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Deutschland, einig Muttiland

Was für eine Wahl! Kanzlerin Angela Merkel ist auf dem Höhepunkt ihrer politischen Karriere und Macht angelangt. Die FDP gedemütigt, vom Wähler aus dem Parlament gejagt. Der Beinahe-Shooting-Star AfD knapp gescheitert. Die Linke in ihrem Kurs bestätigt und etabliert. Die Grünen zurückgestutzt. Die SPD ausgebrannt, personell ausgezehrt zur Assistentenrolle in einer großen Koalition verdammt. Am Tag danach suchen die Medien nach Erklärungen, wie Deutschland zu einig Muttiland werden konnte.

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Der Triumph der Angela-Merkel-CDU ist umso bemerkenswerter, wenn man zurückblickt, mit welchen Mitteln er erzielt wurde. Die Kanzlerin hat beim einzigen TV-Duell eher so lala performed. Der prägnanteste Satz, den sie sagte lautete: “Sie kennen mich.” Damit traf sie den Nerv der Deutschen. Die Plakate und Slogans der CDU waren von geradezu aufreizender Inhaltslosigkeit. “Gemeinsam erfolgreich”, “Das Ganze im Blick”, “Deutschland ist stark. So soll es bleiben.” “Sie kennen mich” hätte da auch prima in die Reihe gebracht. Der oft gehörte Vergleich mit Adenauers berühmten Slogan “Keine Experimente” war richtig, das Ergebnis entsprechend. Manche Medien mögen maulen, dass die Kanzlerin keine Meinung hat, vage bleibt, die berüchtigte “asymmetrische Demobilisierung” betreibt.

Die Strategie des schlichten, banalen “Weiter so” ist aber offensichtlich erfolgreich, weil auch die Rahmenbedingungen stimmen. In Deutschland sprudeln die Steuereinnahmen, die Arbeitslosigkeit ist niedrig,  im ersten Halbjahr hat die Bundesrepublik Deutschland GmbH sogar ein leichtes Plus gemacht! In einer solchen Lage, dürstet es die deutsche Volksseele nicht nach umstürzender Veränderung. Das Deutsche Wesen sehnt sich nach Gemütlichkeit. Jenem urdeutschen Begriff, der in anderen Sprachen keine recht Entsprechung findet. Dieses Gefühl bedient niemand so gut wie “Mutti” Merkel. Nicht der schnarrende Fettnäpfchentreter und Finanzexperte Steinbrück. Schon gar nicht der arrogant wirkende Herr Trittin von den Grünen oder die traurige Rumpeltruppe der FDP.

Den “Mutti”-Stempel trägt Angela Merkel völlig zurecht. Und der Begriff ist nicht, wie manche Medien meinen, Spott oder Beschimpfung. Das Etikett ist durchaus ernst gemeint. Sie ist die Frau, die sich kümmert. Die dieses komplizierte Ding mit der Eurokrise schon irgendwie hinbekommt. Bis jetzt hat es ja auch geklappt. Sie ist nachweislich unbestechlich und klug – zwei Eigenschaften, die nicht die schlechtesten sind, die man sich bei Politikern wünschen kann und die weiß Gott nicht jeder auf der Politik-Bühne so glaubhaft verkörpert wie sie.

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Man kann sich darüber aufregen, dass der deutsche Wahlkampf mal wieder einmal entsetzlich langweilig war. Dass es keine echte Konfrontation gab, bzw. nur ein eher jämmerliches So-tun-als-ob-Geschrei beim TV-Dreikampf der “kleinen” Parteien. Aber die Deutschen mögen das nun mal so. Angela Merkel ist ganz offensichtlich so, wie eine Mehrheit der Deutschen sich gerne sieht: bescheiden, klug, abwägend. Dazu passt ihre schlau und professionell gemachte Website mit den persönlichen Bildern aus Jugendtagen und wohl dosierter Gefühligkeit. Angela Merkel hat die berühmte Glaubwürdigkeit, die beispielsweise auch den grünen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, ins Amt getragen hat. Aber ist Jürgen Trittin glaubwürdig? Oder Sigmar Gabriel? Von den FDP-Nasen ganz zu schweigen. Und “glaubwürdig” ist auch nicht die erste Vokabel, die einem in den Sinn kommt, wenn man Gregor Gysis schön formulierten Reden lauscht oder AfD-Lucke über den Euro herziehen hört.

Die berühmten Fakten kapiert heute ohnehin niemand mehr. Es ging und geht bei einer Wahl um die Temperatur, die Gefühlslage. Welchen Eindruck vermittelt das handelnde Personal? Und da ist Angela Merkel mit ihren Charaktereigenschaften – unkorrupt, intelligent, glaubwürdig – allein auf weiter Flur. Wer so jemanden an der Spitze hat, braucht noch nicht mal mehr eine Vision. So lange die übrigen Parteien keine Personen in ihren Reihen haben, die ähnliche Eigenschaften vorweisen, regiert auf Bundesebene die politische Hegemonialmacht CDU in Person der Kanzlerin. Deutschland ist bis auf weiteres einig Muttiland. Und der Mehrzahl der Deutschen gefällt das offenbar sehr gut.

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