Scripted Reality: das Spiel mit der Realität

"Fernsehen muss nicht wahr sein", sagt der Sprecher der Bremischen Landesmedienanstalt (Brema), Sven Petersen. Doch sollten die Zuschauer künftig klarer erkennen können, ob eine Sendung dokumentarisch oder frei erfunden ist. Deshalb, so Petersen zu MEEDIA, verhandeln die deutschen Landesmedienanstalten, die für die Aufsicht der Privatsender zuständig sind, derzeit mit den Programmanbietern über eine klare und einheitliche Kennzeichnung von Scripted-Reality-Filmen.

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Solche Formate wie "Berlin – Tag & Nacht" (RTL II) oder "Verklag mich doch!" (Vox) erwecken meist den Eindruck, als handle es sich um Dokumentationen aus dem Alltagsleben. Dabei sind die Fälle laut Petersen "frei erfunden" und die gezeigten Personen Laiendarsteller. Vielen Zuschauern, vor allem Jugendlichen, sei dies aber nicht klar, kritisiert der Brema-Sprecher.

Deshalb seien die Landesmedienanstalten jetzt im Gespräch mit den Programmanbietern. Das Ziel: Künftig sollen die Filme einheitlich als Fiktion gekennzeichnet werden. Bisher, so Petersen, geschehe dies nur zum Teil – etwa durch einen Hinweis im Abspann "Alle handelnden Personen sind frei erfunden". "Wir versuchen das jetzt zu harmonisieren", sagt der Sprecher. Rechtlich bindende Vorschriften für eine Kennzeichnung gibt es bislang nicht.
Könnte man nicht den Gesetzgeber dazu aufrufen, die Rechtslage zu verschärfen? Diese Forderung wäre unter den 14 Medienanstalten nicht mehrheitsfähig, meint Petersen. Im soeben veröffentlichten Brema-Geschäftsbericht 2012 findet sich auch ein Interview mit einem Scripted-Reality-Darsteller. Der 41-jährige Einrichtungsfachberater wurde nach einem Casting in eine Datenbank aufgenommen, in der laut Brema 140.000 Laiendarsteller gespeichert sind. "Nach der Ausstrahlung einer Sendung werden die Schauspieler für drei bis sechs Monate gesperrt, damit den Zuschauern nicht auffällt, dass es sich um Darsteller und nicht um echte Personen handelt", heißt es in dem Geschäftsbericht.

Der 41-Jährige spielt nach eigenen Angaben meist Familienväter, war aber auch schon Arzt oder erwachsener Sohn. Er bekomme jeweils ein etwa 50-seitiges Drehbuch zugeschickt und müsse sich an den Aufnahmetagen meist von 8 bis 22 Uhr bereithalten. Für eine Hauptrolle habe er zuletzt 450 Euro für drei Tage erhalten, berichtet er.

Gedreht werde nicht im Studio, sondern bei "Motivgebern", also bei Menschen, die ihre Wohnungen oder Geschäfte als Drehorte zur Verfügung stellen. Zwischen den Darstellern müsse vor Ort "eine gewisse Beziehung entstehen, damit man beim Dreh gewisse emotionale Situationen wie Streit und Liebe auch spielen kann", erzählt der Bremer weiter.

Seine eigene Motivation beschreibt er so: "Also einfach mal im Fernsehen sein, das find’ ich sehr reizvoll. Man lernt sehr viel über sich. Man lernt neue Leute kennen." Bestimmte Rollen würde er allerdings nicht übernehmen: "Nazi, Kindsvergewaltiger und Tierquäler". Ein Kollege von ihm habe mal einen solchen Vergewaltiger gespielt und daraufhin Probleme in seinem süddeutschen Dorf bekommen, so dass sogar der Ortsbürgermeister und die Polizei eingeschritten seien. "Viele Leute halten diese Sendungen für so realistisch, dass manche Darsteller da auch wirklich Probleme kriegen."

Deshalb fordert er Aufklärungsarbeit in den Schulen und einen Hinweis am Anfang und Ende der Sendungen, "dass alles frei erfunden ist" – und zwar nicht nur "ganz klein schriftlich irgendwo am Rand", sondern auch durch eine Ansage. Petersen hält diese Forderung allerdings für unrealistisch. Bei den Gesprächen mit den TV-Anbietern werde wohl allenfalls eine schriftliche Kennzeichnung herauskommen.

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