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Die hübsche Seite der Herald Tribune

Die International Herald Tribune wurde diese Woche umbenannt in International New York Times. Damit trägt die berühmte Zeitung wieder einmal einen neuen Namen. Dabei hieß das Blatt schon einmal so. Für Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs ist die wechselvolle Geschichte der "Trib" ein Sinnbild dafür, dass sich klassische Medien nicht als globale Marken eignen. In seiner MEEDIA-Kolumne erinnert er außerdem an den wahrscheinlich schönsten Auftritt einer Zeitung in der Filmgeschichte.

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Die Bücherregale des lesenden Angestellten sind voll mit irgendwelchen Sonderausgaben von Zeitungen und Zeitschriften. Da liegen sie, Erinnerungen an glorreiche, jedenfalls bessere Zeiten. 60 Jahre Spiegel, 50 Jahre stern, 25 Jahre deutsche Elle.  Die Leute sammeln solches Zeug.

Von besonderer Güte ist die Farewell-Ausgabe der International Herald Tribune vom Montag, „life of a newspaper“ genannt: Nach 126 Jahren verschwindet der Titel aus dem Markt, er kommt nun, genannt nach seinem Besitzer, als "International New York Times" unter die Leute. Dieser Namenswechsel war den Redakteuren einen Sonderteil wert, und atemlos schaut der Betrachter auf 24 Seiten versammelte Geschichte in Schwarz-Weiß, darunter alte Frontpages mit der „Man on the moon“-Story, Andy Warhol zeitungslesend oder das berühmte Jean-Seberg-Kinobild mit "Herald-Tribune"-Shirt und dem Blatt in der Hand auf der Champs-Élysées.

Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg in "Außer Atem"

Nie war eine Zeitung präsenter als in Godards Film "Außer Atem" (1960).

Die „New York Times“  hat es, nach Entsorgung des "Trib"-Namenerbes, nun ganz auf die Mission abgesehen, die Welt von der eigenen Unersetzbarkeit zu überzeugen, und das am liebsten online. Nur jeder zehnte Leser der Digitalausgabe kommt bisher aus dem Ausland, dieser Anteil soll jetzt steigen.

Doch Globalisierung ist eher die Sache großer Internetmarken, nicht die alter Pressetitel, für die der Altspruch vom "All business is local" in Stein gemeißelt zu sein scheint.

Google, Facebook, Yahoo, Twitter – solche Erscheinungen der amerikanischen Onlinekultur haben es in viele Länder auf dem Erdball geschafft. Ja, angebliche Revolutionen in Nordafrika wurden beispielsweise nach Facebook genannt. Wer aber läuft wirklich mit der New York Times unter dem Arm über die Champs-Élysées? Wer liest sie digital, wenn dafür bezahlt werden muss?

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Die Mediengeschichte ist voll mit gescheiterten Versuchen, nationale Helden  zu exportieren und zu internationalisieren. Die Financial Times wollte bekanntlich ganz Europa mit Schwesterblättern beglücken, geblieben ist die geschichtenstarke Heimatausgabe aus London, Southwark. Der große, geplante Siegeszug des Wall Street Journal durch Europa? Er bleibt eine nette Episode. Nun gibt es einen Webauftritt in Deutsch, der kaum bemerkt eine Nische der Nischen besetzt.  Und eine  Gratiszeitung wie Metro hat es ebenfalls nicht zu übergreifender Bedeutung gebracht.

Selbst das einst als Entfesselungskünstler der Moderne gepriesene Nachrichtenfernsehen von CNN des Ted Turner ist heute weltweit ein Kanal unter vielen, in den jeweiligen Regionen überholt von regionalen Anbietern wie Al-Arabija oder Al Dschasira. Popmusik oder Hollywoodfilme oder Fuball-Ensemble mögen global sein, klassische Medien sind es in einem nur sehr eingeschränkten Maße.

Die Washington Post hat das schon 2003 erkannt und sich aus der kostspieligen International Herald Tribune verabschiedet. Dem vorherigen 50-Prozent-Partner aus New York gehört nun das ganze Blatt, und das will er zehn Jahre später konsequent nutzen. Schon oft in ihrer Geschichte hat sich die Zeitung gewandelt, hat sie doch 1887 als Paris Herald begonnen, als Ableger des New York Herald des Verlegers James Gordon Bennett Jr.. Im Jahr 1935 wurde daraus The New York Herald Tribune, 1967 dann die International Herald Tribune.

Eine Aura des Unbeständigen liegt über dieser Zeitung, sie ist ein Vagabund der Pressegeschichte.

Nun ist das „New York“ für die Zeitung aus Courbevoie bei Paris, die in 180 Ländern verkauft wird, wieder existenziell wichtig. New York ist hip, ist Szene, diese Metropole spricht die digitale Bohème an, die elektronisch News aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport lesen soll.  New York klingt schicker als Herald Tribune.

Die Zeitung sei die „beste", verkündet New-York-Times-Chefredakteurin Jill Abramson zum Neustart, "also wird sie jeder haben wollen". So einfach ist das aus amerikanischer Sicht. Der Titel verschwindet, doch die DNA bleibe, ergänzt ein Kollege. Doch noch ist unsicher, wie lange das Blatt als Druckausgabe überhaupt erscheinen wird.

Was bleibt, ist vor allem Jean Seberg in der Rolle der Patricia Franchini, der hübschesten Zeitungsverkäuferin, die es jemals gab.

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