„Das personifizierte schlechte Gewissen“

Fast die gesamte deutsche Presse nimmt heute Abschied von Dieter Hildebrandt. Die SZ schreibt: „Dieter Hildebrandt bellte nicht, sondern stotterte. Er erteilte keine Gesinnungsbefehle, sondern fragte“. Für Andreas Platthaus (FAZ) war er „das personifizierte schlechte Gewissen der Nation“. Die beste Titelseite lieferte die taz zum Tod des Kabarettisten. Es zeigt eine regenasse Windschutzscheibe, die von einem Scheibenwischer gerade abgezogen wird. Text dazu: „Hildebrandt entwischt“.

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Bernd Gieseking, taz: „Leidenschaftlich war er, leidenschaftlich unzufrieden mit den Verhältnissen in Deutschland, bis zu seinem Ende. Dabei war er kein unzufriedener Nörgler, sondern jemand, der mit großem Spaß analysierte. 


Andreas Platthaus, Franfurter Allgemeine Zeitung
: „Mit dem neuen Komödiantentum, das die deutschen Kleinkunstbühnen in Kleinstkunst-, wenn nicht gar Keinkunstbühnen verwandelt hat, wollte Hildebrandt nichts zu tun haben. Dafür gebührt ihm großer Respekt.“

Hilmar Klute, Süddeutsche Zeitung: „Dieter Hildebrandt war viel größer als alle anderen, weil er sich als Kabarettist kleiner machte. Seine Bühnenfigur, das war der Bürger, der ins Stammeln verfiel, wenn er Worte finden musste für das, was Politiker ihm servieren. Hinter seinen Sätzen stand selten ein Ausrufezeichen, sondern meist ein Fragezeichen. Und genau das machte ihn in den frühen Jahren für Politiker so gefährlich: Dieter Hildebrandt ließ die Mächtigen fragwürdig erscheinen.“

Nach Meinung von Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steinbart hat die deutsche Fernsehindustrie nun ihren schärfsten Kritiker verloren. „Unvergessen seine mediale Doppelwatschen“, schreibt er in seinem Morning Briefing: „’Die ARD macht sich in jede Hose, die man ihr hinhält. Und die Privaten senden das, was drin ist’“

In der Welt notiert Barbara Möller: „Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Dieter Hildebrandt eine Säule der alten Bundesrepublik gewesen ist. Ein Aufpasser erster Güte. Hildebrandt war der feindliche Beobachter der konservativen Politik“.

Arno Frank, Spiegel Online: „Es wird in den nächsten Tagen viel von seinem "präzisen Blick" auf das Polit-Geschehen die Rede sein, als blickten andere Künstler irgendwie unpräzise und verschwommen in die Landschaft. Intelligent war seine Kunst, weil sie vor allem darin bestand, auch den Zuschauer intelligent erscheinen zu lassen. Seine Versprecher dienten stets dazu, seinem Publikum den Genuss zu verschaffen, selbst das richtige Wort einzusetzen.“

Bei Zeit Online schreibt Ludwig Greven über "Biedermanns Brandstifter": "Mit seiner großen Brille und seinen gewöhnlichen Sakkos wirkte er wie ein Spießbürger. Doch auch wenn er bekannte, privat selbst so gelebt zu haben, war er in Wahrheit alles andere. In seinen verhaspelten, gestotterten, manchmal spontan improvisierten Wortkaskaden und Wortverdrehungen legte er den Hintersinn vieler politischer Äußerungen und Machenschaften offen. Im Lachen des Publikums spiegelte sich dann jeweils ein Erstaunen und Erschrecken, nicht selbst darauf gekommen zu sein.

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