Kaiser Beckenbauers seltsam heile Welt

Franz Beckenbauer, der als Lichtgestalt des deutschen Fußballs gilt, hat sich zu Wort gemeldet. Er rüffelte die Bürger, die die Stirn besaßen, die Bewerbung Bayerns um die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele 2022 abzulehnen (“Das werden sie noch bereuen.”) und hatte ganz eigene Ansichten zum Skandal der Zwangsarbeiter im WM-Ausrichtungsland Katar (“Habe nicht einen einzigen Sklaven gesehen.”). Da zeigt sich eine Weltsicht, die nicht zum Bild vom netten Kaiser Franz passen will. Die Fassade der Lichtgestalt bekommt Risse.

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Die Enthüllungen der britischen Zeitung The Guardian, dass das Emirat Katar als Ausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 für den Bau von WM-Spielstätten ausländische Zwangsarbeiter unter sklavenähnlichen Bedingungen beschäftigt, sorgten weltweit für Schlagzeilen. Viele andere Medien griffen das Thema auf und recherchierten weiter. Zuletzt veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung am 5. November eine große Seite-3-Reportage mit dem Titel “Sport und Schande”, die ausführlich auf die erbärmlichen Bedingungen vieler Gastarbeiter aus Pakistan und Nepal im superreichen Katar einging.

Dem Kaiser passt das nicht. Also die Berichterstattung, nicht die Sache mit den Zwangsarbeitern. Zwischen Kitzbühel und Katar ist in der seltsam heilen Welt vom Kaiser Franz kein Platzerl frei für miesmacherische Schlagzeilen zu einem Fußball-Freudenfest. Kurz nach der Veröffentlichung in der Süddeutschen wurde Beckenbauer von Journalisten zu der Lage von Zwangsarbeitern in Katar befragt. Er sagte wörtlich folgendes: “Also ich hab noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gsehn. Die laufen alle frei rum, weder in Ketten gefesselt und mit irgendwelchen Büßerkappen aufm Kopf. (…) Also ich habe mir vom arabischen Raum ein anderes Bild gemacht und ich glaube, mein Bild ist realistischer.” Jo, mei. Wenn der Kaiser von der klimatisierten Limousine aus halt keine angeketteten Sklaven mit Büßerkappe “gsehn” hat, dann werd’n scho keine da sein, gell!? Und wenn hinten am Gerüst dann ein paar Nepalesen runterfallen – a bisserl Schwund is halt immer. Hauptsache die Klimaanlage läuft und der Schampus is gut temperiert.

Das Zitat vom Kaiser Franz, der Lichtgestalt, offenbart ein unerhörtes Maß an Ignoranz und Menschenverachtung. Der ZDF-”heute show” war seine Einlassung in der vergangenen Sendung einen Einspieler wert (zu sehen ganz am Ende ab Minute 31.20). Auch die Engstirnigkeit der bayerischen Bevölkerung, die Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022 einfach mal abzulehnen, gefällt dem Kaiser nicht. A bisserl korrupt san’s scho beim IOC – aber das soll man doch bitte nicht auf die Goldwaage legen. So ließ er es sinngemäß in der Abendzeitung ausrichten. In dem devot gehaltenen Interview teilte Beckenbauer wörtlich mit: “Ich weiß auch nicht, ob man wirklich über alles abstimmen muss, früher gab es das auch nicht, und es hat auch geklappt und man hat die Spiele gekriegt. Die, die dagegen sind, gehen alle hin, und nehmen noch ihre Großmutter mit und alles was sie noch zur Verfügung haben. (…) Die Münchner, die Bayern, haben das in meinen Augen verschlafen, und ich bin mir sicher, dass sie das noch bereuen werden.”

Schon doof diese Sache mit dem Abstimmen und der Demokratie, wenn man Kaiser ist und doch nix alleine bestimmen kann. Wäre der Kaiser Franz Alleinherrscher, er hätte wahrscheinlich par ordre du mufti Olympia in Bayern befohlen und hinterher wären alle froh gewesen. Wie damals bei der Fußball-WM in Deutschland, die später auch von unschönen Korruptions-Vorwürfen umweht wurde.

Franz Beckenbauer ist beliebt, er gilt als charmanter und freundlicher Zeitgenosse. Viele haben von ihm das Bild des weltläufigen Fußball-Diplomaten und lustigen Werbe-Onkels im Kopf ("Ja is den heut scho Weihnachten?"). Das gilt aber nur so lange alles so läuft, wie sich der Kaiser es vorstellt. So lange keine unangenehmen Fragen gestellt werden. Das Interview in der Abendzeitung war so gesehen sicher nach seinem kaiserlichen Geschmack: Keine lästigen Nachfragen zum Beispiel nach dem Strafbefehl gegen FC-Bayern-Funktionär Rummenigge, der Luxusuhren illegal aus – natürlich – Katar eingeführt hatte. Oder nach der Steuer-Affäre von FC-Bayern-Präsident Hoeneß, der sich nun vor Gericht verantworten muss. Man kann es sich leicht ausmalen, dass der Kaiser solche Sünden eher für lässlich hält. Da menschelt es in der Kaviar-Kaste.

In der kaiserlichen Welt von Franz Beckenbauer ist alles heil, so lange die Fassade schön glänzt. Jetzt bekommt halt vielleicht so ein Schurkenstaat die Olympischen Winterspiele, weil die Bayern so doof waren. Die Fußball WM in Katar wird aber bestimmt ganz dolle. Mit lecker Häppchen im VIP-Bereich der runtergekühlten Wüsten-Stadien. Draußen ist’s warm, die Sonne scheint. Die Fassade vom netten Kaiser Beckenbauer hat aber deutliche Risse bekommen. Und wenn man da reinschaut, in die Risse, sieht es plötzlich gar nicht mehr nach Lichtgestalt aus. Da drinnen ist es ziemlich finster.

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