Der hinkende Quotenvergleich TV vs. Web

Als am Montag erste Mediathek-Abrufzahlen von Jan Böhmermanns "Neo Magazin" öffentlich wurden, ging eine kleine Welle durch Branchendienste und soziale Netzwerke: Die Show sei im Netz viel erfolgreicher als im Fernsehen, erreiche dort deutlich mehr Zuschauer. Davon kann allerdings keine Rede sein, denn die Schreiber begingen einen Fehler: Sie verglichen die Netto-Zahlen der TV-Quoten mit den Brutto-Abrufdaten aus der Mediathek - und damit Äpfel mit Birnen.

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Als am Montag erste Mediathek-Abrufzahlen von Jan Böhmermanns "Neo Magazin" öffentlich wurden, ging eine kleine Welle durch Branchendienste und soziale Netzwerke: Die Show sei im Netz viel erfolgreicher als im Fernsehen, erreiche dort deutlich mehr Zuschauer. Davon kann allerdings keine Rede sein, denn die Schreiber begingen einen Fehler: Sie verglichen die Netto-Zahlen der TV-Quoten mit den Brutto-Abrufdaten aus der Mediathek – und damit Äpfel mit Birnen.

Zunächst die Datenlage: Nach ersten Zahlen sahen am vergangenen Donnerstag ab 23 Uhr nur 60.000 Leute das erste sehenswerte, weil extrem alberne "Neo Magazin" mit Jan Böhmermann – ein auch für zdf_neo-Verhältnisse unschöner Marktanteil von 0,3%. Die am Montag veröffentlichte Mediathek-Abrufzahl lag bei 115.000 – also vermeintlich fast doppelt so hoch. Inzwischen liegen für die TV-Ausstrahlung die endgültig gewichteten Daten vor, aus den 60.000 wurden hier nur noch 50.000 Zuschauer. Im Netz haben das "Neo Magazin" in den vergangenen Tagen weitere Leute gesehen, die neueste Zahl liegt laut ZDF bei inzwischen über 130.000 Abrufen.

Um es klar zu sagen: Das "Neo Magazin" ist damit im Netz ein Erfolg. In den aktuellen Mediathek-Wochen-Charts des ZDF finden sich nur die "heute-show" und drei Prime-Time-Filme des ZDF vor Jan Böhmermanns Sendung. Aber: Ob die 130.000 Netz-Zuschauer tatsächlich mehr sind als die 50.000 TV-Zuschauer ist fraglich, denn die Mediathek-Abrufzahl ist ein reiner Brutto-Wert, die TV-Quote hingegen eine Netto-Zahl.

Ein paar Erläuterungen dazu: Die Zuschauerzahl einer TV-Sendung zeigt, wie viele Leute sie während der kompletten Sendedauer im Durchschnitt eingeschaltet haben. Sprich: Waren es in der ersten Hälfte 20.000, in der zweiten Hälfte 80.000, so liegt die offizielle Zuschauerzahl bei 50.000 – und nicht etwa bei 80.000. Im Fall des "Neo Magazins" lag der Peak der Show so um 23.12 Uhr bei 80.000 Zuschauern, am Ende der Sendung sahen nur noch 30.000 zu.

Wollte man die TV-Zuschauerzahl nun aber mit der in der Mediathek vergleichen, müsste man die Bruttokontakte des "Neo Magazins" im Fernsehen errechnen, also alle Menschen addieren, die mindestens eine Sekunde lang die Sendung gesehen haben. Genau das passiert nämlich bei der Abrufzahl der Mediathek. Die Zahl von 130.000 Abrufen für das "Neo Magazin" sagt also in keiner Form, dass auch alle dieser 130.000 Leute die 30 Minuten zu Ende gesehen haben, sondern nur, dass 130.000 auf Play geklickt haben. Der Durchschnittswert für die gesamte Sendung – und nur dieser wäre mit der offiziellen TV-Quote vergleichbar – liegt also darunter, womöglich sogar unter 50.000.

Derzeit gibt es keinen echten technisch validen Vergleich zwischen der TV-Zuschauerzahl und der in den Mediatheken. Die jeweiligen Brutto-Zahlen ließen sich vergleichen, haben aber natürlich eine deutlich geringere Aussagekraft als die Zahl der tatsächlichen Zuschauer der kompletten Sendung. Die AGF arbeitet zusammen mit Nielsen bekanntlich an einer Lösung, bei der die Zusammenführung von TV- und Web-Quoten allerdings nicht vor 2014 an den Start gehen wird. Erst dann zeigt sich, wie hoch die Sehbeteiligung im Netz tatsächlich im Vergleich zu der im Fernsehen ist. Reine Brutto-Abrufzahlen sind zumindest nicht tauglich für einen Vergleich mit TV-Quoten.

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