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Leo Fischer über fünf Jahre als Titanic-Chef

Die Titanic gehört zu den wenigen Magazinen, bei denen es Usus ist, dass die Chefredakteure nicht an ihren Sesseln kleben, sondern nach fünf Jahren die Führung freiwillig abgeben. Im MEEDIA-Interview erklärt der scheidende Chefredakteur Leo Fischer, wie es ihm gelang in der Redaktion eine Atmosphäre der "Angst und der gegenseitigen Abhängigkeit" zu erzeugen, was seine größten Erfolge waren und wie sich die Medien während seiner Amtszeit änderten. "Mir scheint, dass das Internet immens an Bedeutung verloren hat".

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Nach fünf Jahren an der Spitze der Titanic hören Sie auf. Warum?
Fünf Jahre sind die normale Amtszeit eines Titanic-Chefs, und da ein Jahr Titanic wie sieben Menschenjahre zählt, ist es höchste Zeit für mich, in Pension zu gehen: Die Haare werden grauer, der Verstand wirrer. Die kurze Amtszeit ist auch politisch begründet: Die Gründer unserer Zeitschrift gingen völlig zu recht davon aus, dass man sich in diesem Amt ohnehin nur bereichert und immer mehr Kompetenzen anhäuft, und statteten es daher mit einem natürlichen Verfallsdatum aus.


Beim Blick in die Titanic-Historie fällt auf, dass die Chefredakteure niemals im Streit zu gehen scheinen. Wie kommt das?

Traditionell schlägt der scheidende Chef den zukünftigen vor, so dass hier schon eine Art konspiratives Einverständnis geschaffen wird, ein Klima der Angst und der gegenseitigen Abhängigkeit. Das hilft. Außerdem streiten wir uns ohnehin pausenlos, der Amtswechsel fällt gar nicht sonderlich ins Gewicht.

Was machen Sie jetzt? Werden Sie Autor, Journalist und streben Sie gar eine TV- oder Polit-Karriere an?

Ich bleibe dem Magazin treu und werde künftig mit den anderen Autoren gleichberechtigt um Kolumnen und Artikel konkurrieren. Ich bin aber grundsätzlich bereit, mich jedem verkommenen Unternehmen an den Hals zu werfen, das mich haben will. Ich könnte mir etwa vorstellen, RWE oder Gazprom zu beraten. Nicht zuletzt als Partei-Bundestagskandidat für Frankfurt konnte ich mich in Sachen Krisenkommunikation, Vertuschung und Dreckschleudern bestens qualifizieren.
Antworten Sie ruhig pauschal: Wie hat sich in den vergangenen fünf Jahren die Medienwelt verändert?
Mir scheint, dass das Internet immens an Bedeutung verloren hat. Seit klar ist, dass die ganze Infrastruktur den Geheimdiensten gehört, wirkt das Netz wie ausgestorben. In drei, vier Jahren spricht niemand mehr vom Internet. Außerdem hat FAZ-Chef Frank Schirrmacher schon seit fast drei Jahren kein neues Thema mehr. Das blockiert den Diskursbetrieb, da muss sich was tun.

Geht es der Satire heute besser?
Als ich anfing, ging es mit der Finanzkrise gerade erst los; viele Menschen hatten noch Hoffnung, die bestehenden Strukturen könnten sie auffangen. Heute ist die Verzweiflung ungleich größer – der ideale Nährboden für die parasitäre Spezies Satiriker, die sich seit jeher vom Leid der Menschen ernährt. Mittlerweile gibt es drei große Online-Satireportale, früher hatten wir da ein etwas freudloses Monopol.

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Was waren Ihre ganz persönlichen Höhepunkte an der Spitze der Titanic?
Der schönste Tag war der letzte Donnerstag, als mir meine Sekretärin zum ersten Mal in meinen fast sieben Jahren Titanic einen Kaffee gebracht hat. Da wusste ich, dass ich wohl irgend etwas richtig gemacht haben muss.
Der bepinkelte Papst, "Wer kennt diesen Mann?" (Hitler): Auf welche Story, welches Cover bzw. welche redaktionelle Entscheidung sind sie besonders stolz?
Die Klage des Papstes war natürlich sehr erfreulich – unser größter Gegner bisher, und noch dazu derjenige, der uns am wenigsten Kosten verursacht hat. Aber darauf kann ich schlecht stolz sein, ich habe ja keinen Einfluss auf die Launen des Heiligen Vaters. Ich bin vor allem froh, dass wir jetzt so viele junge Autoren und Zeichner beim Heft haben. 2007 beschränkte sich die Titanic-Jugend auf mich selbst; das war schon damals zu wenig.
Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?
Dass er niemals vergisst, wer ihm den Weg geebnet hat.

Wie finden Sie überhaupt die Wahl Ihres Nachfolgers?
Ich bin absolut begeistert von dieser Entscheidung, zumal ich selbst es war, der Herrn Wolff vorgeschlagen hat. Einen besseren, gütigeren, attraktiveren, großzügigeren und dankbareren Arbeitgeber kann man sich nicht wünschen.

Was muss er unbedingt besser machen als Sie?
Er sollte unbedingt mehr Urlaub machen als ich.

Was muss passieren, damit Sie mit gutem Gewissen sagen können: Bei mir war alles besser?
Das werde ich niemals sagen, denn Titanic ist stets ihr eigener Maßstab und kann aus Prinzip keine Fehler machen. Alles läuft gut, selbst das was falsch läuft.

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