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Hoeneß-Anklage: „Jetzt darf gedealt werden“

Wenig Härte, ein bisschen Verständnis: So lassen sich die Pressestimmen zur Hoeneß-Anklage zusammenfassen. Heribert Prantl wagt sich in der Süddeutschen Zeitung vor und vermutet, jetzt könne vor Gericht "gedealt werden". Für die Welt geht der Bayern-Präsident mit einer "beachtlichen Lebensleistung" in den Prozess. Die FAZ zeigt sogar ein wenig Verständnis für Hoeneß' fehlerhafte Selbstanzeige und kommentiert: "Zu wirr ist das Steuerrecht".

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Heribert Prantl in der Süddeutsche Zeitung: "Die Zulassung der Anklage war ja zu erwarten. Sie hat die Lage von Hoeneß nicht schlimmer gemacht; die Lage ist aber schlimm genug … Das Gericht hat nun die Anklage nicht deswegen zugelassen, weil sie sich der Staatsanwaltschaft voll und ganz anschließt, sondern weil die Frage der Bewertung der Selbstanzeige nicht im Zwischenverfahren beantwortet werden soll. Hauptfragen werden im Hauptverfahren geklärt. Und einen Deal (zwei Jahre mit Bewährung plus exorbitant hohe Geldzahlung) kann man auch erst im Hauptverfahren aushandeln. Man kann also die Zulassung der Anklage auch so sehen: Jetzt darf gedealt werden. ‚Verständigung‘ heißt das im Gesetz. Sie setzt wohl die Einsicht bei Hoeneß voraus, dass er sich vom Aufsichtsratsvorsitz des FC Bayern zurückziehen sollte."
Carsten Brönstrup, Elisabeth Schlammerl und Matthias Schlegel im Tagesspiegel: “Hinter der Nibelungentreue zu Hoeneß dürfte die lange und intensive Verbindung zwischen den Top-Konzernen und dem FC Bayern stehen. 77 Millionen Euro hatte einst Adidas für seinen Anteil am Klub gezahlt, Audi sogar 90 Millionen. Die Telekom zahlt als Trikotsponsor jedes Jahr mindestens 20 Millionen Euro. Angesichts des sportlichen Aufstiegs der Bayern in den vergangenen Jahren dürfte der Werbewert des Engagements zuletzt deutlich gestiegen sein.”
Sven Clausen für die Welt: “Diese Republik hat einige große Wirtschaftsstrafrechtsprozesse erlebt. Der Fall Hoeneß allerdings, der ab März vor dem Oberlandesgericht München verhandelt wird, enthält einige Details, die ihn anders und damit besonders interessant für die Republik machen. Hoeneß geht mit einer beachtlichen Lebensleistung in diesen Prozess. Er hat den FC Bayern München zu einer Weltmarke und zu einem Botschafter des Landes gemacht.”
Reinhard Müller für FAZ: “Richtig bleibt freilich auch, dass Hoeneß sich – nachdem das Steuerabkommen mit der Schweiz gescheitert war – selbst anzeigte. Diese Selbstanzeige, die zur Strafbefreiung führen kann, reichte aber in den Augen der Ermittler nicht aus, war fehlerhaft. Allerdings können heutzutage selbst Fachleute kaum eine fehlerfreie Steuererklärung oder Selbstanzeige garantieren – zu wirr ist das Steuerrecht. Das entschuldigt Hoeneß natürlich nicht. Aber privilegiert ist er auch nicht: Zwar haben nur wenige wie er das Geld für eine gute Beratung und Verteidigung. Aber bei den üblichen Verdächtigen wird auch nicht das Steuergeheimnis verletzt. Dabei ist diese Vertraulichkeit Voraussetzung dafür, dass der Staat die Mitwirkung des Bürgers verlangen kann.”
Kölner Stadtanzeiger: "Der Steuerbetrug ist in Deutschland jahrzehntelang als Kavaliersdelikt betrachtet worden, das von jedermann begangen und von der Justiz nur milde oder überhaupt nicht bestraft wurde. Erst seit der Bundesgerichtshof die Steuerhinterziehung zum seriösen Delikt erklärte und verfügte, dass ab einer Million Euro hinterzogener Steuern Täter ins Gefängnis müssen, hat sich herumgesprochen, dass der Steuerbetrug gegen die Compliancekultur der Gesellschaft verstößt. Nur die Sponsoren und die Mitglieder des Aufsichtsrats des FC Bayern München haben das noch nicht begriffen.”
Neue Presse: "Offenbar hatte sich Hoeneß zu sehr auf die beschwichtigenden Aussagen seiner Anwälte verlassen, die ihm wohl einen Deal mit der Staatsanwaltschaft in Aussicht stellten. Hoeneß hat immer betont, Steuern als Privatmann hinterzogen zu haben, dafür auch gerade stehen zu wollen. Doch eine Trennung zwischen Persönlichem und Präsident fällt schwer, denn Hoeneß steht wie kein Zweiter für den FC Bayern. Schon deshalb muss die Klubführung – aller Treueschwüre zum Trotz – neu abwägen, sollte Hoeneß vom Gericht rechtskräftig verurteilt werden. Denn der derzeit sportlich erfolgreichste Verein Europas kann es sich eigentlich nicht leisten, einen vorbestraften Präsidenten zu haben."
Bild.de: "Auf einen milden Richter kann Hoeneß nicht zählen. Rupert Heindl gilt als harter Hund. Der Knallhart-Richter ist akribisch, duldet in seinen Verhandlungen keine Zwischenrufe der Angeklagten. Auch nicht vom Bayern-Präsidenten…"

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