Bild-Betriebsrat warnt vor „Abrissbirne“

Der Betriebsrat von Springer in Berlin schießt scharf gegen den Verlag. In den Regionalredaktionen der Boulevardzeitung kreise die "Abrissbirne". Eine neue Struktur der Außenbüros kaschiere einen "Kahlschlag". "Stück für Stück", heißt es in einem Schreiben, löse Bild in der Region Redaktionsspitzen ab, Fotodesks und Sekretariate auf. Springer hatte den Umbau in der Region bereits im Juli kommuniziert. Nun wird es ernst – was bei Springer nicht verkauft wird, muss sich verändern.

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Mit der Betriebsrat-Rhetorik ist es so eine Sache. Da ist von "Abrissbirne" die Rede, von Hemmungen, die nun nicht mehr vorhanden seien, von "Kahlschlag", "Selbstentleibung" und "Aushöhlung". Aus Sicht der Mitarbeiter, die lange für Bild arbeiten, vor allem in den Regionalredaktionen, dürfte diese Wortwahl den richtigen Ton treffen. Denn im Kern geht es darum, dass Berlin Hauptstandort der Redaktion ist, weitere fünf Redaktionen "voll-digitale Redaktionsstandorte" sind, d.h. dort arbeiten künftig auch Online-Journalisten.
Verlierer sind aber die Mitarbeiter von 15 weiteren Standorten, die nun nur noch Reporter und Fotografen haben. Die Infrastruktur an diesen Standorten, darunter u.a. Hannover, Bremen, Dresden, Köln, Nürnberg, wird abgebaut. Was bedeutet: Dort braucht es keine Redaktionsleiter mehr, keine Desks, keine Sekretariate. An diesem Punkt macht der Betriebsrat des Berliner Stammsitzes von Springer seine massive Kritik an der Strategie des Vorstands fest. Dazu kommen Maßnahmen wie beispielsweise die angekündigte Verlegung der Produktion in Hamburg nach Berlin, von der 80 Arbeitsplätze betroffen sind.
Die Kernfrage ist: Wird Bild ausgehöhlt, wie der Betriebsrat schreibt, oder ist der Umbau vor allem in der Region, der bis Jahresende abgeschlossen sein soll, eine mögliche Antwort auf die Transformation der Redaktionen von Print-Redaktionen mit angeschlossenen Onlinern hin zu integrierten Redaktionen? Auch diese Kernfragen werden in dem Brief des Betriebsrates angesprochen:
"Wer soll denn für Bild, von Print über Online bis Bild Plus, die in Zukunft immer vielfältiger und zahlreicher benötigten exklusiven Inhalte mit Alleinstellungsmerkmal liefern, wenn es nur noch ausgedünnte bundesweite Strukturen gibt?" Und: "Wie soll…ein Blattmacher, der beispielsweise in Hamburg sitzt, Lokalthemen aus Hannover oder Bremen überhaupt noch einordnen können, wenn er nicht vor Ort lebt und arbeitet?" Das sind berechtigte Fragen.
Die Kunst der neuen Redaktionsorganisation besteht aus Zentralisierung bei gleichzeitiger Dezentralisierung. Klingt paradox und meint: Doppel- und Dreifacharbeit muss zusammengefasst werden, bisher komplexe Arbeitsabläufe müssen vereinfacht werden. Gleichzeitig aber muss eine Redaktion sicherstellen, dass sie alle für sie relevanten Themen wirklich findet, d.h. es müssen ausreichend Mitarbeiter über die ganze Republik verteilt arbeiten. Die neue Bild-Struktur muss diese zweite Anforderung erfüllen – und der Beweis, dass das auch klappt, steht natürlich aus. Mit der neuen Aufstellung solle "die Qualität des Bild-Journalismus besser werden", sagt Springer-Sprecher Tobias Fröhlich.
Ein Punkt ist dabei virulent: In der Tat braucht Bild tatsächliche oder gefühlte exklusive Inhalte, und ob die "Reporter-Standort-Strategie" das leisten kann, ist unklar. Nicht zu vergessen: Der Umbau geschieht vor dem Hintergrund sinkender Printauflagen und gleichzeitig hohem Druck, das digitale Bezahlmodell in Gang zu bekommen. Das Bild von der Abrissbirne stimmt nicht, selbst ein börsennotiertes Medienunternehmen hat keinen Anlass, seine bisherige Cashcow abzuschlachten. Doch die Sorgen und Einwände treffen auch wunde Punkte in der Springer-Strategie.

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