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Boris Becker: peinliche Beichte, dufte Story

Konstantin von Hammerstein, Noch-Büroleiter des Spiegel, zog erst gegen seinen Arbeitgeber vor Gericht und zog dann zurück. Claus Strunzt talkt lieber mit C-Promis statt mit A-Politikern über den Wahlausgang, stern.de versucht mit kuriosen Grafiken Leser zu fangen. Die Gala macht eine kritische Story über Boris Becker, während derselbe bei Bild exklusiv hofiert wird. Und sehen Sie als Bonus, welche beiden konkurrierenden Medien-Promis in trauter Ein-Tracht auf der Müncher Wiesn erwischt wurden ...

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Was bloß beim Spiegel los? Das Hickhack um die Personalie Nikolaus Blome nimmt kein Ende. Am Freitag zerrte der bald von Blome abgelöste Berliner Büroleiter Konstantin von Hammerstein seinen Arbeitgeber auch noch vor Gericht, weil sein Nachfolger Blome ein paar Tage früher anfangen soll. So liest es sich jedenfalls in der Darstellung der Süddeutschen Zeitung. Dass Mitarbeiter den Ruf und das Betriebsklima ihrer Redaktion derartig öffentlich beschädigen, wie das beim gedruckten Spiegel derzeit der Fall ist, ist beispiellos. Dass von Hammerstein die Klage beim Gerichtstermin dann zurückgezogen hat, macht die Sache nur bedingt besser. Er hätte gar nicht erst klagen sollen.

Auch bei einer anderen Hamburger Institution läuft es derzeit innerbetrieblich eher unrund: dem HSV. Und da müssen wir in der Bild-Fußball-Kolumne von Alfred Draxler lesen, dass der HSV-Aufsichtsratschef ein “in Fußball-Fragen ahnungsloser Spiegel-Redakteur” ist. Ja, heiliger Bimbam! Ist der HSV vielleicht nur darum so ein “Chaos-Club” (Draxler), weil dort auch diese Spiegel-Leute mitmischen? Ungeahnte Parallelen tun sich auf.

Deutschland hat gewählt, die Talkshows sind wie verrückt auf der Suche nach Gästen. Springer-Mann Claus Strunz machte aus der Gäste-Not eine Tugend. Für seine N24-Sendung "Deutschland akut – der Welt Talk” hatte er zum Thema Wahl-Nachlese Regina Halmich, Mathieu Carrière und Annabelle Mandeng zu Gast. Begründung laut Pressemitteilung: “Politiker reden gerne viel und sagen dabei wenig. Darum reden wir über den Wahlausgang mit Prominenten, die sich für Politik interessieren und Klartext reden.” Nochmal: Gäste waren Mathieu Carrière, Regina Halmich und Annabelle Mandeng. Wie groß die Not in deutschen Talshow-Redaktionen sein muss, können wir jetzt ansatzweise nachvollziehen.

Stern.de hat vor kurzem relauncht und seither experimentieren die Kollegen auch so ein bisschen mit Themen – wenigstens macht es auf den ganz und gar subjektiven Betrachter so den Eindruck. In dieser Woche machte die stern.de-Redaktion “Die Welt in kuriosen Grafiken” auf der Homepage schmackhaft. Basis der Story war ein entsprechendes Buch. Die “Story” bestand dann aus einer unkommentierten Klick-Galerie mit Bildern aus dem Buch, zum Beispiel diesem hier:

So ungefähr kann man sich denken, was vielleicht gemeint ist. So ungefähr. Eine gute alte Bildunterschrift wäre hier aber vielleicht auch kein Luxus gewesen.

Die Sonderausgabe zum 25. Geburtstag der deutschen Elle ist ein ansehnliches Paket von einem Magazin geworden – fast fragt man sich, warum Burda eigentlich noch die deutsche Harpers‘ Bazaar braucht. Aber das ein anderes Thema. Es lässt sich aber fragen, warum eigentlich es in diesem Fall die Elle nötig hat, einen ziemlich belanglosen Kurzartikel über eine Manufaktur für Edelschmuck und deren neue Repräsentantin ins Blatt zu heben. Subheadline: "Die Vollendung einer faszinierenden Persönlichkeit: schillernder Schmuck. Carla Bruni-Sarkozy und Bulgari passen da perfekt zusammen." Viel differenzierter wird’s auch im Text nicht mehr. Nicht, dass la Bruni und der Schmuckhersteller nicht eine Story wert wären – aber warum auf diese Schmalspurnummer? Dann doch lieber gleich richtig groß – ein Porträt, ein Interview. Die Anzeigenstrecke von Bulgari im Magazin ist schließlich auch vier Seiten lang.

Im aktuellen Focus, der ebenfalls bei Burda erscheint, gibt es dagegen gleich drei Artikel in ganz eigener Angelegenheit. Zunächst ein Interview mit Xing-Chef Thomas Vollmoeller über die Zukunft der Arbeit. Burda ist Hauptaktionär des Web-Unternehmens. Dann ein (durchaus kritisches) Interview mit AOL-Chef Tim Armstrong über die deutsche Huffington Post, die in Kooperation mit Tomorrow Focus am 10. Oktober an den Start geht. Und schließlich eine Seite über den Auftritt von Focus-Herausgeber Helmut Markwort in dem Stück "The King’s Speech", das im Bayerischen Hof aufgeführt wird, mit der Überschrift "Wandlung zum Staatsmann". In dem einen oder anderen Medium las sich das anders.

Die Gala macht diese Woche mit der Story auf “Boris, was ist aus Dir geworden?  Peinliche Lebensbeichte, arrogante Auftritte, Lästereien über Ex-Frauen – Wie ein deutscher Held sich selbst kaputtmacht”. Anlass für die Berichterstattung ist die Veröffentlichung von BBs Buch “Das Leben ist kein Spiel”, das er “zusammen” mit dem Journalisten Christian Schommers verfasst hat und bei Bild.de auszugsweise mit seltsamer Betonung und hervorquellenden Augen vorliest, dass die Babs ihn mal gehauen oder die Sandy ihn ausgenutzt hat usw. Aus der Bild-Verwertung und dem Gala-Titel lernen wir mehrere Dinge:

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1. Manchmal kann man die deutlich bessere Story machen, wenn man sich eben NICHT exklusiv an das Objekt der Berichterstattung bindet.

2. Die Gala macht mittlerweile Titel, wie Sie auch auf dem stern-Cover laufen könnten.

3. Boris Becker ist dermaßen durch.

4. Boris Becker kann nicht gut vorlesen.

5. Gala-Chefredakteur Christian Krug und Bunte Chefredakteurin Patricia Riekel geben ein prima Oktoberfest-Pärchen ab (OK, das hat jetzt nichts mit dem BB-Cover der Gala zu tun, ist aber ein wunderbares Fundstück aus der aktuellen Bunte):

So findet auch diese Medienwoche ein ein-trächtiges Ende.

Schönes Wochenende!

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