„Schimanski“ im Zwei-Generationen-Check

Seit dem Debüt im Juni 1981 ist Horst Schimanski für viele Krimi-Fans zu einer Konstante ihres Fernsehlebens geworden. Kein Ermittler der "Tatort"-Reihe hat länger durchgehalten als der inzwischen längst pensionierte Kripokommissar aus Duisburg, genial schlicht verkörpert von Götz George. Der wurde im Sommer 75, doch Schimanski gibt sich auch im 46. Film "Loverboy" als Haudrauf wie zu alten Tagen. Ob das kultig oder eher peinlich ist, zeigt der MEEDIA-Generationen-Test.

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Vor der Ausstrahlung am Sonntag haben sich Jennifer Geiger, 22, und Georg Altrogge, 52, den Krimi angesehen und "Schimanski" aus ihrer Sicht bewertet.

Der Typ
Georg Altrogge: Im Jahr, als Schimanski in mein Leben trat, habe ich Abitur gemacht, in einem Ort am Rande des „Kohlenpotts“, der die Kulisse für seine Krimis liefert. Wir glaubten, cool zu sein, aber Schimi war es. Er rettete den Army-Parka, die Uniform ganzer Schülergenerationen in den 70ern, ins nächste Jahrzehnt und machte die Feldjacke M-65 zum Klassiker. Jemand wie Schimanski verändert sich nie, er wird nur älter, aber selbst das ist ihm nicht anzusehen. Unglaublich, dass dieser Typ inzwischen 75 ist: ein unkaputtbarer Bulle, hohlraumversiegelt wie sein betagter Citroen, der noch aus der „Fahren wie Gott in Frankreich“-Ära stammt.
Was sich ändert, ist die Welt um ihn herum, die keine Verwendung mehr für ihn hat und sich von ihm genervt fühlt. „Ich brauche keine Brille, ich brauche ein bisschen mehr Respekt“, mault der Rentner seinen noch im Polizeidienst aktiven Kollegen Hänschen an, der auf Schimanskis Frage, ob ihm gar nichts peinlich sei, kontert: „Wenn mir etwas peinlich wäre, wären wir nicht befreundet.“ Ein aus der Zeit gefallener Ex-Kommissar, der Flaschbier-trinkend und nuschelnd durch die Szene wuselt und doch mit seiner Präsenz den Raum füllt wie vor 30 Jahren. „Technik ist wohl nicht so Ihr Ding“, sagt jemand, als Schimanski („Da drinnen soll ein Foto sein“) hilflos am Smartphone rumfummelt. „Nein, ich mag’s eher persönlich“, antwortet er, und für so viel stur-groteske Verweigerung lieben wir ihn.

Jennifer Geiger: Schimanski? Wer ist eigentlich Schimanski? Die "Tatort"-Figur wurde 1981 zum Leben erweckt. Ich dagegen erst zehn Jahre später. Man möge mir also nachsehen, dass mich die Freude über die Wiederkehr des Ermittlers relativ kalt gelassen hat. Natürlich ist mir der Name Schimanski schon des öfteren zu Ohren gekommen, doch auch als Götz George diese Rolle 2011 zum (vorerst) letzten Mal verkörperte, konnte mich der Hype um den Ermittler nicht so richtig packen. 
Doch natürlich lasse ich mich gerne durch die Nostalgie der älteren Generation mitreißen und freute mich in „Loverboy“ den Herrn Schimanski auch mal kennenlernen zu dürfen. Meine Einschätzung: Ein chaotischer, leichtsinniger aber durchaus liebenswerter Ermittler, der durch den zwanghaften Versuch sein hohes Alter zu ignorieren auch gerne mal ein wenig Fremdscham in mir hervorruft.

Der Fall
GA: Eine alte Freundin bittet Schimanski, ihre Tochter zu suchen. Die 14-Jährige Jessica ist mit einem skrupellosen „Loverboy“ durchgebrannt, der sie verführt, um sie auf den Strich zu schicken. Eine Story, die niemanden gleichgültig lässt: „morgens Mathe, nachmittags Hure“ ist das Motto, nach dem die Mädchen leben, bevor sie später mit Drogen vollgepumpt und vergewaltigt werden. Schimi ermittelt auf eigene Faust, was bei ihm stets wörtlich zu verstehen ist: Kloppereien scheinen Teil seines normalen Kommunikationsverhaltens zu sein, eine Fortsetzung des Gesprächs mit anderen Mitteln. Ob er dabei gewinnt oder eins auf die Glocke bekommt, scheint eher nebensächlich.
Schimanski folgt einer geradezu kindlichen Logik, die sich in Dialogen wie diesem äußert: „Du hättest ihn nicht hauen dürfen!“ – „Aber er hat’s verdient!“ Kompliziert wird der an sich simple Fall um das verschwundene Mädchen und den Mord an einem Zuhälter vor allem dadurch, dass die Kripoleute allergisch reagieren, sobald Schimanski auftaucht. Natürlich löst er den Fall im Alleingang, und dass die Botschaft des Krimis am Ende politisch bedenklich inkorrekt ist, wundert bei Schimanski nicht.

