Der Zorn des Kolumnisten auf die Zeit

Die deutsche Huffington Post feierte mit einem von Werbung unterbrochenen Web-Stream und einen verspäteten Knopfdruck einen leicht rumpeligen Einstand an diesem Donnerstag. Bild-Chefredakteur Kai Diekmann feiert dagegen den Abschied von seinem Vizechef Nikolaus Blome mit einer Sause im Springer-Journalistenclub. Und Spiegel Online Kolumnist Jan Fleischhauer machte seiner herzlichen Abneigung gegenüber der Zeit-Politikredaktion mal ordentlich Luft.

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Spiegel-Online-Kolumnist Jan Fleischhauer hat diese Woche seinen offenbar aufgestauten Zorn auf die Zeit verarbeitet. Er nahm die Probleme der Kieler Oberbürgermeisterin und früheren Zeit-Redakteurin Susanne Gaschke zum Anlass, in seiner Kolumne mal was ganz Grundsätzliches zur Zeit im Allgemeinen und zu deren politischer Redaktion im Speziellen loszuwerden: “Die politische Konferenz der ‘Zeit’ ist ein idealer Ort, um die Welt ein wenig besser und gerechter zu machen. Die Menschen, die sich hier jeden Freitag treffen, verfügen über mindestens einen Hochschulabschluss. Der Ton ist gesittet, eher Tutzing als Hafenstadt, die Themen sind immer die großen Themen. Das Sterben in Syrien. Die Zukunft der deutschen Bildung. Amerikas Verantwortung für die Welt. Manchmal nimmt mit Helmut Schmidt der Weltgeist persönlich am Tisch Platz, um die Runde an seinen Einsichten teilhaben zu lassen. Wenn es einen Preis für pädagogisch wertvollen Journalismus gäbe, in dieser Redaktion fände man auf Anhieb Jury und Preisträger.” Wahrscheinlich musste das einfach mal raus.

Nicht jeder Bauernfänger-Twitter-Trick von Bild-Chef Kai Diekmann klappt. Am Donnerstag Abend twitterte er ebenso verheißungs- wie geheimnisvoll: “Blome bleibt …” Eine Anspielung auf das unwürdige Hickhack um den Wechsel seines bisherigen Bild-Vizes Nikolaus Blome zum Spiegel, der bei einigen Kollegen dort heftige Schnappatmung auslöste. Sollte der Blome etwa nun doch kalte Füße bekommen haben? Uiuiui. Kurz danach die Auflösung: “Blome bleibt… bei uns heute abend im Journalisten-Club, bis wir ihn gebührend verabschiedet haben! @DerSPIEGEL”

Vielleicht dachte der Diekmann’sche, dass sein mysteriöser erster Tweet unter mitlesendem Medienvolk sogleich hektische Betriebsamkeit auslösen würde. Die Aufregung hielt sich aber in gewissen Grenzen. Wahrscheinlich kam die Auflösung zu schnell hinterher. Mitgefeiert bei Blomes Abschied hat übrigens auch – von Kai Diekmann ebenfalls via Twitter dokumentiert – Robert Thomson, Ex-Chefredakteur der Londoner Times und des Wall Street Journal, beides Publikationen von Rupert Murdochs News Corp. Zu der hat auch Diekmann Verbindungen. Seit 2011 sitzt der Bild-Chef im Board der ehrwürdigen Times.

Wie findet man jetzt eine Überleitung von Kai Diekmann auf Medienbärte? Keine Ahnung – muss also ohne gehen: Diese Medien werden ja immer verrückter. Jetzt machen Bastionen der Seriosität wie die Zeit (s.o.), der Tagesspiegel und sogar die Mitteldeutsche Zeitung den Bart von Tagesthemen-Jungstar Ingo Zamperoni zum Top-Thema.

Medienbärte – vielleicht auch ein Thema für die nagelneue deutsche Huffington Post. Die Pressekonferenz zum Start der deutschen Huffington Post am Donnerstag rumpelte ja leider ein kleines bisschen. Die Organisatoren hatten über den Service Ustream einen Live-Stream der Pressekonferenz ins Web eingerichtet. Zuerst war man sich nicht bewusst, schon “auf Sendung” zu sein, weshalb ein Tontechniker Zuhörer mit allerlei Ton-Test-Ansagen (“Es brummt. Es brummt.”) erfreute. Und Ustream spielt bei kostenlosen Basis-Accounts Video-Werbung in die Streams ein. Da die deutsche HuffPost augenscheinlich einen solchen Account benutzte, wurden die warmen Worte von Gründerin Arianna Huffington und deren Editorial Director Cherno Jobatey an entscheidenden Stellen für Web-Zuschauer immer wieder durch Werbung unterbrochen.

Als es dann soweit sein sollte, dass die deutsche HuffPost endlich online geschaltet wird, drückten Frau Huffington, Herr Jobatey und der designierte Chefredakteur Sebastian Matthes einen dieser tollen roten Show-Knöpfe, die man wahrscheinlich aus dem 0live-Fundus bei Ebay bekommt. Die großkopferten Knopf-Drücker vor Ort hatten aber wahrscheinlich nicht mitbekommen, dass jemand anderes hinter den Kulissen schon längst einen weitaus unspektakuläreren Knopf gedrückt hatte. Die deutsche Huffington Post war nämlich zum Zeitpunkt des offiziellen Startschusses schon seit rund 20 Minuten online.

Im weiteren Verlauf wurde dann reichlich Spott über dem Angebot ausgekippt. Teils berechtigt, teils auch ein bisschen unfair. Beim Blick ins Impressum kann man jedenfalls ein wenig Mitleid bekommen. Ganze vier Redakteure sind da aufgelistet, dazu eine Nachrichtenchefin, drei Volontäre, ein Blog-Redakteur, eine “Social Media Expertin”, eine Praktikantin und ein Chefredakteur, der noch nicht da ist, weil sein Vertrag mit der WiWo noch läuft. Und mit der Mannschaftsstärke will man in die Top-5 der der deutschen News-Angebote im Web. Sportlich. Aber with a little help from their friends werden die das bei der HuffPo schon wuppen. Und wenn Motivation und Traffic mal in den Keller gehen – nicht bange machen lassen, sondern einfach dem Editorial Director Cherno Jobatey eine E-Gitarre in die Hand drücken. Der kann das.
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Schönes Wochenende!

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