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Der Einarmige bei “Bauer sucht Frau”

Es ist eine verstörende Welt, in die uns die immer noch immens erfolgreiche RTL-Reihe “Bauer sucht Frau” seit Montag wieder entführt. War in der vergangenen Staffel noch das erste schwule Bauern-Paar eine Haupt-Attraktion, so werden diesmal zwei auffällig gut aussehende Lesben zur Schau gestellt. Ein einarmiger Bauer unter den Kandidaten wurde aussortiert, weil er angeblich nicht spannend genug war. Das sagt viel über den verdorbenen Charakter dieser Sendung.

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Es gibt zwei Sorten von Kandidaten bei “Bauer sucht Frau”. Da sind die Landwirte oder manchmal auch Pseudo-Landwirte. Sie sind oft dick, meist ungelenk und werden vom Sender nach Strich und Faden vorgeführt. Samt grober Wurst auf dem Teller, seltsamen Unterhosen und grell gemusterter Bettwäsche in den Dachstuben ihrer schmucklosen Höfe. Dann sind da noch die Exoten. Vergangene Staffel war das der fesche, schwule Pferdewirt. Diesmal haben sie bei RTL eine gut aussehende lesbische Bäuerin aufgegabelt.

Der Sender kriegt sich auf seiner Homepage schon gar nicht mehr ein wegen den “heißen Küssen im Heuwagen” und “Janine sieht megageil aus”. Bestes Futter für triebgesteuerte Boulevardmedien auf Wochen hinaus. Da durfte der schwule Kandidat dieses Mal auch ein wenig tumber daherkommen. Man könnte auch sagen: die Schwulen sind in der furchtbaren Normalität von “Bauer sucht Frau” angekommen, die Lesben haben das noch vor sich.

Die Bild hat sich am Tag nach der Auftakt statt gleichgeschlechtlicher Liebesspiele aber lieber auf einen anderen Aspekt der neuen Staffel gestürzt. Offenbar gab es da noch einen Kandidaten, der im TV beim Scheunenfest nur kurz im Gruppenbild zu sehen war: ein Biobauer aus Bayern, dem von Geburt an der rechte Arm fehlt. Er trägt eine Prothese. Die Bild zeigt ein Foto, dass ihn mit zwei Damen zeigt, im TV war die Szene nicht zu sehen.

Dass RTL Kandidaten für das Format castet und später nicht sendet, ist nicht unüblich. Normalerweise hat RTL allerdings gerade bei “Bauer sucht Frau” keinerlei Probleme damit, Menschen vorzuführen, die nicht ganz erfassen können, in welche Situation sie sich da begeben haben und die vor der Kamera eine problematische Figur machen. Bei einer körperlichen Behinderung zieht der Sender nun plötzlich eine Grenze – warum? Laut Bild hat RTL auf den einarmigen Bauern verzichtet, weil man nach den “stärksten Geschichten” suche. Eine Erklärung, die nach Verlogenheit riecht, wie ein Saustall nach Mist. Die Geschichte vom einarmigen Bauern ist womöglich vieles, aber garantiert nicht unspannend und sicher sehr stark. Vermutlich zu stark. (RTL selbst erklärt, es habe für diese Staffel eine "zu hohe Liebes-Bilanz" gegeben – siehe Updates unten) 

Der Verdacht liegt allerdings nah, dass der Sender fürchtete, selbst schlecht dabei auszusehen. Die Geschichte eines einarmigen Bauern, der eine Frau sucht, müsste mit echter Sensibilität differenziert erzählt werden. Das sind aber nicht die Stilmittel von “Bauer sucht Frau”. Diese Sendung ist ein in Wahrheit zynisches Format, das davon lebt, körperliche und geistige Unzulänglichkeiten auszustellen. Im Falle einer offensichtlichen körperlichen Behinderung würde dies auf den Sender selbst zurückfallen. Bilder von einem Mann, der mit einer Armprothese eine Frau umarmt, die Prothese vielleicht sogar vor laufender Kamera anlegt und mit dieser Beeinträchtigung schwere körperliche Arbeit verrichten muss, wären nicht mehr geeignet, sich sorgenfrei über die tumben Landwirte auf Freiersfüßen lustig zu machen. Hätte die Redaktion sich vielleicht auch in diesem Fall auch lustige Alliterationen ausgedacht? Der einsame Einarmige? Und passende Pop-Mucke im Off eingespielt? Nein. Das wäre zu viel gewesen und hätte offensichtlich gemacht, wie verlogen und menschenverachtend diese Sendung in ihrem Kern ist. “Bauer sucht Frau” wäre implodiert.

Stattdessen gibt es nun also die Liebesspiele der schönen Lesben und einen lustig lispelnden Luxemburger. Der Einarmige hätte da nur gestört, wurde rausgeschnitten. Die Welt von “Bauer sucht Frau” ist wieder in Ordnung. Auf ihre eigene, verstörende, schreckliche Weise.
Update: Wie ein RTL-Sprecher gegenüber der Website Chiemgau24.de erklärte, sei der Grund für das Nicht-Zeigen des einarmigen Bauern die "hohe Liebes-Bilanz" der Sendung. Der Sprecher wird mit den Worten zitiert: "In diesem Jahr haben wir das zugegebenermaßen erfreuliche Phänomen, dass wir so viele glückliche Paare wie noch nie haben. Trotzdem können leider nicht alle Geschichten gezeigt werden. Für die nicht ausgestrahlten Bauern ist das natürlich schade, aber im Fall von Franz hat sich die Teilnahme trotzdem gelohnt – er hat mit Sonja eine sehr gute Freundin gefunden."
Update 2: Gegenüber MEEDIA erklärte RTL-Sprecher Matthias Frey: "In diesem Jahr wurden 15 Bauern in unserer Aufrufsendung an Pfingsten vorgestellt, 13 durften dann beim Scheunenfest zwei von ihnen ausgewählte Bewerber/-innen kennenlernen. In der Staffel selbst zeigen wir zehn Bauern und ihre Geschichten. (Auch in vorherigen Staffeln von „Bauer sucht Frau“ war dies der Fall.) Kurzum: Neben Bauer Franz sind drei weitere Landwirte nicht in der Staffel zu sehen, obwohl sie beim Scheunenfest anwesend waren.
Wir kommunizieren gegenüber Zuschauern, Presse und auch unseren Bauern sehr offen, dass RTL -wie Meedia und die BILD übrigens auch- nach den Dreharbeiten eine redaktionelle Auswahl treffen muss, um den Zuschauern und Lesern die spannendsten und stärksten Geschichten zu präsentieren. Und damit komme ich schon zum wichtigsten Punkt meiner Mail: Dass Bauer Franz nicht in der Staffel zu sehen ist, hat keinesfalls etwas mit seiner körperlichen Behinderung zu tun."

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