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Qype-Aus: der verkorkste Yelp-Umzug

Zwei Gewinner und abertausende Verlierer. So lässt sich der Umzug von Qype zu Yelp momentan wohl am besten beschrieben. Für rund 50 Millionen Dollar kaufte Yelp den Platzhirschen in Deutschland auf, um ihn wenige Monate später abzuschalten. Seitdem schnellt der US-Konzern in der Sichtbarkeit extrem nach vorn. Doch bei Unternehmen, die mit ihren Geschäften auf der Bewertungsplattform vertreten sind, regt sich massiver Protest. Viele Bewertungen sind verschwunden.

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Wenn ein US-Unternehmen ein deutsches Web-Unternehmen kauft, dann ist das immer ein Drahtseilakt. Nicht unbedingt wegen der technischen Herausforderung, Millionen von Datensätzen korrekt in ein anderes System zu übertragen. Vielmehr prallen hier zwei Privatsphären-Kulturen aufeinander. Das führte schon einst bei Facebook zu Problemen, wie es jüngst Martin Weigert auf netzwertig.com aufschrieb. Und dennoch: Yelp und Qype haben diesen Schritt vollzogen. Allerdings offenbar auf dem Rücken der Nutzer und Unternehmer.
Schon der Umzug der Qype-Profile zu Yelp war umständlich gelöst. Zuerst brauchte es eine manuelle Anmeldung bei Yelp und dann wiederum eine manuelle Aufforderung, die Qype-Daten zum neuen Bewertungsportal zu importieren. Automatische Migration? Fehlanzeige. Der Grund: Die Nutzer mussten den neuen Datenschutzbestimmungen zustimmen, bevor ihre Einträge übernommen werden. Weitaus umständlicher war der Umzug für Unternehmen, die mehrere Filialen betreiben und dementsprechend mehr Profile besitzen. Bis zum Ablaufen einer Deadline Ende Oktober musste man umständlich Profil für Profil von Qype aus per Login zu Yelp importieren. Wer die Deadline verpasste, der musste auf Yelp neu anfangen. Bewertungen, Fotos – all das war im Datennirwana verschwunden.
Doch seitdem Qype abgeschaltet ist, üben viele Unternehmer teils heftige Kritik. Der Vorwurf: Ihre guten Bewertungen sind verschwunden. So scheint es zumindest. Denn wirklich verschwunden sind sie nicht. Sie sind vielmehr gefangen in einer “Filter-Bubble”. Hamburg-Blogger Peter Jebsen wies daraufhin, dass Yelp einen Filtermechanismus einsetzt, der echte Bewertungen von gefakten Positiv-Beurteilungen trennen soll. Eigentlich eine gute Sache. Schließlich lebt eine Plattform wie Yelp davon, dass echte Nutzer sich echte Gedanken über eine Lokalität gemacht haben und damit das Portal mit glaubwürdigen Inhalten befüllen. Doch offenbar scheint dieser Filter “verstopft”, seitdem Massen von Bewertungen aus Qype aufgelaufen sind.
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Unternehmer beklagen, dass nur ein Bruchteil der ursprünglichen Bewertungen momentan sichtbar ist. Yelp schreibt dazu selbst in einer FAQ: “In anderen Fällen wirkt sich der Filter auf positive Beiträge aus, weil der Inhaber eines Geschäfts seine Kunden um das Verfassen von Beiträgen gebeten hat (diese Taktik generiert zwar mehr Beiträge, verzerrt aber die Bewertung des Geschäfts auch ungewollt). In jedem Fall wirkt sich der Filter auf sowohl auf positive als auch auf negative Beiträge aus.”
"Bitten wir einfach um ein wenig Geduld"
Das Problem: Der Filter blendet derzeit wohl auch viele aktuelle Beiträge aus. Jebsen nennt ein Beispiel: “Beim Hamburger El Tequito hatten nur sechs Beiträge den Filter überlebt, der “jüngste” stammte aus dem März 2011 (!). 24 von 33 gefilterten Bewertungen waren aktueller. Wer sich also über die momentane Qualität des Restaurants informieren wollte, schaute in die Röhre.” Während Unternehmer momentan Sturm laufen, erbittet sich Yelp noch Zeit. In einem Beitrag im Yelp-Forum schreibt eine Mitarbeiterin: “Da wir uns noch mitten in der Migration befinden, bitten wir einfach um ein wenig Geduld. (…) Die Bilder einzelner Unternehmen welche ihr jetzt seht, sind eventuell noch nicht das, was ihr nach der erfolgreichen und kompletten Migration sehen werdet. Ich verstehe euch vollkommen, aber bitte versteht auch, dass wir uns mitten in einem extrem komplizierten Prozess befinden, der eben noch nicht abgeschlossen ist.”
Wer mit einem oder mehreren Geschäften auf Yelp vertreten ist, muss sich nun offenbar in Geduld üben. Damit hat der US-Konzern die Abwicklung "vergeigt", bringt es Weigert auf den Punkt. Das Portal hat es sich gleich zu Beginn mit Unternehmern und Nutzern verscherzt. Vor allem die Community, auf die Yelp angeblich so viel Wert legt, zeigt sich verwirrt angesichts der jüngsten Entwicklungen. Denn ihre Beiträge hängen teilweise grundlos in der Filterbubble fest. Anders formuliert: Echte Nutzer stehen unter dem Verdacht, Fake-Kommentare verfasst zu haben. 
Geschädigte organisieren sich
Rechtsanwalt Jens Ferner sieht zumindest eine Chance für Unternehmer, dennoch zu ihrem Recht zu kommen: "Yelp muss bei der Übernahme der Daten die Interessen der Unternehmen beachten und spätestens bei willkürlichem Vorgehen bestünde ein Anspruch aus Treu und Glauben (§242 BGB) auf Berücksichtigung der Interessen der Unternehmen. Das Ergebnis ist aber nicht zwingend, dass man alle positiven Bewertungen erhält! Vielmehr kann es auch ein Ergebnis sein, dass die Möglichkeit eines “Neustarts” ohne Bewertungen gewährt wird – denn der Anspruch kann nur sein, dass das Meinungsbild zum eigenen Unternehmen nicht verzerrt dargestellt wird. Dies kann man durch umfassende Übernahme der Bewertungen erreichen, aber auch durch entfernen sämtlicher Bewertungen." Sollte seitens Yelp ein konkreter Verdacht für Manipulationen belegt werden können, bestünde aber weiterhin jederzeit die Möglichkeit, dass entsprechende Bewertungen entfernt werden.
Für Geschädigte gibt es mittlerweile sogar ein Blog, das besonders heftige Fälle dokumentiert, bei denen Unternehmen im Ranking enorm abgerutscht sind. Auch wenn es ganz danach aussieht, dass in den kommenden Wochen immer mehr Beiträge freigeschaltet werden und sich damit auch die allgemeinen Bewertungen der Unternehmen wieder verbessern: Der Vorgang ist eine Kommunikationskatastrophe. Yelp hat innerhalb weniger Wochen enorm viel Vetrauen verspielt. Es wird dauern, die Community wieder für die eigene Sache zu gewinnen. Dafür müssten vor allem bestehende Beiträge engagierter Nutzer wieder aus der Filterblase befreit werden.

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