Wie Technologie neues Denken fördert

Technologie ist tatsächlich zu einem "ernsthaften Problem für unsere Gedanken geworden", sagt der kanadische Journalist Clive Thompson. In seinem Buch "Smarter than you think" beschäftigt er sich aber gerade mit den positiven Aspekten von Technologie. Denn: "Verschiedene Technologien helfen uns, auf interessante und neue Art zu denken", glaubt Thompson. Der Wired-Autor weiß aber auch: Noch sind unsere Tools schrecklich schlecht gebaut.

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Herr Thompson, Ihr neues Buch heißt "Smarter than you think – how technology is changing our lifes for the better". Welche ist denn Ihrer Meinung nach die technische Neuerung, die unser Leben am stärksten beeinflusst?
Das Schreiben selbst! Als es erfunden wurde, hatten die Menschen Angst, dass es unser Erinnerungsvermögen zerstört. Sie glaubten, wenn man etwas aufschrieb, wurde es unveränderlich und konnte nicht mehr Teil einer Diskussion werden. Das zeigt, dass wir uns schon lange über Technologie Sorgen machen.
Ähnliche Sorgen existieren heute über Soziale Netzwerke und andere neue Medien.
Ja, in den letzten paar Jahren haben viele so genannte Experten behauptet, das Internet, Computer, Status Updates und Soziale Netzwerke machten uns dümmer. Ehrlich gesagt entspricht diese Beschreibung einfach nicht der Welt, die ich sehe. Deshalb habe ich ein Buch darüber geschrieben und mal nachgeforscht.
Konkrete Vorwürfe lauten ja, unsere Aufmerksamkeitsspanne nähme ab. Was haben Sie dazu herausgefunden?
Die Technologie ist tatsächlich ein ernsthaftes Problem für unsere Gedanken geworden, denn Geräte fordern uns ständig dazu auf, von einer Sache zur anderen zu springen. Viele nennen das Multitasking, aber eigentlich ist es eher Task-Switching. Wenn man an etwas arbeitet und dann rüber zu Facebook wechselt, ist das ein klassischer Task-Switch. Das hat wirklich negative Auswirkungen auf die Konzentration und die Wahrnehmung.
Und wie müssen wir Ihrer Meinung nach damit umgehen?
Das herauszufinden ist die Hauptaufgabe für uns als Gesellschaft und für die UX Designer. Menschen, die viel mit Technologie arbeiten, fangen bereits an, sich strenge Grenzen zu setzen, wie viel sie zwischen verschiedenen Geräten hin und her wechseln. Und sie haben alle begriffen, dass sie auch mal Zeit komplett abseits von Newsfeeds verbringen sollten. Ich nenne das kognitive Vielfalt. Verschiedene Technologien helfen uns, auf interessante und neue Art zu denken. Aber genauso wichtig sind die Zustände, in denen wir ganz alleine und privat sind, abseits von Streams und Feeds.
Warum fällt das vielen Menschen trotzdem noch schwer?
Diese Technologien haben enorme Vorteile, aber sie verlangen Disziplin und Arbeit. Und man muss bedenken: Unsere Tools sind schrecklich schlecht gebaut. Sie drücken dir andauernd Push-Mitteilungen auf. Denn diese Firmen wollen natürlich, dass du mit ihren Apps Zeit verbringst und ihre Werbung anschaust. Das ist auch eine große Herausforderung für das Software-Design heute: Vieles findet auf Firmen-Plattformen statt, die mit uns Geld verdienen. Ich möchte die Welt kennen lernen und mit anderen Menschen kommunizieren. Das ist nicht unbedingt das, was Facebook und andere Firmen wollen.
Jetzt haben wir schon viel über die Schattenseiten dieser neuen Technologien gesprochen. Wie können sie denn nun unser Leben verbessern? 
Der erste Punkt ist sehr subtil, er heißt öffentliches Denken. Plötzlich hat jeder die Möglichkeit, seine Gedanken öffentlich zu machen. Noch vor zehn oder 20 Jahren hatte man nur zwei Möglichkeiten: Man behält seine Ideen für sich oder man erzählt sie ein paar Freunden. Das war’s. Der Durschnittstyp hat absolut nichts aufgeschrieben und besonders nicht vor einem großen Publikum. Das hat sich verändert.
Weil im Web 2.0 jeder die Möglichkeit hat, selbst zu publizieren.
Es gehört jetzt zum Alltag, unsere Gedanken festzuhalten und sie zu veröffentlichen. Ich finde es faszinierend, Teil einer so großen gesellschaftlichen Umwälzung zu sein und habe angefangen, mich für die Psychologie dahinter zu interessieren. Was bedeutet es, unsere Gedanken mit einem großen Publikum zu teilen? Die Literatur sagt eindeutig: Wenn wir unsere Ideen aufschreiben oder in irgendeiner Form festhalten, hat das einen kristallisierenden Effekt. Es verbessert unser Erinnerungsvermögen und schärft unsere Gedanken.
