„Lineares TV wird zum Ärgernis“

"Der Durchbruch in den Massenmarkt ist uns in den letzten 10 Monaten noch nicht gelungen", sagt Stefan Schulz, Deutschlandchef des Video-on-Demand-Anbieters Watchever. Im Gespräch mit MEEDIA erklärt Schulz aber, warum dieser Durchbruch gewissermaßen vor der Haustür steht. Der Markt für VoD wachse in den nächsten Jahren auf geschätzte 5 bis 10 Millionen Abonnenten an. Denn, so Schulz: "Lineares TV wird immer mehr zu einem Ärgernis."

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Im deutschen Feuilleton sind in regelmäßigen Abständen so leidenschaftliche wie ausufernde Essays zu lesen, die sich am vermeintlich schlechten deutschen TV-Programm abarbeiten. Verlässlich mit Verweis auf die (tatsächlich) tolle Serienkultur der USA. Siehe: Die Sopranos, MadMen, The Wire, Game of Thrones, House of Cards, etc. pp. Die entweder zerstückelt auf einem deutschen TV-Sender zersendet, oder erst gar nicht angekauft werden. Weil: Für das deutsche TV-Publikum "zu speziell". Zum Lamento kommen dann noch die bekannten Ärgernisse: Zu viele Gameshows, belanglose Vorabendserien, Prime-Time-Schmonzetten. Usw, usf.
Diese Wahrnehmung spielt in die Hände der Anbieter von VoD. Stefan Schulz kennt diese und alle anderen Klagen. Sein Social Media-Team screent sehr genau, was bei Twitter, Facebook und Co. über das eigene Angebot und über das TV-Programm allgemein geschrieben wird. "Die Aussage ‚es läuft wieder nichts im Fernsehen‘ ist dauernd zu hören und zu lesen. Das kann bei unserem umfangreichen frei verfügbaren Fernsehprogramm eigentlich gar nicht sein." Doch der Eindruck entstehe, weil die Programme an Anfangszeiten gebunden sind. Und immer, wenn man gerade mal Zeit hat, sich durch die Sender zu zappen, genau das nicht kommt, was man gerne sehen würde. Schulz sagt: "’Es läuft nichts‘ bedeutet: es reicht linear nicht. Lineares TV wird immer mehr zu einem Ärgernis." 

