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Der schreckliche Primat der Durchhörbarkeit

WDR-Intendant Tom Buhrow will den Posten der Hörfunkdirektorin mit Valerie Weber besetzen. Die 47-jährige ist ein reines Privatradiogewächs. Sie hat als Programmchefin und Geschäftsführerin viele Jahre Antenne Bayern geprägt. Wie kaum eine zweite Person in Deutschland steht Valerie Weber für so genanntes Formatradio. Beim WDR grummelt es ob dieser Personalie. Wenn Radio zukunftsfähig bleiben will, braucht es eher weniger Formatradio statt mehr.

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Eigentlich ist Radio ein tolles Medium. Radio ist schnell. Man schickt einen Mitarbeiter mit Handy raus, der ins Studio gestellt werden. Bis kurz vor Sendung können Texte umgeschrieben werden. Hörer können direkt in die Sendung gestellt werden. Der Verzicht auf Bilder und deren aufwändige Produktion gibt dem Radio einen enormen Tempo-Vorteil. Radio ist emotional. Durch Stimmen werden Stimmungen erzeugt. Der Bass eines Nachtmoderators, das Kieksen der Moderatorin einer Teenie-Sendung. Die Auswahl von Musik erzeugt zusätzlich Atmosphäre, für die emotionale Farbe eines Senders oder einer Sendung. Radio hat vor allen anderen Medien diesen schwer fassbaren Reiz des Unmittelbaren. Dieses Gefühl, dass da jemand ist, der zu einem spricht. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Das macht die Faszination von Radio aus.

All das kann Radio sein. Bzw heute muss man sagen: könnte. Denn das allgegenwärtige Formatradio ist so ziemlich das Gegenteil von alledem. Computer errechnen Playlisten, Witze werden in Form von produzierten Comedy-Reihen eingespielt. Berater ziehen mit den immergleichen Musterköfferchen an oft grenzdebilen Gewinnspiel-Ideen durchs Land. Nichts wird dem Zufall überlassen. Es regiert der schreckliche Primat der Durchhörbarkeit, der allerkleinste gemeinsame Nenner. Und das letzte Wort hat der Kunde – womit nicht der Hörer gemeint ist, sondern der Werbekunde. Ein Sender, der mit dieser Form des extrem stromlinienförmigen, durchkommerzialisierten Radios sehr groß und sehr erfolgreich geworden ist, ist Antenne Bayern.

Die Frau, die für diesen Kurs steht, Valerie Weber, soll nun also nach dem Willen von Intendant Tom Buhrow oberste Hörfunkchefin beim WDR werden. Und damit Chefin über Wellen wie der immer noch ein bisschen widerborstigen Jugendwelle 1Live (die nächtliche Gesprächssendung “Domian” ist pures Radio), dem werbefreien Bildungssender WDR5 oder dem Kulturfunk WDR3. Sogar die Mainstream-Welle WDR2 ist vom Klingeling-Kommerz einer Antenne Bayern noch immer meilenweit entfernt.

Angeblich regt sich beim WDR intern großflächig Protest gegen die Personalie Valerie Weber. Ein Argument für die Format-Fachfrau könnte sein, dass der WDR-Hörfunk frischen Wind braucht, dass man den Beamtenladen durchlüften muss. Allerdings gilt gerade der WDR-Hörfunk als vergleichsweise innovativ und nicht gerade als die Abteilung im Hause mit dem größten Restrukturierungsbedarf. Und welche Expertise soll Valerie Weber auch mitbringen, um etwa bei einer Kultur- oder einer Infowelle für frischen Wind zu sorgen. Ihr Ruf in der Branche fußt auf dem Durchexerzieren von überdrehten Marketing-Aktionen und Gewinnspielen mit dem üblen Geschmäckle, dass hier Werbung und Inhalte ein bisschen durcheinander geraten sein könnten.

Jüngst beim “WDR Check” stellte sich Intendant Tom Buhrow den Fragen von Kritikern und Publikum. Dabei ging es am Rande auch ums Radio. Mehrere Hörer beklagten sich, dass immer die gleiche Musik gespielt werden würde, dass die Wellen zu eintönig formatiert seien. Die Durchhörbarkeit und das Formatradio haben Sendern in den Reichweiten-Erhebungen der Media Analyse immer wieder große Erfolge beschert.

Noch steht Radio im Vergleich zu Printmedium vom digitalen Wandel fast unberührt da. Die Leute nutzen Radio als Nebenbeimedium, parallel zu anderen Tätigkeiten. Diese Form der Nutzung wird von Formatradios begünstigt – sie verlangen nicht viel Aufmerksamkeit von ihren Hörern. Wenn die Aufgabe der Nebenbei-Berieselung aber von digitalen Anbietern bald noch konsequenter wahrgenommen wird, könnten private Formatradios schnell Probleme bekommen. Internet-Angebote, die sich nicht an hiesige Rundfunkgesetze halten müssen, könnten die Aufgaben des Dudelfunks einnehmen. Dienste wie das erfolgreiche Spotify sind womöglich erste Vorboten einer solchen Entwicklung.

Dann wäre es vielleicht ganz gut, sich auf die eigentlichen Stärken des Mediums Radio zu besinnen. Auf Schnelligkeit, Emotion, Nähe. Gerade einer öffentlich-rechtlichen Anstalt wie dem WDR würde es schon heute gut zu Gesicht stehen, diese Elemente des Radios auszubauen, statt womöglich weiter zurückzudrängen. Warum der Sender dafür jemanden holt, die in ihrem bisherigen Berufsleben so ziemlich das Gegenteil gemacht hat, ist schleierhaft.

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