Spiegel-Legende Jürgen Leinemann ist tot

Sechs Jahre kämpfte er gegen den Krebs, am Wochenende ist Jürgen Leinemann im Alter von 76 Jahren gestorben. Mit ihm verliert der deutsche Journalismus eine Reporter-Legende und einen der einflussreichsten politischen Beobachter der letzten Jahrzehnte. Sein ehemaliger Spiegel-Kollege Hans Leyendecker würdigt ihn in der Süddeutschen Zeitung als "großen Porträtisten" und "Meister der psychologischen Reportage". Leinemann war schonungslos ehrlich - auch gegen sich selbst.

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Spitzenpolitiker aller Parteien traten dem Mann vom Spiegel, der Anfang der 70er Jahre noch in der Ära von Willy Brandt zum Hamburger Nachrichtenmagazin stieß, mit einer Mischung aus Furcht und Respekt entgegen. Helmut Kohl verbannte ihn erst bei Auslandsreisen aus der Regierungsmaschine, um später als Laudator für ein Buch Leinemanns über Sepp Herberger aufzutreten.
Leinemann hatte seine journalistische Karriere bei der dpa gestartet, für die er in Deutschland und Washington tätig war. Später entwickelte er einen eigenen Stil, der von einer subjektiven Wahrheitssuche geprägt war. "Keinen Augenblick sage ich: So ist es", beschrieb Leinemann sein Vorgehen, "ich sage nur: So sehe ich es." So wurde er beides: glänzender Stilist und, wenn er es so empfand, unbarmherziger Abrechner." Leyendecker bescheinigt ihm, er habe "lange vor anderen gesellschaftlich wichtige Entwicklungen aufgespürt" und sich dabei "was getraut".
Dabei sparte er sich selbst nicht aus. Als er einmal vor eine Klasse von Journalistenschülern trat, die den großen Reporter vom Spiegel anhimmelten, sagte er zur Begrüßung: "Mein Name ist Jürgen Leinemann, und ich bin Alkoholiker." Über seine Sucht, die er unter Kontrolle brachte, schrieb er sogar ein Buch, wie auch später ("Das Leben ist der Ernstfall") über seinen Umgang mit der Krebserkrankung, die ihm die Stimme nahm – für Leinemann als einen Mensch des Wortes eine besonders fürchterliche Erfahrung. 

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