Warum ist das so?
Wenn man seine Gedanken aufschreibt und veröffentlicht, geht man selbstkritischer damit um und überlegt ganz genau, was man dem Publikum präsentiert. Dieser Effekt des Publikums ist gewaltig. Wenn wir etwas tun, das andere Menschen sehen können, sind wir sehr viel ernsthafter bei der Sache.
Nicht jeder veröffentlichte Gedanke ist allerdings zwingend wertvoll oder gar positiv. Inwiefern verbessert das denn nun unser Leben?
So entsteht eine neue Form der Debatte, ich nenne es öffentliches Denken. Zum Beispiel auf Twitter: Man ist gezwungen, seine Gedanken auf kurze, klare Statements hinunter zu kochen. Manche Leute sagen, man kann auf Twitter keine tiefgründige Debatte führen, aber es zwingt die User zu fast poetischer Cleverness in ihren Tweets. Jede dieser neuen Medienformen schafft eine neue Art der Kommunikation und des Denkens. Wir sind immer noch dabei, das zu erkunden.
Durch die neuen Medienformen werden ja auch alte verdrängt, wie im Fall der klassischen Print-Zeitung.
Die Bedeutung der Zeitungen sinkt bekanntermaßen. Aber dieser Trend begann schon lange vor dem Internet. Das, was die Leute dem Internet anlasten, ist eigentlich die Schuld des Fernsehens. All diese Veränderungen begannen mit dem Kabelfernsehen in den 70er und 80er Jahren. Ich glaube sogar, dass die Leute jetzt mehr lesen, denn das Internet ist ein stark textliches Medium. Sie können sich auch besser mit anderen Menschen vernetzen, die gerne lesen.
Das Vernetzen ist ja ein weiterer großer Vorteil der modernen Technik. Es gibt aber auch Kritiker. Was sagen Sie dazu?
Das ist auch als Ambient Awareness bekannt. Viele Menschen sehen sich einzelne Status Updates an und sagen: Sie sind trivial und bedeutungslos. Aber wenn man jemandem auf Sozialen Netzwerken über Wochen und Monate folgt und ganz nebenbei ihre kleinen Updates liest, entwickelt man dieses unglaublich detaillierte mentale Bild von ihrem Leben. Das ist wie mit einem pointillistischen Gemälde, wenn viele kleine Punkte ein riesiges Porträt bilden. Wenn man sich dann mit diesem Freund trifft, weiß man, was er in letzter Zeit gelesen und womit er sich beschäftigt hat. Ich weiß einfach, was so grundsätzlich in seinem Leben los ist. Ich finde diese unterschwellige Verbindung wahnsinnig machtvoll. Das kann sehr nützlich sein, auch für Politiker und Firmen.
Wozu kann diese ständige Verbindung nützlich sein?
In der Wissenschaft gibt es die Theorie der multiplen Erfindungen, die besagt, dass in der Geschichte Menschen öfter gleichzeitig dieselben Erfindungen machen, ohne von der Existenz des anderen zu wissen. Neptun wurde von vier verschiedenen Wissenschaftlern zur selben Zeit entdeckt, auch das Radio und das Teleskop. Jahrzehntelang wussten Gleichgesinnte nicht von der Existenz der anderen. Heute leben wir in einer Welt, in der es egal ist, welche abstrusen Dinge dich interessieren. Man findet immer die zehn oder 100 oder zwei Leute auf der Welt, die genau das gleiche interessiert. Das ist ein großes intellektuelles Geschenk.
Zu den Kritikern gehören aber auch Intellektuelle, also etwas ältere Professoren, und diese meiden oft die Sozialen Medien.
Es muss auch die geben, die besser in Abgeschiedenheit arbeiten und denken. Als die Glasverarbeitung erfunden wurde, beschwerten sich die Menschen über die Existenz von Fenstern. Virginia Woolf weigerte sich, neben einem Fenster zu arbeiten, es sei so eine große Ablenkung. Mit unseren Computern haben wir ein ganz neues Level an Ablenkung.
Sie sagen also, die neuen Medien öffnen uns ein Fenster zur Welt?
Absolut. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Zugang zu Informationen. Wir werden immer besser darin, Information zu organisieren. Ein großer Vorteil von modernem sozialen Kontakt online ist, dass wir mit mehr Menschen im Kontakt stehen. Und ein riesiger Teil des Wissens befindet sich nicht in Büchern oder Zeitungen, sondern in anderen Menschen. 

Wir haben das Interview mit Clive Thompson mit freundlicher Erlaubnis von The Narrative übernommen, dem Storytelling-Blog von KircherBurkhardt. Zu Clive Thompsons Website hier entlang.

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