Der Anti-Snowden-Populismus des ZDF

Edward Snowden beschäftigt Medien und Politiker weltweit. Nach dem PR-Coup des Grünen-Politikers Hans-Christian Ströbele, mal eben mit zwei Journalisten nach Moskau zu jetten und mit Snowden zu plaudern, will nun auch das ZDF ein bisschen vom Snowden-Buzz für sich. Und weil der Sender niemanden vor Ort hatte, versuchen es die Mainzer mit einer Prise Populismus. Vize-Chefredakteur Elmar Theveßen schreibt einen wirren offenen Brief an Snowden und stellt dabei Forderungen, die gar nicht erfüllbar sind.

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Stellen Sie Ihre Dokumente ins Internet”, ist der “offene Brief an Edward Snowden” überschrieben, den der stellvertretende ZDF-Chefredakteur und Terrorismus-Experte Elmar Theveßen bei heute.de veröffentlicht hat. Zwar zollt Theveßen Snowden “höchsten Respekt” für seinen Mut, sagt aber gleich in den ersten Sätzen: “Sie verdienen keinen Nobelpreis. Sie verdienen auch kein politisches Asyl in Deutschland.” Die Tonalität ist klar: Hier soll ein Kontrapunkt gesetzt werden gegen die Veröffentlichungen beispielsweise im Spiegel, in der Süddeutschen Zeitung und in der ARD.

Der Spiegel titelte diese Woche “Asyl für Snowden”, die Süddeutsche und die ARD hatten mit John Goetz einen Journalisten bei Ströbeles Moskau-Reise zu Snowden dabei. Elmar Theveßen vom ZDF hat dazu eine schräge Meinung parat. Schräg darum, weil die zentrale Forderung aus Theveßens offenem Brief nicht erfüllbar ist. Snowden kann die Geheimdienst-Dokumente gar nicht ins Internet stellen, weil er sie erklärtermaßen nicht mehr besitzt.

Gegenüber der New York Times sagte Snowden bereits Mitte Oktober, dass er bei seiner Einreise nach Moskau keinerlei Geheimdokumente mit sich führte, weil er das für ein Sicherheitsrisiko gehalten hätte. In Hong Kong hatte Snowden die Dokumente an drei Journalisten abgegeben: an die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, den Guardian-Mann Glenn Greenwald und Ewen MacAskill, der für den Guardian in New York arbeitet. Diese Leute sind seither maßgeblich mit der Auswertung des Materials befasst. Das wird auch Terrorismus-Experte Elmar Theveßen wissen, stand jedenfalls in so ziemlich jeder Zeitung. Andere Erkenntnisse hat Theveßen in seinem offenen Brief jedenfalls nicht mitgeteilt.

Dafür reichlich wirres Zeug. Theveßen schreibt an Snowden: “Stört es Sie überhaupt nicht, dass der wahre und empörende Kern ihrer Enthüllungen durch falsche Schlagzeilen und hanebüchene Kurzschlüsse in der öffentlichen Darstellung verschleiert wird?” Welche “falschen Schlagzeilen und hanebüchene Kurzschlüsse” meint Theveßen genau? Das lässt er leider offen. Ein Asyl für Snowden würde laut Theveßen den “besten Hebel zur Lösung der NSA-Affäre” vernichten. Was dieser “Hebel” sein soll? Laut Theveßen ist das “die gemeinsame Einsicht, wie unendlich dumm, politisch kurzsichtig, wirtschaftlich naiv und moralisch verwerflich es ist, zerfressen von Misstrauen gegeneinander zu arbeiten, statt miteinander.” Eine Eiapopeia-Einsicht als Hebel zur Lösung einer weltumspannenden Geheimdienst-Affäre. Im Ernst?

Der offene Brief des ZDF-Vize-Chefredakteurs ist ein Stück wirrer Populismus. Er geht von grundfalschen Voraussetzungen aus, liefert keine Begründungen und Beispiele für Thesen und versteigt sich in einer naiven Schlussfolgerung. Ob der Adressat Snowden den Brief überhaupt lesen wird, ist ohnehin unwahrscheinlich. Wenn es Theveßen ernst gewesen wäre mit dem Format des “offenen Briefs”, hätte er mindestens eine englischsprachige Version anbieten müssen. Zwischenzeitlich wurde die Bezeichnung “offener Brief” bei heute.de auch in "Kommentar" umgewandelt – Inhalt und Ansprache blieben aber dieselbe. So bleibt nur der Eindruck, dass das ZDF hier in Ermangelung echter eigener Enthüllungen auf schlecht bis gar nicht begründete Meinungsmache gegen Snowden setzt. Mit dieser Art von Alleinstellungsmerkmal dürfte das Zweite Deutsche Fernsehen in der Tat ziemlich alleine dastehen.

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