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Wall Street verzweifelt an Apples Strategie

Gleich doppelt hat Apple Aktionäre gestern auf dem falschen Fuß erwischt. Ein günstiges iPhone für die Schwellenländer? Nicht von Apple! Einen Vertragsabschluss mit China Mobile? Wann auch immer! Tim Cook hat auf der iPhone-Keynote einmal mehr demonstriert, dass ihm alles egal ist – außer der Verteidigung von Steve Jobs' Vermächtnis der Hochpreispolitik. Es könnte die falsche Strategie sein, befürchtet die Wall Street und streicht die Kursziele kräftig zusammen. Die Aktie kollabiert.

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Gleich doppelt hat Apple Aktionäre gestern auf dem falschen Fuß erwischt. Ein günstiges iPhone für die Schwellenländer? Nicht von Apple! Einen Vertragabschluss mit China Mobile? Wann auch immer! Tim Cook hat auf der iPhone-Keynote einmal mehr demonstriert, dass ihm alles egal ist – außer der Verteidigung von Steve Jobs‘ Vermächtnis der Hochpreispolitik. Es könnte die falsche Strategie sein, befürchtet die Wall Street und streicht die Kursziele kräftig zusammen. Die Aktie kollabiert.

Eines muss man Tim Cook lassen: Er hat Mut. Nach einem Jahr zum Vergessen schienen sich in den vergangen zwei Monaten die Dinge etwas zum Besseren zu wenden. Die iPhone-Verkäufe im Juni-Quartal fielen mit 31 Millionen Stück etwas stärker aus als erwartet. Der legendäre Investor Carl Icahn sprach Apple öffentlich das Vertrauen mit einem Milliarden-Investment aus. Und endlich – endlich! – würde es nach einer fast einjährigen Dürreperiode wieder neue Produkte geben.  

Das iPhone wurde gestern gleich doppelt erneuert. Und obwohl Apple mit dem iPhone 5c und dem iPhone 5s nichts anderes als vorstellte als im Vorfeld erwartet worden war, waren die Gesichter nach der Keynote doch sehr lang. 549 statt 399 Dollar für das sogenannte Billig-iPhone? Was war da schief gelaufen?

Vielleicht hätten Analysten besser hinhören müssen, was Tim Cook auf der Investorenkonferenz von Goldman Sachs im Februar verkündete: Günstig gibt’s nicht. "Um zu gewinnen, muss man nicht das Meiste verkaufen", erklärte der Apple-Chef im Mai das Mantra auf der Digitalkonferenz D11 abermals – Marge schlägt Menge.

Vier Großbanken stufen Apple herab

Angesichts einer Gewinnmarge im freien Fall erscheint die Strategie auf den ersten Blick nachvollziehbar: Von enormen 48 Prozent im Vorjahr brach Apples Gewinnmarge 2013 auf 37 Prozent ein. Das Problem: In der Zwischenzeit hat sich Samsung im Vorbeigehen den Mittelklassebereich gesichert, während sich die Koreaner weiter im Highend-Segment mit Apple duellieren. Dieses Duell wird mit dem goldenen, aber eben immer noch kleineren iPhone 5s weitergehen, während das iPhone 5c mit seinen 549 Dollar bzw. 599 Dollar scheinbar auf verlorenem Posten steht.

Das ist zumindest die Einschätzung von gleich vier Großbanken, die gestern in Folge der iPhone-Keynote unisono den Daumen senkten. JP Morgan, Bank of America, Credit Suisse und UBS stuften Apple von "kaufen" auf "halten" mit der fast gleichlautenden Begründung herab: Mit dem viel zu teuren iPhone 5c beraube sich Apple seiner Wachstumsmöglichkeiten in den Schwellenländern, vor allen in China, wo das iPhone 5c nach Steuern sogar bis zu 735 Dollar kostet. Die Apple-Aktie brach daraufhin um sechs Prozent ein und vernichtete 25 Milliarden Dollar an Börsenwert.

Cramer: "Cook benimmt sich, als ob es ihm egal wäre, was er verspricht und dann hält"

"Wie weit will Apple noch zurückfallen?" schüttelt Vermögensverwalter Doug Kass den Kopf und spielt damit auf die Umsatzeinbrüche im vergangenen Quartal im Reich der Mitte an, in dem die Erlöse in China gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 14 und gegenüber dem Vorquartal sogar um 43 Prozent einbrachen. "Ich verstehe die Produkt-Launches nicht", stellte Kass Cook ein denkbar schlechtes Zeugnis aus.

"Die Leute wollen ein großes Smartphone. Apple bietet ein kleineres an. In den Schwellenländern sind die Leute preissensibel, Apples neues iPhone ist aber nicht günstig genug, um Marktanteile zu gewinnen. Irgendwas läuft da falsch", echauffiert sich der Hedgefondsmanager, der ziemlich genau vor einem Jahr Apples Absturz vom Gipfel vorausgesagt hatte.

Auch CNBC-Marktkommentator James Cramer versteht die Welt nicht mehr. "Die erste Regel in Wachstumsmärkten lautet: Weniger versprechen, mehr halten. Tim Cook kennt diese Regel offenbar nicht", zieht Cramer mächtig gegen den Apple-CEO vom Leder. "Er benimmt sich so, als ob es ihm egal wäre, was er verspricht und dann hält." Dieses Manko haftet dem unglücklich agierenden Apple-CEO seit nunmehr einem Jahr an. Er weckt Erwartungen beim Markt, die dann nicht gehalten werden. Oder sind die Erwartungen an Apple immer noch zu hoch?

China Mobile-Deal möglicherweise auf den letzten Metern verzögert

Vielleicht ist die Sachlage aber auch nur unglücklich um ein paar Tage verschoben: Cook agierte gestern wie der Platzhirsch, der sich nicht um Marktanteile scheren muss, weil er mutmaßlich den größten Deal der Konzerngeschichte abgeschlossen hatte, den er aber dann doch nicht verkünden konnte. Mit pro Jahr bis zu 40 Millionen mehr verkauften iPhones lässt sich schließlich selbstbewusster auftreten als ohne. Der Deal mit China Mobile wurde nun aber nicht gestern verkündet, sondern nur das teure iPhone 5c. Cook sah schlecht aus – ganz so, als wollte er aus dem Horrorjahr 2013 einfach nicht dazulernen.  

In den frühen Morgenstunden, als in Peking eine Wiederholung der Keynote vom Vortag vorgestellt wurde, lief dann doch noch eine News zu China Mobile über die Ticker. Die 4G-Lizenz wurde an den weltgrößten Mobilfunkhersteller erteilt. Für die Funktionalität der neuen iPhones ist das zunächst einmal die notwendige Voraussetzung. Der China Mobile-Deal kann damit nun jede Minute über die Ticker flattern. Tim Cook steht indes zunächst als Prügelknabe da, der nicht geliefert hat. Wieder einmal.

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