Watchever braucht den Massenmarkt
Watchever startete Anfang des Jahres in Deutschland. Der Dienst bietet für 8,99 Euro im Monat (kostenlose Testphase von 30 Tagen) eine Flatrate für alle Filme und Serien im Angebot an. Konkurrenten sind u.a. Maxdome (ProSiebenSat.1), Lovefilm (Amazon), iTunes (Apple), Videoload, aber auch Plattformen wie Entertain der Deutschen Telekom. Stefan Schulz, der bis 2008 Chef von Universal Mobile war und dann die Sparte Mobile Entertainment bei Vivendi betreute, will sich zum Marktführer unter den Abo-VoD-Diensten aufschwingen: "Wir brauchen eine mindestens siebenstellige Zahl von Abos, das Modell ist auf den Massenmarkt ausgelegt." 5.000 Abonnenten kämen täglich hinzu – wie groß die Zahl der Kunden insgesamt ist, sagt Schulz nicht. Auch die Umwandlungsrate von Testkunden in zahlende Abonnenten nennt der CEO nicht.
Die Conversion, also die Umwandlungsrate, dürfte aber essentiell sein für den Erfolg der Plattform. Netflix hat in den USA vorgemacht, wie das gehen könnte, dort liegt die Rate angeblich im hohen zweistelligen Bereich. Netflix, das in den USA als DVD-Verschicker anfing und nun das dominierende VoD-Portal ist, fehlt noch auf dem deutschen Markt. Mit einem Launch muss aber unbedingt gerechnet werden. Was unterscheidet nun Watchever vom Wettbewerb? Stefan Schulz führt vor allem den Offline-Modus an. Das heißt, Abonnenten müssen zum Anschauen von bis zu 5 Filmen und rund 20 Serien-Episoden nicht online sein. Das erhöhe den "Nutzungsfaktor" deutlich, sagt der Chef. Und das ist es, worauf es ihm auch ankommt – die Nutzungsstunden des Portals in die Höhe zu schrauben. Was die Quote für TV-Sender, ist diese Größenordnung für VoD-Portale. Vorteil für Nutzer: Die Plattform ist – wie ihre Mitbewerber – auf vielen verschiedenen Geräten nutzbar.
Prognose stark steigender Umsätze
Der VoD-Markt habe 2012 einen Umsatz von 124 Millionen Euro erzielt, haben Experten vom House of Research für die Zeitschrift Media Perspektiven errechnet. Sie berufen sich in einer Studie auf die GfK. Der Gesamtanteil am Home-Video-Markt habe im vergangenen Jahr nur 7,2 Prozent betragen. Aber: Der Umsatz werde in den kommenden Jahren deutlich steigen, auf ein Minimum von 437 Euro im Jahr 2017 (wie genau diese Zahl zustande kam – unklar). Und das bei einem Gesamt-Marktumsatz von 4,4 Milliarden Euro – also Umsätze aus dem Verkauf und Verleih von Filmen und Serien, sowie aus Pay-TV und Kinobesuchen zusammengenommen. Von den 124 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr entfielen laut der Studie nur 22 Millionen auf Abo-VoD-Plattformen (S-VoD). Mehr Umsatz wird bisher noch mit dem elektronischen Filmkauf per Download und einmaligen Filmkäufen generiert.
Doch es ist das Abo (oder Subscription-)Modell, auf das Watchever setzt. Schulz: "Das Abo-Modell, im Vergleich zum werbefinanzierten Modell, entspricht am ehesten dem originären Businessmodell, also der direkten Ausschüttung an die Produzenten, die auf verlässlichen Planungszahlen basieren. Ansonsten wäre ein solches Geschäftsmodell nicht zu finanzieren." Anders als bei Musikstreaming-Plattformen, die mit verhältnismäßig wenig Labels Lizenzverträge abschließen müssen, um an ein hohes Volumen an Stücken zu kommen, hat man es im Filmgeschäft mit rund hundert relevanten Lizenzgebern zu tun. Filme werden laut Schulz genau ausgesucht." Eine wiederkehrende Kritik von Filmfans lautet: Die Plattformen zeigen keine ganz aktuellen Kinostreifen. Dafür ist eher das Pay-TV zuständig.
Erste deutsche Eigenproduktion in Auftrag gegeben
Bei dem französischen Medienkonzern Vivendi ist man sich sicher, dass die Zukunft des Fernsehens für Filme und vor allem für Serien im komfortablen Abo-Streaming liegt. Die TV-Sender bremsten sich selber aus, beobachtet Schulz, zudem produzierten sie gar keine qualitativ hochwertigen Serien selber. Netflix hat mit der Erfolgsserie "House of Cards" vorgemacht, wie man sich bei den Nutzern ins Spiel bringen kann. Auch Stefan Schulz will mit einer Eigenproduktion glänzen, eine erste Serie für den deutschen Markt sei bereits in Auftrag gegeben. Um welches Genre es sich handelt, wollte er im Gespräch nicht preisgeben. Ab dem 18. November ist erst einmal eine französische Produktion von Canal+ (gehört auch zu Vivendi) abrufbar – die Horror-Serie "The Returned".
Aus einer Keimzelle bei Universal Music (das zu Vivendi gehört), nach diversen Erfahrungen mit digitalen Geschäftsmodellen, inklusive dem zeitweise atemberaubend erfolgreichen Verkauf von Klingelton-Lizenzen, sollen nun unter Watchever-Flagge die Nutzungsgewohnheiten der TV-Zuschauer verändert werden. Die Botschaft des selbstbestimmten Fernsehens muss noch in den Mainstream kommen, viel hängt ab von der Technik und dem Serice, auch von der Verpackung des Angebots. Die jahrelange Quälerei von Premiere hat gezeigt, dass Bezahl-TV gleich welcher Art kein Selbstgänger ist, vor allem nicht in Deutschland.
Doch ewig Zeit lassen kann man sich als VoD-Plattform gleichwohl nicht, der Markt will besetzt werden. Eine bisher von anderen Anbietern nicht genutzte Werbefläche hat er schon entdeckt – Twitter. Mit Springers Bild gibt es eine Kooperation, und das bisherige Werbegesicht der Plattform ist Till Schweiger. Klare Ansage Schulz: "Ich schaue auf 40 Millionen Haushalte in Deutschland." "Zeitkritisch" sei das Geschäft, sagt er. Auf Dauer werde es "nicht mehr als einige Anbieter" geben können. 

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