Stinke-Peer im Spießerland

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zeigt auf dem Cover des SZ-Magazins den Stinkefinger und “Schland” dreht durch. “Darf man das” fragt sich Deutschland, die vereinigte Spießer-Republik besorgt. Die Bild hebt den Finger auf den Titel. Radio-Reporter fragen konsternierte Bürger. Die ARD nimmt den Finger in den Deutschland-Trend der "Tagesthemen" auf. Es regiert der moralinsaure Zeigefinger statt der Stinkefinger.

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Selbstverständlich gibt es sofort einen Twitter-Account zum Finger (@peersfinger) und eines der unvermeidlichen Tumblr-Blogs. Warum tut ein Kanzlerkandidat so etwas? Für Peer Steinbrück ist das Stinkefinger-Foto die optische Entsprechung zu seinem “Klartext”. Das stellte Steinbrück selbst in einem (ausnahmsweise mal nicht handgeschriebenen) Tweet klar: "Klartext braucht nicht immer Worte – zum Beispiel wenn man ständig auf olle Kamellen, statt auf wirklich wichtige Fragen angesprochen wird." Er meint folgende Frage des “Interviews ohne Worte” vom SZ-Magazin: “Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi – um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?” Bei dem Format antworten die Interviewten statt mit Worten mit Gesten. Steinbrücks Stinkefinger kann durchaus als treffende Antwort auf die Frage nach seinen alten Fettnäpfchen-Tretereien gelten.

Die hysterischen, bornierten Reaktionen von großen Teilen der Politik, Medien und der Öffentlichkeit auf das harmlos-witzige Foto – das manche nicht ganz zu Unrecht in Mimik und Körpersprache an Gunther Gabriel erinnert – offenbart die ganze schreckliche Schizophrenie in diesem, unserem Ländle. Die Leute haben angeblich die Nase voll von den immergleichen, weichgespülten, hohlen Phrasen der Berufspolitiker. Aber wehe, einer zeigt dann tatsächlich Kanten, wie hier Steinbrück. Dann erschrickt sich der deutsche Bundes-Michel und fragt erschrocken: “Darf man das?”

Das Schlimme ist dieses verallgemeinernde “man”. Das darf “man” nicht. Das macht “man” so. Es ist der hässliche Deutsche, der in solchen kleinen Formulierungen und Über-Reaktionen das Haupt so ein klitzekleines bisschen erhebt. Insofern ist Angela “Sie kennen mich” Merkel auch die perfekte Kanzlerin für Deutschland. Eine Geste wie Steinbrücks Stinkefinger, ein emotionaler Ausbruch wie seine Tränen auf dem SPD-Podium – das würden wir von ihr niemals sehen. Sie deckt zu, hält warm, betäubt den hässlichen Deutschen.

Merkel eckt nicht an. Steinbrück schon. Das macht Peer Steinbrück wahrscheinlich zu einem Kanzlerkandidaten, den die Mehrheit der Deutschen nicht wählen wird. Das macht ihn trotz oder wegen seiner ganzen Fettnäpfchen und seiner ungeschliffenen Art aber auch sympathisch. Eigentlich verquer, oder eben schizophren, dass einer wegen Eigenschaften, die ja angeblich so geschätzt werden, dann womöglich nicht gewählt wird. Aber so ist das nun mal, in diesem “Schland”.

PS: Für das SZ Magazin ist das Titelfoto natürlich ein Mega-Scoop. Die Redaktion kann sich bei den heutigen Lead Awards in Hamburg eigentlich gleich noch den Preis fürs Cover des nächsten Jahres mit abholen …

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