Sinn und Unsinn von Leser-Kommentaren

Das Online-Angebot der Zeitschrift Popular Sciences hat sich dazu entschlossen, künftig auf Leser-Kommentare zu verzichten. Damit wurde eine neue Debatte über Sinn und Unsinn von Kommentaren ausgelöst. In einem Blog der Washington Post wird die Entscheidung euphorisch begrüßt. Andere halten den Verzicht auf Leser-Kommentare für einen Rückschritt. Ab dieser Woche unternimmt auch YouTube Anstrengungen, um die Kommentarqualität zu verbessern.

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Suzanne LaBarre ist Online Content Director bei PopularScience.com und hat in einem Beitrag erklärt, warum die Website der traditionsreichen Wissenschafts-Zeitschrift künftig auf Kommentare verzichtet: “Kommentare sind schlecht für die Wissenschaft.” La Barre zitiert eine Studie der University of Wisconsin-Madison, bei der zwei Versuchsgruppe je einen Artikel über Nano-Technologie zu lesen bekamen. Der eine Artikel war mit zivilen Kommentaren versehen, der andere mit beleidigenden, unsachlichen. Eine spätere Befragung habe ergeben, dass die Gruppe mit den beleidigenden Kommentaren nach der Lektüre die beschriebene Technologie wesentlich kritischer sah, als die andere Gruppe.

LaBarre: “Wenn man das Ergebnis logisch zu Ende denkt, bedeutet dies: Kommentierer formen öffentliche Meinung, öffentliche Meinung formt Politik, Politik bestimmt ob und welche Forschung finanziert wird.” Laut Ansicht von Popular Science gibt es gewisse Felder – Wissenschaft gehört dazu – in denen nicht wild herumdebattiert werden sollte. Hier sollte es um nachprüfbare Fakten gehen.

Alexandra Petri von der Washington Post klatscht laut Beifall für die Entscheidung: “Nieder mit den Kommentaren! Popular Science trifft die richtige Entscheidung”, schreibt sie. Petri hält fest, dass unter Special-Interest-Texten der Ton der Kommentare oft deutlich ziviler und sorgfältiger sei, als unter allgemeinen, nachrichtlichen Texten. Fazit: Kommentare ja, aber nicht überall.

Dazu passt, dass die Google-Tochter YouTube diese Woche verkündet hat, Kommentare künftig nur noch über das Google-eigene Social Networks Google+ zuzulassen. Auch dies ist eine Maßnahme zur Verbesserung der Kommentar-Kultur, die bei YouTube bekanntermaßen reichlich haarsträubend ist. Ganz nebenbei promoted Google mit der Aktion natürlich auch sein Google+-Netzwerk.

Der Schritt von Popular Science hat im Netz sofort eine neuerliche Debatte über das Für und Wider von Leser-Kommentaren ausgelöst. Dabei herrscht weitgehender Konsens darüber, dass sich die meisten Leser und Kommentarschreiber tadellos benehmen. Es reichen eben aber auch einige wenige, besonders eifrige Nörgler, so genannte Trolle, um die Stimmung in Kommentarspalten zu vergiften.

Eine sorgfältigere Moderation von Kommentaren kann Abhilfe schaffen, ist aber aufwändig und teuer. Für viele zu teuer. Außerdem setzen sich Angebote, die Kommentare zu stark moderieren gerne auch mal dem Vorwurf der Zensur aus. Wahrscheinlich hat die Autorin des Beitrags in der Washington Post Recht: Kommentare können sinnvoll sein und ordentliche Debatten ermöglichen, wenn es sich um einen relativ geschlossenes Themengebiet handelt. Ansonsten überwiegen bei der Lektüre der Kommentarspalten oft Ärger und Verwunderung über  Erkenntnisgewinn. Die Washington Post zitiert zu dem Thema den Pulitzer-Preisträger Gene Weingarten, der mal gesagt hat, einen Artikel mit Kommentaren zu bekommen sei so, als ob man ein Steak bestellt und einen Beilagenteller mit Maden dazu serviert bekommt.

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