JG: Während Schimanski als Figur also vorrangig das ältere Publikum hinter dem Ofen hervor holen wird, dürfte die Story rund um die „Loverboys“ auch die jüngeren Tatort-Fans und vor allem Eltern junger Mädchen interessieren. Alles in einem ein gut gewähltes, modernes Thema und – auch wenn das Ende relativ früh vorhersehbar ist – wurde ich von Schimanskis berühmten „ungewöhnlichen Methoden“ in den Bann gezogen und verfolgte den Fall mit großer Spannung (und dem einen oder anderen Lacher) bis zur letzten Minute. Obwohl ich mit den einzelnen Charakteren zunächst nichts anfangen konnte, wurde es einem leicht gemacht, sich in die Geschichte und Personen reinzufinden. Schimanski-Neulinge müssen sich also nicht erst alle Fälle des Ermittlers ansehen, um dem Plot folgen zu können.

Der Kult
GA: So wie Schimanski seinen Parka aus der Mottenkiste einer ganzen Reihe gleicher Modelle kramt, so ist jeder Schimanski-Krimi eine Variation des immergleichen Strickmusters. Raue Schale, weicher Kern, fast hört man Klaus Lage im Hintergrund „Faust auf Faust“ singen, der Tiefpunkt des Schimanski-Kults. Schimanski verleiht der Ein-Mann-sieht-Rot-Haltung menschliche Züge, und das macht ihn einzigartig. Er macht eine kaputte Welt nicht wirklich besser, aber er sorgt mit seinem unverhohlenen und ungeahndeten Hang zur Selbstjustiz dafür, dass wir uns darin für einen Moment besser, weil weniger hilflos fühlen.

JG: Auch wenn ich bisher keinen Schimanski-Fall kannte, brachte ich die Figur immer mit der berühmten beigefarbenen Kutte in Verbindung. Natürlich darf dieses Markenzeichen auch in „Loverboy“ nicht fehlen, und es dauert nicht lange bis Schimanski die lässige Feldjacke überstreift – wohl ein „Magic Moment“ für jeden Nostalgiker. Für mich eher eine Erleichterung, einen alten Mann mit leichtem Bierbauch nicht mehr in einer viel zu engen Jeansjacke ansehen zu müssen.
Ich habe lange überlegt, anhand welcher öffentlichen Person meiner Generation ich den Kult um die Figur Schimanski nachvollziehen könnte. Doch gegen einen knapp 30 Jahre alten Mythos kommt wohl niemand so schnell ran. Wer weiß – vielleicht feiern wir mit ähnlicher Spannung 2043 das Comeback von Til Schweiger als "Tatort"-Rentner. Wahrscheinlich aber eher nicht.

Das Fazit
GA: Unter den "Tatort"-Formaten ist „Schimanski“ heute ein Exot. Von der Story her nicht besonders raffiniert, filmisch ohne hochfliegende Ambitionen, mit vorhersagbaren Elementen, die wie die notorische Rockergang eher wie Zitate wirken, als dass sie die Handlung befördern. Dass dabei aber kein selbstreferentieller Langweiler herauskommt, sondern ein spannender und sehenswerter Sonntagabendkrimi, liegt an der Hauptfigur, die unverbesserlich Kompliziertes einfach macht und sich allem Modernen verweigert. Und die damit durchkommt, zumindest für 90 Minuten.

JG: Zugegeben: Schimanski hätte bei mir am Sonntag gegen die „Tribute von Panem“ keine Chance gehabt. „Loverboy“ behandelt ein wichtiges Thema und macht den Film so auch für meine Generation sehenswert. Götz George verleiht dem ganzen zusätzlich die gewisse Portion Witz und Charme. Doch für mich ist und bleibt er einfach ein Tatort-Ermittler wie jeder andere. Meine Generation zieht dann wohl lieber Jennifer Lawrence als Actionheldin vor, statt einem in die Jahre gekommenen Ermittler bei der Arbeit zuzusehen.
P.S.: In einem lesenswerten Interview der Berliner Zeitung Tagesspiegel hat Götz George bemerkenswerte Sätze gesagt, u.a. "Wir leben in einer unkünstlerischen, menschenverachtenden Zeit" oder "Die Erinnerung ist eben stärker als das, was ich heute geboten bekomme."

"Schimanski – Loverboy" wird am Sonntag, 10. November, von 20.15 bis 21.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt. 

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