„Wir geben deutlich mehr Geld für Texte aus“

Wie kann ein Medium in einer Welt funktionieren, in der unternehmerisch denkende Autoren eigene Blogs und eine eigene Leserschaft in sozialen Netzen haben? An der Antwort versuchen sich die Huffington Post, aber auch Golem.de. Beide setzen auf Gastautoren-Content und Extra-Reichweite. Im Gegensatz zur HuffPo zahlt Golem für die Texte - mit Erfolg. Golem-Chef Jens Ihlenfeld ist davon überzeugt, dass es nicht mehr reicht "die leeren Seiten im Web mit bestenfalls mittelmäßigen Inhalten zu füllen".

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Wie sieht Ihr neues Autoren-Modell aus?
Wir stellen Autoren Golem.de als Plattform mit ihrer Reichweite, Vermarktungsstärke und zugehörigen Dienstleistungen zur Verfügung. Dabei gilt: Die Artikel müssen den normalen redaktionellen Prozess durchlaufen und die gleichen Kriterien erfüllen wie alle anderen Inhalte bei uns auch. Die Autoren erhalten kein Pauschal-Honorar, sondern werden am Erfolg beteiligt. Um das Risiko für Autoren zu reduzieren, bieten wir Mindesthonorare an. Diese zahlen wir unabhängig vom Erfolg des Artikels aus. Übersteigt das erfolgsbasierte Honorar das vereinbarte Mindesthonorar, wird der höhere Betrag bezahlt. Bisher galt das für alle Artikel.

Treten die Autoren dann alle Rechte an ihren Stücken ab?

Wir verlangen dabei keine exklusiven Rechte, bezahlen aber für Artikel, die gezielt für Golem.de geschrieben wurden und die wir eine gewisse Zeit exklusiv haben, einen anderen Preis, als für eine Zweitvermarktung von Artikeln, die vorher an anderer Stelle veröffentlicht wurden.

Und wann zahlen sie die Autoren aus?
Derzeit rechnen wir nach einer Woche ab, um den Aufwand in einem vertretbaren Rahmen zu halten. Allerdings deckt dieser Zeitraum meist 90 Prozent der Gesamtzugriffe eines solchen Artikels ab. 
Warum haben Sie es eingeführt?
Das Modell ist eine Antwort auf die Frage, wie ein Verlag bzw. eine Website wie Golem.de in einer Welt funktionieren kann, in der unternehmerisch denkende Autoren über eigene Blogs verfügen, ihre eigene Leserschaft auf sozialen Netzen haben und Dienstleister nutzen, die für die Vermarktung sorgen, wie beispielsweise Google Adsense.
Diese Autoren sind nicht auf Verlage und größere Websites angewiesen und werden sich nicht mit immer kleineren Honoraren, wie sie heute leider oft bezahlt werden, abspeisen lassen. Wer solche Autoren gewinnen will, muss sich anders aufstellen, sich stärker als Dienstleister für Autoren verstehen.
Genau dafür versuchen wir, ein Modell zu entwickeln. Die erfolgsabhängigen Honorare sind nur ein Baustein. Hinzu kommen die Reichweite von Golem.de mit rund 500.000 Abrufen der Homepage täglich und das Redigieren und Lektorieren von Artikeln. Nicht alles ist für alle Autoren in gleichem Maße interessant. Für manche steht die Reichweite im Vordergrund, andere profitieren stark von der Arbeit an ihren Texten. Und je nachdem sieht auch das Honorar unterschiedlich aus: An Texten von Journalisten, die ihr Handwerkszeug beherrschen, müssen wir in der Regel wenig machen, bei Autoren, die noch nie etwas veröffentlicht haben, kann es passieren, dass die Texte aufwendig und in Absprache mit den Autoren überarbeitet werden müssen.
Wie viele Texte haben es so schon auf die Seite geschafft?
Wir haben bisher rund 20 Texte auf diesem Weg veröffentlicht.
Hat sich die Sorge bewahrheitet, dass Sie vor allem maximal klick-trächtige Stücke hinzugewonnen haben?
Nein, denn wir entscheiden ja, welche Inhalte wir akzeptieren und auf Golem.de sehen wollen. Zudem wird eben nicht nach einem Einheitspreis pro Page Impression bezahlt, sondern journalistische Gesichtspunkte spielen eine entscheidende Rolle. Wenn uns ein Thema besonders wichtig ist, weil es Golem.de bereichert, uns hilft, unsere Positionierung zu festigen, sind wir auch bereit, dafür so viel Geld auszugeben, dass es sich für den Autor selbst dann lohnt, wenn er keine Spitzenabrufe erzielt.
Waren sie erfolgreicher als die "normalen" Golem-Stücke?
Einige der Artikel gehören zu den erfolgreichsten, die wir in diesem Jahr veröffentlicht haben, aber alle waren erfolgreich genug, um mehr einzuspielen als das Mindesthonorar.
Warum waren gerade die Gast-Stücke so erfolgreich?
Wir stecken viel Aufwand in die Artikel und wählen daher Vorschläge aus, die zu unserem Anspruch ‚Klasse statt Masse‘ passen, so dass wir sie auch entsprechend prominent platzieren können. Das Plattform-Modell soll Golem.de schließlich ergänzen, nicht die Redaktion ersetzen. Im Gegenteil: Wir bauen die Redaktion parallel aus und haben in den letzten Monaten drei Mitarbeiter eingestellt.
Verzichten Sie zugunsten des neuen Autorenmodells auf den Einkauf traditioneller freier Texte?
Nein, aber wir haben auch einige wenige Texte von Autoren, mit denen wir schon länger zusammenarbeiten, über das neue Modell abgerechnet, sehr zum Vorteil der Autoren. Letztendlich wollen wir Anreize setzen, bessere, interessantere und aufwendigere Inhalte für Golem.de zu schreiben, die unsere Leser als sehr relevant empfinden. Das wird nur mit guten Autoren gelingen, die Expertise mitbringen, die wir in der Redaktion so nicht bereits haben.
Geben Sie jetzt mehr Geld für Texte aus als vorher?
Ja, deutlich mehr, aber wir haben deutlich weniger Artikel, bei denen wir draufzahlen, da sie die Erwartungen nicht erfüllen.
Warum zahlen Sie den Autoren überhaupt noch Geld? Die HuffPo versucht beispielsweise ja gerade, ihre neuen Mit-Blogger überwiegend mit Reichweite zu entlohnen.
Weil wir nicht glauben, dass in unserem Themenbereich ein solches Modell in Deutschland auf Dauer funktionieren kann. Denn unsere Leser stellen an uns extrem hohe Ansprüche. Das macht die Zielgruppe sehr interessant, ist aber zugleich eine große Herausforderung.
Zudem bin ich davon überzeugt, dass Relevanz und Qualität langfristig entscheidend sind und es bald nicht mehr ausreicht, die leeren Seiten im Web mit bestenfalls mittelmäßigen Inhalten zu füllen, deren einziger Anspruch es ist, zu einer Suchanfrage zu passen, die ein Nutzer bei Google eintippt. Es ist ja keinesfalls so, dass es im Internet nicht eine ausreichend große Masse an Inhalten gibt. Wer aber aus dieser Masse herausstechen will und das wiederholt, muss sich etwas einfallen lassen.
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