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Tom Buhrows fröhlicher Blick in den Abgrund

Auf den ersten Blick mag es vermessen und eitel erscheinen, dass der neue WDR-Intendant Tom Buhrow anlässlich seiner ersten 100 Tage im Amt zu einer eigenen Pressekonferenz samt Fototermin einlädt. Allerdings gab es auch durchaus großes Medien-Interesse an ersten Buhrow-Äußerungen und der Intendanten Frischling hatte auch durchaus Einiges zu sagen. Der WDR wird umstrukturiert und es wird gespart. Aber keine Angst. Allzu tief sind die Abgründe nicht, in die Buhrow blicken ließ.

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Ganz locker flockig am Stehpult im Funkhaus Café des WDR lehnte der wie stets gut aufgelegte Tom Buhrow. „Man hat mir einen Tee hingestellt. Das ist doch super“, freute sich der erkältete Herr Intendant. Bei Tom Buhrow menschelt es auch in schweren Zeiten. Dann aber zerfurchten Sorgen und die Last des bedeutsamen Amtes seine Stirn: Ja, es wird umstrukturiert, ja es muss gespart werden. Kurz vor der Pressekonferenz hatte Buhrow schon eine Betriebsversammlung hinter sich gebracht.

Beide Male hatte er dieselben Nachrichten im Gepäck: Wenn der WDR weiter wirtschaftet wie bisher, häuft sich innerhalb der kommenden zehn Jahre ein Defizit von 1,3 Mrd. Euro an. Schock! Buhrow bezeichnete dies wiederholt als “Abgrund”, bzw. als “gigantischen strukturellen Abgrund”. Einfach nur den Gürtel enger schnallen, das gehe angesichts dieser Schreckens-Perspektive nicht mehr. Strukturen müssen verändert werden. Man müsse beim WDR – natürlich – crossmedialer werden. Man dürfe nicht mehr in Sendungen denken, sondern in Inhalten. Was man halt landauf, landab so sagt, als Medienmanager im Jahre 2013.

Als Sofortmaßnahme will Buhrow den Gürtel dann freilich doch erstmal noch ein wenig enger schnallen. Zum aktuellen Sparprogramm von fast 60 Mio. Euro pro Jahr sollen ab 2015 nochmal 30 Mio. Euro zusätzlich eingespart werden. Und sage und schreibe 50 Planstellen werden gestrichen. Buhrow: “Das ist ein Riesen-Kraftakt”. Zur Erinnerung: Der WDR hat 4.210 festangestellte Mitarbeiter (Stand 2012) und noch viele mehr Freie. Die Stellen werden nur dadurch eingespart, dass auslaufende Positionen nicht neu besetzt werden. Kündigungen scheue er wie der Teufel das Weihwasser, so Buhrow. Außerdem wird der Kunstfundus des WDR verkauft, freiwillige Leistungen, zum Beispiel in der Filmförderung zurückgefahren, Rücklagen für die Baufinanzierung werden verringert und, Achtung, man werde bei Beschaffungen künftig nur noch das Zweitbeste beschaffen. Was immer das auch heißen mag.

Aber das reicht ja nicht! Darum müsse noch viel mehr auf den Prüfstand. Letztlich könne dies auch bedeuten, dass der WDR künftig nicht mehr alle Programme, die derzeit noch gemacht werden, anbietet. “Schritt für Schritt” sollen Abteilungen zusammengeführt werden. Buhrow hütete sich davor, konkreter zu werden. Soviel immerhin: In den Wirtschafts-, Sport- und Wissenschaftsredaktionen, in den Auslandsstudios New York, Brüssel und Moskau, den landespolitische Redaktionen, NRW Aktuell und Hörfunknachrichten sowie den Investigativredaktionen soll in den kommenden zwei Jahren ausgelotet werden, wie man enger zusammenrücken kann. Bei den Investigativredaktionen schwebt Buhrow eine “investigative Keimzelle” vor, bei der die Welle NDRinfo auch mit Tageszeitungen zusammenarbeiten könnte. Irgendwann könnte daraus eine zentrale Investigativredaktion entstehen – aber das ist noch Zukunftsmusik im Spar- und Struktur-Konzert des WDR.

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Konkreter ist da schon die App für die WDR Regionalsendung “Aktuelle Stunde”, bei der Zuschauer künftig über Irgendwas abstimmen können und Fotos und Videos hochladen (Die Leserreporter der Bild lassen grüßen). Jetzt schon zu haben im Google Play Store, bald auch bei iTunes. Tom Buhrow gehen solche Präsentationen gut von der Hand. Er redet locker, wirkt sympathisch und ehrlich, auch wenn er keine frohen Botschaften zu verkünden hat. Intendantenmäßige Worthülsen wie “alle unsere Produkte sollen auf die Dachmarke WDR einzahlen”, gehen ihm flüssig über die Lippen.

Um die Dachmarke WDR zu stärken, bzw. darauf “einzuzahlen”, wird auch die Homepage WDR.de umgebaut. Künftig sollen dort weniger lokale Nachrichten im Mittelpunkt stehen, sondern Highlights des Senders. Die Website soll ein Schaufenster des WDR werden, wenn möglich zum Beginn des kommenden Jahres. Um das Haus zu verjüngen wird der so genannte Innovationstopf (was es alles gibt …) in einen, holla!, Verjüngungstopf umbenannt (Volumen: drei Mio. Euro) und es wird ein Kreativ-Volontariat für Gagschreiber, Formatentwickler und Drehbuchautoren sowie sonstige “positiv Verrückte” (Buhrow) eingeführt.

Darüber, dass manch privates Medienhaus über einen “Abgrund” wie ihn der WDR gerade erblickt nur müde lächeln kann, ging Buhrow charmant hinweg. Ja, er wisse schon, dass man die finanzielle Ausstattung des WDR kritisch sehe. Trotzdem ist er natürlich der Auffassung, dass der Laden sein Geld wert ist. Was soll er auch sonst sagen? Der Mann hätte sonst ja seinen Job verfehlt. „Die Aufgabe ist umfangreicher und setzt einen mehr unter Druck, als ich es in meinen kühnsten Vorstellungen geahnt habe“, sagte Buhrow über seine ersten Erfahrungen mit dem Intendantenleben, das so lustig nicht zu sein scheint, wie mancher Zeitgenosse angesichts eines Jahres-Salärs von rund 370.000 Euro pro Jahr argwöhnt.

Tom Buhrow ist nicht nur gut gelaunt, er wirkt auch kompetent. Ihm ist durchaus zuzutrauen, dass er das richtige Fingerspitzengefühl mitbringt, die anstehenden Veränderungen im Riesenladen WDR anzustoßen, geschickt zu begleiten und zu moderieren. Seine Frohnatur konnte ihm der Stressjob offenkundig nicht nehmen. Er habe die Betriebskultur des WDR inhaliert und er “liebe den Laden”, bekannte er. Wenn man ihn bei seiner Pressekonferenz erlebt hat, kann man auch sagen: Er liebt auch seinen neuen Intendanten-Job. Soll er. Das ist schließlich eine Voraussetzung dafür, dass er ihn gut macht. Kein Zweifel: Tom Buhrow als WDR-Intendant – das passt.

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