Anzeige

„Bild serviert Politik nach dem Tchibo-Prinzip“

Diese Studie wird für Debatten sorgen: Im Auftrag der Otto Brenner Stiftung analysieren Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt den Bundestagswahlkampf von Bild und der Bild am Sonntag. Neun Tage vor dem Urnengang veröffentlichen sie nun eine Zwischenbilanz, die höchst kritisch mit Springers Boulevard-Medien ins Gericht geht. So glauben die Autoren, dass sich die beiden Zeitungen ganz klar "gegen einen Lagerwahlkampf, für eine Große Koalition und gegen eine rot-grüne Regierung" positioniert hätten.

Anzeige
Anzeige

Nach Meinung der Medienforscher fingen Bild und BamS rund drei Monate vor der Wahl an, ihre Berichterstattung klar auszurichten. So werde beispielsweise über die Partei Bündnis 90/Die Grünen systematisch negativ, über Bundeskanzlerin Angela Merkel fast täglich positiv-sympathisierend berichtet.
Storz und Arlt meinen, erkennen zu können, dass die beiden Boulevard-Medien nach "dem Star-Prinzip" vorgehen würden. Heißt: Sie richten alle publizistische Aufmerksamkeit auf die Bundeskanzlerin und Peer Steinbrück. Dabei werde Merkel "als große Führungsfigur gehegt und gepflegt, unterbrochen von gelegentlichen freundlichen Ermahnungen an ihre Adresse". Der SPD-Kandidat komme dagegen nur vordergründig "quantitativ und inhaltlich ordentlich weg". Die Autoren bemängeln, dass er oft in Zusammenhang mit peinlichen und nebensächlichen Themen gebracht werde. Stets schwinge die Botschaft mit, der Kandidat sei in erster Linie ein ebenso aussichtslos wie verzweifelt kämpfendes Opfer seiner Partei und seiner selbst.

Diese Wortwolke fasst die gesamte Wahlkampfberichterstattung von Bild und BamS zusammen
Anzeige

An dieser Stelle muss allerdings gesagt werden, dass Bild und BamS damit möglicherweise auch nur eine Stimmung aufgegriffen haben, die sich in der gesamten politischen Berichterstattung über den SPD-Wahlkampf ablesen lies. Ein gutes Beispiel dafür ist das aktuelle Cover des Magazins der Süddeutschen Zeitung. Es wurde am 29. Juli aufgenommen und beschäftigt sich noch immer mit der Frage nach dem "Problem-Peer" und "Pannen-Peer". Die Reaktion Steinbrücks auf die Frage in der Rubrik "Fragen sie jetzt nichts" war das Zeigen seines Stinkefingers. Auch darüber berichtete Bild am heutigen Freitag, das tat sie auf ihrer Titelseite allerdings recht sachlich.
Für ihre Analyse betrachteten Storz und Arlt bislang 416 Artikel aus Bild und BamS, die sich auf Wahlkampfaktivitäten beziehen und zwischen dem 15. Juni und 8. September erschienen sind. Statistisch geschehen wurden pro Tag demnach 4,7 Beiträge gedruckt, wobei die Sonntagszeitung nach Meinung der Forscher nicht so nachdrücklich wie ihre tägliche Schwester eine Große Koalition forcieren würde. Für die beiden Springer-Medien ist die CDU/SPD-Koalition der "Zielkorridor", in dem die gesamte Berichterstattung eingebettet sei. "Bereits Mitte Juni prognostizierte Bild – in einer Art self-fulfilling-prophecy – als Ergebnis der Bundestagswahl eine Große Koalition unter der Führung von Angela Merkel. Den Piraten und der AfD wird das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde vorhergesagt".
Neben der Frage der Positionierung der beiden Boulevard-Medien beschäftigen sich die Wissenschaftler auch generell mit der politischen Berichterstattung von Bild und BamS. Dabei meinen sie ein Missverhältnis zu erkennen zwischen der Mini-Politikberichterstattung und der Maxi-Bedeutung, die die Zeitungen sich selbst zuschreiben und die ihr von Teilen des politisch-medialen Sektors zuerkannt würden. "Politik wird in Bild und BamS nach dem Tchibo-Prinzip – als Sonderangebot neben dem Hauptgeschäft – präsentiert", schreiben die Autoren in ihrer Zwischenbilanz. Dem Boulevard-Publikum, das sich hauptsächlich seine tägliche Unterhaltung in Sachen Sport, Prominenz, Sensation und Sex abholt, werden jeweils einige wenige, sorgfältig ausgewählte und hergerichtete Politik-Schnäppchen mitserviert. „Wer Bild im Wahlkampf als Leitmedium wahr- und ernstnimmt, wird auch Tchibo als führendes Modehaus und gutes Fahrradfachgeschäft anerkennen müssen".
Nicht zum ersten Mal beschäftigen sich der ehemalige Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, Wolfgang Storz und sein Forschungspartner Arlt mit Springers Boulevardmedien. Mit ihren Analysen "Drucksache Bild – eine Marke und ihre Mägde" und "Die Bild-Darstellung der Griechenland- und Eurokrise 2010" lösten jeweils kontroverse Debatten aus. Der Abschlussbericht über die Wahlkampfberichterstattung soll Ende des Jahres erscheinen.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*