TechCrunch Disrupt: Gib dem Hype Zucker

Exciting! Incredible! Crazy! Wenn es um möglichst aufmerksamkeitsstarke Attribute geht, macht der Tech-Konferenz TechCrunch Disrupt kaum jemand etwas vor. Die erste Disrupt-Konferenz in Berlin hat gezeigt: Die Amerikaner kochen auch nur mit Wasser, ihre Marke ist aber ziemlich perfekt positioniert, um die Startup-Szene zu elektrisieren. Zudem haben die Amerikaner noch ihren Gründer Michael Arrington an der Hand, um allzu zahmen Startup-Präsentationen Druck zu machen.

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"Wer im Saal hat eigentlich verstanden, was diese Firma macht?", frage Arrington beispielsweise bei einer Präsentation nach. Bei einer anderen Anwendung verlangte er den sofortigen Praxistest – kein Bullshit, keine Ausreden. Das eigene Konferenzheft kritisierte der streitbare Arrington genauso: "Wer hat eigentlich diese Texte geschrieben? Sie sind schrecklich." Arrington interviewte am Montag auch AOL-Chef Tim Armstrong – der die Seite 2010 gekauft hatte.
Arrington hatte TechCrunch nach dem Verkauf an AOL verlassen müssen, ist aber seit einiger Zeit wieder als Art spiritus rector dabei. Wo bei anderen Startup-Pitches höflich und der Reihe nach gefragt wird – was ist das Geschäftsmodell, wo die Zielgruppe, gibt es diese Anwendung nicht bereits? – haut Arrington auch mal dazwischen. Vor allem für junge Gründer, denen viele Menschen vermutlich gönnerhaft auf die Schultern klopfen, eine lehrreiche Übung. Das Startup Battlefield, der konferenzeigene Wettbewerb, wird vom Veranstalter entsprechend bejubelt als Chance, sich der Tech-Szene auf einzigartige Weise zu präsentieren.
Die Interviews mit Gründern, klassisch-betulich "fireside chats" betitelt, waren in der Regel weniger aufschlussreich. Marc Samwer sagte am Montag mit vielen Worten wenig, allerdings forderte ihn Mike Butcher auch nicht allzu sehr heraus. Viele Fragen blieben auch bei anderen Interviews an der Oberfläche. Investoren und Gründer sind vor allem auf der Disrupt, um als Vorbilder über ihre Erfahrungen zu sprechen. Erfolgsmodelle werden vorgestellt, über Fehler wird zu selten gesprochen, obwohl es doch vor allem in den USA angeblich stets um die Entwicklung einer "Fehlerkultur" geht.
Der wahre Wert einer solchen Konferenz liegt aber neben dem Storytelling (warum hat es dieses oder jenes Startup "geschafft"?) im direkten Kontakt zu Investoren, die auf der Disrupt Berlin zahlreich aufgelaufen waren. Und dieser Wert war offenbar hoch. Die eng aneinander gebauten Präsentationsstände von ausstellenden Gründern waren gut besucht. Die Ausstellung/Messe selber sah oberflächlich betrachtet aus wie bei einem Berliner Flohmarkt, also eher behelfsmäßig improvisiert. Doch auch das ist kein Zufall: Es kommt auf die Ideen an und die Klasse der Gründer an den Ständen, nicht auf eine möglichst aufwändige Kulisse – wie etwa bei der Marketing-Messe dmexco oder den Medientagen in München.
Freilich kostet ein Stand bei der Disrupt auch eine ganze Stange Geld – wie auch die Tickets für die Disrupt selber. Bis zu 1.000 Euro für zwei Tage mussten Vollzahler ausgeben. Und hier liegt schließlich eine Lehre für deutsche Verlage und Medienmarken, die als ein Geschäftsmodell immer wieder die Veranstaltung von Messen und Konferenzen angeben – die dann aber in der Regel so aussehen: langweiliges Abspulen von Powerpoint-Präsentationen, langatmige Kuchenpausen, biedere Hotelkonferenz-Umgebungen, beredtes Schweigen im unmotivierten Publikum.     
Der Sound bei der Disrupt ist ein anderer: Da wird ohne Unterlass die eigene Wichtigkeit für die Branche betont, als Motor, Meinungsmacher und Deal-Maschine. TechCrunch gibt dem Hype Zucker. So befremdlich diese Attitüde manchmal wirkt, so sehr lässt sich daraus auch etwas lernen: Medienmarken müssen, um im Gespräch zu bleiben, einen lautstarken, aber dennoch glaubhaften Buzz erzeugen. Insofern ist es auch ein wenig bedauerlich, dass kein deutsches Tech-Portal diese Konferenz organisiert hat. Dass TechCrunch über kurz oder lang auch als Medienmarke stärker auf dem deutschen Markt präsent sein will, düfte nun klar sein. Deutschland sei ein "logischer nächster Schritt", sagte AOL-Chef Tim Armstrong neulich.
Ein zweiter Gewinner des Disrupt war zweifelsohne Berlin. Auch Berlin erzeugt als Startup-Hauptstadt seit einiger Zeit einen Buzz, doch fraglich war bisher, ob sich auch die Investoren davon anstecken lassen. Beispielsweise in London fließt immer noch sehr viel mehr Geld durch das Startup-Ökosystem. Dies kann sich aber ändern – mit der weiterhin steigenden Aufmerksamkeit, die Berlin in der weltweiten Tech- und Internet-Szene zuteil wird. 

Zurück zu Michael Arrington. Der hätte am liebsten keinen Preis für das beste Startup vergeben. Der TechCrunch-Gründer gab keine Jurystimme ab, weil er die Präsentationen allesamt zu schwach fand. Vergeben wurde der Preis an das Startup Lock8, das eine neue Generation von Fahrradschlössern in den Markt bringen will. Arrington kündigte per Twitter an, er werde sich in keine Jury für eine Startup Battle mehr setzen.

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