Auf der Suche nach Twitters fairem Wert

Morgen ist es endlich so weit: Der 140-Zeichen-Dienst Twitter strebt an die Börse. Es wird mit Abstand das größte IPO seit dem Börsengang von Facebook werden. Doch damit enden die Vergleiche auch schon. Während das weltgrößte Social Network dieses Jahr einen Milliardengewinn einfahren wird, schreibt Twitter dreistellige Millionen-Verluste. Trotzdem dürfte das IPO am Donnerstag ein voller Erfolg zu werden. Die Bewertungsgrenze nach oben wird ein boomendes Online-Business-Netzwerk bilden ...

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Morgen ist es endlich so weit: Der 140-Zeichen-Dienst Twitter strebt an die Börse. Es wird mit Abstand das größte IPO seit dem Börsengang von Facebook werden. Doch damit enden die Vergleiche auch schon. Während das weltgrößte Social Network dieses Jahr einen Milliardengewinn einfahren wird, schreibt Twitter dreistellige Millionen-Verluste. Trotzdem dürfte das IPO am Donnerstag ein voller Erfolg zu werden. Die Bewertungsgrenze nach oben dürfte ein boomendes Online-Business-Netzwerk bilden …

Noch 24 Stunden bis zum meisterwarteten Börsengang des Jahres – nicht nur in der Internetbranche. Der Kurznachrichtendienst Twitter elektrisiert die Medien und Anleger wie seit Facebook kein zweites Unternehmen.

Entsprechend reflexartig kochen immer wieder die Vergleiche hoch, die sich doch sehr schnell relativieren. Twitter ist kein Facebook – und wird es vielleicht auch nie werden. Lediglich 232 Millionen Twitter-Nutzer stehen 1,19 Milliarden bei Facebook gegenüber. Das weltgrößte Social Network brauchte zuletzt ganze fünf Quartale, um einen Zuwachs in der Größenordnung von Twitter zu generieren.

Nicht mal ein Zehntel von Facebook umgesetzt

5,28 Milliarden Dollar Umsatz in den ersten drei Quartalen bei Facebook stehen 442 Millionen bei Twitter gegenüber. In anderen Worten: Der Mikroblogging-Dienst erzielt nicht mal ein Zehntel der Erlöse von Facebook. Dafür verbrennt Twitter weiter massiv Geld, während das weltgrößte Social Network inzwischen zur Geldmaschine geworden ist – ein Plus von 977 Millionen Dollar in den ersten neun Monaten 2013 steht einem Minus von 134 Millionen Dollar bei Twitter gegenüber.

Grob vereinfacht gerechnet wäre Twitter also mit einem Zehntel der Börsenbewertung von Facebook gut bedient, ohne jemals Profitabilität nachgewiesen zu haben. Facebook wird an der Börse bei Kursen von aktuell 50 Dollar mit 122 Milliarden Dollar bewertet, entsprechend wären 12 Milliarden Dollar bei Twitter arithmetisch eine vergleichbare Marktkapitalisierung.

Wie hoch schießt die Twitter-Aktie am ersten Handelstag nach oben?

Fast genauso hat sich Twitter dann auch selbst bei der eigenen Bookbuildingspanne eingeschätzt – am oberen Ende der Taxe zwischen 17 und 20 Dollar wäre der 140-Zeichen-Dienst rund 11 Milliarden Dollar wert. Dann kam die Gier – der Börsengang wurde schnell überzeichnet. Entsprechend wurde die Kurstaxe nochmals auf 23 bis 25 Dollar angehoben.

Angesichts der enormen Nachfrage erscheinen höhere Notierungen zum Handelsstart absehbar. Hedgefondsmanager Doug Kass taxierte Twitters fairen Wert in der vorherigen Woche schon auf 32,50 Dollar pro Aktie, die wiederum einer Marktkapitalisierung von 18 Milliarden Dollar entsprächen.  

Hedgefondsmanager Cody Willard glaubt unterdessen bereits an noch höhere Kurse.  "Wenn man die Aktie zu oder unter 25 Dollar bekommt, ist sie ein Kauf", gibt Willard Kass recht. "Die Aktie wurde fälschlicherweise von der Geschäftsführung und Bankern unter ihrem Niveau gepreist und könnte zwischen 35 und 40 Dollar gehandelt werden, wenn sie auf den Markt kommt."
 
LinkedIn ist in der Geschäftsentwicklung weiter

Bleibt nur die Frage, wo sich Twitter nach der mutmaßlichen Euphorie der ersten Handelstage dann tatsächlich einpendelt. Bei Kursen um die 40 Dollar wäre Twitter dann schon knapp 23 Milliarden Dollar wert und würde in Dimensionen eines anderen hochgewetteten Internet-Unternehmens vorstoßen, das vor mehr als zwei Jahren die Börsengänge des Social Media-Sektors erst losgetreten hatte – LinkedIn.

Das Online-Business-Netzwerk wird aktuell mit 25 Milliarden an der Börse bewertet. Doch LinkedIns Geschäftentwicklung befindet sich in ganz anderen Dimensionen als Twitters. Stolze 392 Millionen Dollar erlöste der Karriere-Beschleuniger im jüngsten Dreimonatszeitraum – bei Twitter fielen die Umsätze mit 169 Millionen Dollar nicht mal halb so groß aus. Selbst nach Nutzern liegt LinkedIn mit 259 Millionen vor dem hochgehypten Kurzmitteilungsdienst.

Twitters Trumpf: Anhaltendes Hyperwachstum

Droht Twitter als Internet-Aktie in bester Tradition von 1999 also der böse Absturz? Nicht unbedingt, denn das sieben Jahre alte Online-Unternehmen hat ein As im Ärmel, das sowohl LinkedIn als sogar auch Facebook aussticht – das Umsatzwachstum von zuletzt beeindruckenden 104 Prozent!

Solange die Wachstumsdynamik anhält, sind Börsianer traditionell gewillt, stattliche Aufschläge bei gemäßigten Verlusten zu bewilligen – Amazon spielt das Spiel von Quartal zu Quartal. Wenn es Twitter gelingt, diese Fantasie an der Börse am Leben zu halten, stehen Anleger und Beobachtern spannende Monate bevor.

Verebbt die Dynamik zu schnell, während die Monetarisierung scheitert, droht indes das Groupon-Schicksal: Das Schnäppchenportal schoss am ersten Handelstag um 55 Prozent nach oben und berührte für einen Moment die 20-Milliarden-Dollar-Marke – dann folgte der lange, bittere Absturz um 90 Prozent. Potenzielle Twitter-Aktionäre sind gewarnt.

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