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Der DJV-Chef und ein Abschreibevorwurf

Michael Konken, der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbands (DJV), hat beim Verbandstag am 4. November eine Rede gehalten. Es ging um Tarifverhandlungen, Vergütungsregeln, Pressefreiheit, den Springer-Funke-Deal, Paywalls - so ziemlich alles, was die Branche derzeit so umtreibt. Nun behauptete ein Blog, dass ein Teil der Rede wörtlich von einem Artikel des Karriere-Ressorts bei Spiegel Online entnommen war. Das stimmt. Es stimmt aber auch, dass der SpOn-Autor damit einverstanden war.

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In der Passage geht es um die Studentin Maximiliane Rüggeberg. Die junge Frau wollte gern Volontärin bei einer Zeitung werden, war aber entsetzt über die miesen Angebote, die ihr unterbreitet wurden. Ihre Erfahrungen schilderte sie in ihrem Blog “Ausbeutungsmaschine Journalismus”. Im Karriere-Ressort von Spiegel Online berichtete Jan Söfjer am 5. September 2012 über Maximiliane Rüggeberg und ihre Erfahrungen.

Über ein Jahr später fanden nun ganze Absätze des Spiegel-Online-Artikels wortwörtlich Eingang in die Rede des DJV-Vorsitzenden Konken, die auf der Website der DJV-Zeitschrift journalist und bei DJV.de schriftlich veröffentlicht wurde. Der Blogger Burkhard Schröder hat die wortgleichen Passagen in seinem Weblog dokumentiert. Hier eine Kostprobe:

Spiegel Online 2012:

Anfang August sorgt eine junge Studentin aus Nordrhein-Westfalen für Furore. Sie ist 22 Jahre alt, den Bachelor mit Einser-Abschluss hat sie fast in der Tasche. Seit sechs Jahren jobbt sie bei einer Tageszeitung, hat mehrere gute Praktika sowie eine Weiterbildung beim Springer-Verlag und bei der Grimme-Akademie gemacht, gute Adressen im Journalismus. Nun will sie ein Zeitungsvolontariat machen.

Doch was sie in den Bewerbungsverfahren erlebt, “ist so unglaublich, frech und unverfroren, dass ich mir unbedingt Luft machen muss”…

Michael Konken 2013:

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Anfang August sorgte eine junge Studentin aus Nordrhein-Westfalen für Furore. Sie ist 22 Jahre alt, den Bachelor mit Einser-Abschluss fast in der Tasche. Seit sechs Jahren jobbt sie bei einer Tageszeitung, hat mehrere gute Praktika sowie eine Weiterbildung beim Springer-Verlag und bei der Grimme-Akademie gemacht, gute Adressen im Journalismus. Nun will sie ein Zeitungsvolontariat machen. Doch was sie in den Bewerbungsverfahren erlebt, “ist so unglaublich, frech und unverfroren, dass ich mir unbedingt Luft machen muss”…

So geht das noch bei einigen weiteren Absätzen weiter. Sieht auf den ersten Blick nach Abschreiberei aus. Ist es aber nicht, sagen Michael Konken und Hendrik Zörner, der DJV-Pressesprecher, auf Nachfrage von MEEDIA. Bei der Rede selbst habe Konken mündlich darauf hingewiesen, dass er bei der Passage einen Spiegel-Online-Artikel zitiert. Dies sei zudem mit dem Einverständnis des SpOn-Autoren Jan Söfjer geschehen. Der Hinweis, das es sich bei den drei Absätzen um wörtliche Zitate handelt, fehlte allerdings seltsamerweise in den schriftlichen Fassungen der Rede, die später bei journalist.de und DJV.de veröffentlicht wurden. In der Fassung bei DJV.de wurde der Quellen-Hinweis laut Pressesprecher Zörner einen Tag nach der Rede, am 5. November, ergänzt.
Dort heißt es seither auf Seite acht oben:

“Vor einigen Monaten sorgten die Erfahrungen einer jungen Journalistin für Aufsehen, die Spiegel online schilderte und die ich hier zitiere:

Sie ist 22 Jahre alt, den Bachelor mit Einser-Abschluss fast in der Tasche. Seit sechs Jahren jobbt sie bei einer Tageszeitung, hat mehrere gute Praktika sowie eine Weiterbildung beim Springer-Verlag und bei der Grimme-Akademie gemacht, gute Adressen im Journalismus.”

Bei journalist.de war zumindest bis vor kurzem noch eine Fassung von Konkens Rede online nachzulesen, in der jeglicher Hinweis auf das Zitat fehlte. Dies soll nun laut DJV-Pressestelle auch nachgeholt werden. Jan Söfjer, der Autor des SpOn-Artikels, aus dem zitiert wurde, sagte gegenüber MEEDIA: "Herr Konken durfte aus meinem Artikel zitieren. Ich fand es nur kurios, dass dann im Transkript die Quelle nirgendwo genannt war. Er hat mich dann angerufen und sich entschuldigt."
Soweit also alles wieder gut. Michael Konken ist jemand, der bei vielen Gelegenheiten Qualität und hohe journalistische Standards einfordert. Ein Vorwurf der Abschreiberei gegen ihn wiegt darum schwer. Der DJV-Chef muss ein Interesse daran haben, dass ein solcher Verdacht zweifelsfrei ausgeräumt wird.

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