Anzeige

„Die Zeit der Literaturpäpste ist vorbei“

Am gestrigen Mittwoch ist Marcel Reich-Ranicki gestorben. Fast alle Medien gedenken des Kritikers. Für FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher war Reich-Ranicki „ein sehr großer Mann. Er war ein permanenter Protest gegen Langeweile und Mittelmaß“. Für die Welt kompakt war der Wahl-Frankfurter „das Gesicht der deutschen Literatur und ein großer Entertainer“. Iris Radisch kommt in ihrem Nachruf zu dem Schluss: „Die Zeit der Literaturpäpste ist vorbei. Er war der letzte“.

Anzeige
Anzeige

In seinem Nachruf berichtet FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher von seinem letzten Besuch bei Reich-Ranicki: „Um 14 Uhr hatte ich ihn noch besucht. Sein Sohn Andrew war an seinem Bett im Pflegeheim, wo er seit Tagen, seit Wochen war. Marcel Reich-Ranicki erkannte einen.Und es war keine Einbildung, sondern, nach einhelligem Zeugnis aller Umstehenden, unverkennbare Tatsache, dass er sich mit interessiertem Blick aufzurichten versuchte, als ich ihm sagte, ich hätte sensationelle Nachrichten aus dem literarischen Betrieb. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag.“

Anzeige

Auf Zeit online erinnert sich Iris Radisch: „Seine Wirkung auf das Publikum war ihm nicht gleichgültig, aber auch nicht so wichtig, wie ihm häufig nachgesagt wurde. Viele Pressedamen und Autoren hat er damit zum Wahnsinn getrieben, dass er immer nur sich selbst und niemand anderem treu und deshalb vollkommen unberechenbar war. Nicht wenige Autoren, die sich seiner schon sicher waren, wurden verletzt oder von seiner Zuneigung überrascht. Seine unbesiegbare Radikalität und Autonomie haben mich sofort und dauerhaft für ihn eingenommen – auch wenn ich mit seinen Urteilen oft nicht einverstanden war, das gehörte dazu. Nie hätte es unter ihm die urteilslahme Kuschelkritik gegeben, die es sich nun, nach seiner Ära, gerne mal gemütlich macht.“
Im Hamburger Abendblatt schreibt Armgard Seegers: Marcel Reich-Ranicki war in all seiner Leidenschaft ein begnadeter Schauspieler und trat stets in der Rolle seines Lebens auf: der des unermüdlichen Kämpfers für eine seriöse und deshalb oft schwierige Literatur, die er einem breiteren Publikum nahezubringen hoffte. So wurde er als Literaturkritiker fast ein Pop-Star.

Unter anderem mit dem Kritiker Reich-Ranicki beschäftigt sich Ruth Schneeberger bei Süddeutsche.de: „In klarem Stil, verständlich, meist ohne Fremdwörter oder Verschnörkelungen, dafür reich an Bildern, machten seine Kritiken in der Literaturszene nicht nur Eindruck. Reich-Ranicki machte sich damit unter den Autoren auch ziemlich schnell Feinde. Martin Walser, Peter Handke und auch Günter Grass wurden von ihm nicht gerade freundlich besprochen, die handfeste Gegnerschaft wurde später gar in literarischen Werken verarbeitet (zum Beispiel in Walsers Roman "Tod eines Kritikers") und publizistisch groß aufbereitet (zum Beispiel mit dem Verriss Reich-Ranickis über Günter Grass‘ neues Buch als Spiegel-Titel-Story unter Überschrift "Mein lieber Günter Grass", 1995).“

Sebastian Hammelehle, Spiegel Online: „Der Kanon, eine Sammlung von Romanen, Gedichten und Essays, die man nicht nur gelesen haben muss, sondern die den Leser bei aller Bedeutung auch fesseln, ist das editorische Vermächtnis, das neben seinen literaturkritischen Arbeiten nach Marcel Reich-Ranickis Tod bleibt“.
Die Welt kompakt schreibt auf ihrer Titelseite: „Marcel Reich-Ranicki war das Gesicht der deutschen Literatur und ein großer Entertainer. Mit dem "Literarischen Quartett" im ZDF bescherte er dem Buch eine Aufmerksamkeit wie nie zuvor. Dass ein Überlebender des Warschauer Gettos zum deutschen Literaturkritiker Nummer eins wurde, ist eine der glücklichsten Fügungen der Nachkriegsgeschichte. Jetzt ist Marcel Reich-Ranicki im Alter von 93 Jahren in Frankfurt am Main gestorben.“
Selbst das neue Deutschland titelt: „Ein Großer geht“

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*