gesegnet. Ganz langsam steht aber auch der Besatzung des Raumschiffs Spiegel eine unsanfte Landung in den Niederungen des Medienumbruchs bevor. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, werden dort Sparmaßnahmen debattiert, die die legendären Pfründe der Print-Redakteure betreffen.

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So ein Spiegel-Redakteur, der hat’s gut. So lange er beim Heft arbeitet jedenfalls. Legendär sind üppige Bezahlungen, großzügige Spesenabrechnungen und Prämienzahlungen. Nicht zu vergessen: die Beteiligung am Unternehmensgewinn – insofern man zum erlauchten Kreis der Mitarbeiter KG gehört. Einigen dieser lieb und vor allem teuer gewordenen Spezialitäten könnte es nun an den Kragen gehen. Wie in der Süddeutschen Zeitung Claudia Tieschky und der frühere Spiegel-Mitarbeiter Hans Leyendecker berichten, plant die Geschäftsführung des Spiegel, den Privilegien-Wildwuchs zu beschneiden.

Das 14. Monatsgehalt stehe zur Disposition, Weihnachtsgeld und Fahrtkostenerstattungen könnten gekürzt werden, ebenso der “zusätzliche Urlaub für Redakteure und journalistische Mitarbeiter als Mehrarbeitsausgleich” und noch einiges mehr. Der Spiegel-Betriebsrat und einige führende Print-Leute beim Spiegel seien in heller Aufregung. Während anderswo in Medien-Deutschland Redakteure um ihre Abfindung bangen müssen und Tarifverträge ausgehöhlt werden, geht der herrschenden Spiegel-Kaste der Hut hoch, weil das 14. Monatsgehalt in Gefahr ist. So unterschiedlich können die Befindlichkeiten innerhalb der Branche sein.

Dazu muss man aber verstehen, dass gerade beim Print-Spiegel das Selbstbewusstsein immer schon gigantisch war und auch heute noch ausgeprägter ist als anderswo. Und es ist wahrscheinlich auch nur allzu menschlich, dass man über viele Jahre genossene Privilegien irgendwann als Selbstverständlichkeiten wahrnimmt. Man erinnere sich nur an den Sturm der Entrüstung, der durch die Spiegel-Flure waberte, als der frühere, glücklose Geschäftsführer Mario Frank den Redakteuren nicht mehr gönnen wollte, dass ihnen Kaffee und Plätzchen direkt an den Schreibtisch serviert werden. Aber das war nochmal zu einer anderen Zeit. Im alten Spiegel-Hochhaus, als auch die berühmte Pop-Art-Kantine noch nicht museumsreif war.

Mittlerweile sitzt der Spiegel im Neubau an der Ericusspitze und dort halten langsam aber sicher andere Regeln Einzug, als sie an der Brandstwiete galten. Mit Wolfgang Büchner ist ein früherer Onliner Chefredakteur geworden. Spiegel Online sitzt räumlich über der Print-Redaktion und nicht mehr in einem gesichtslosen Bürobau auf der anderen Straßenseite. Der gedruckte Spiegel steht vergleichsweise immer noch gut da und erwirtschaftet den Löwenanteil an Umsatz und Gewinn des Hauses. Wenn Print und Online aber auf Sicht zusammenwachsen sollen, müssen sich langsam auch die Rahmenbedingungen der dort Beschäftigten annähern. Bei den Onlinern bedeutet das tendenziell eine Bewegung nach oben: wohl ein bisschen mehr Geld, vergleichsweise bescheidene Gewinn-Beteiligungen, bessere Ausstattung. Bei Print bedeutet dies mittel- bis langfristig den Verzicht auf liebgewonnene Privilegien und auf Geld. Man kann sich leicht ausrechnen, bei welcher Gruppe diese Entwicklung für mehr und bei welcher für weniger Begeisterung sorgt. Auch wenn die Onliner im Schnitt immer noch weniger verdienen – viele Print-Redakteure dürften in diesen Tagen deutlich frustrierter sein. Denn auch wenn man viel hat: Abgeben tut weh.

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