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G+J: wo das neue Strategiekleid zwickt

Mit vielen, sehr vielen Worten erklärt und erläutert der Verlag Gruner +Jahr, der am liebsten gar kein Verlag mehr sein will, seinen aktuellen Strategieschwenk. Man liest und hört die Worte vom “Haus der Inhalte” und den “Communities of Interest”, mit dem Verstehen hapert es noch ein wenig. Entkleidet man die umfangreichen Verlagsmitteilungen vom Buzzword-Bestand, bleiben viele Fragen übrig. Das neue Strategiekleid passt noch lange nicht wie angegossen.

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Die Vision von Vorstandschefin Julia Jäkel sieht in anderen Worten ungefähr so aus: Gruner + Jahr produziert mit seinen Medienmarken viele tolle Inhalte. Wenn man diese Inhalte von den einzelnen Marken löst, kann man sie neu zusammenpacken. Auf diese Weise entstehen Verbindungen, Synergien und neue Produkte, für die Leser/Kunden/Nutzer gerne Geld ausgeben.

Und weil die Chefin das glaubt, wird Gruner + Jahr nun umorganisiert zu “Communities of Interest”, vom Verlag zum “Haus der Inhalte”. Das soll deutlich machen, dass alles “plattformübergreifend” ist, dass die alten Strukturen aufgebrochen werden. Um den Mitarbeitern und der Öffentlichkeit dieses nicht ganz selbsterklärende Konstrukt nahezubringen, wurde einiger Aufwand betrieben. Auf einmal twittert der Verlag über seinen nagelneuen Twitter-Account im Minutentakt die Glaubensbekenntnisse der Chefin. Unter www.transformation-guj.de wurde eigens eine Website zum Thema eingerichtet. Journalisten bekamen vorab Gelegenheiten zu Gesprächen und vorsorglich hat man auch gleich noch Listen mit “häufig gestellten Fragen” selbst beantwortet.

Ein paar andere Fragen sind freilich noch unbeantwortet. Was zum Beispiel soll “Woman” für eine “Community of Interest” sein – Frauen als Interessensgruppe? In dieser Kategorie findet sich ohnehin nur die Brigitte mit ihren zwei Ablegern. Warum wurden Wirtschaft und Special Interest (nur vertreten durch das Fußball-Magazin 11 Freunde) zusammengefasst? Warum gehört die Hundezeitschrift dogs zu “Living”, also den Wohn-Zeitschriften? Wieso gehören Nido, GesundLeben und das Kunstmagazin art zu “News”? Ist Special Interest nicht sowieso nur ein anderer Begriff für “Community of Interest”? Sie merken schon: Das neue Strategie-Kleid zwickt und zwackt noch an der einen oder anderen Stelle.

Die vielleicht unangenehmste Frage lautet: Hätte es überhaupt eine Alternative gegeben? die mögliche Antwort: nein.

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Nicht ausgesprochen aber unübersehbar ist, dass die neue Strategie eine radikale Abkehr der alten Strategie des früheren Vorstandschefs Bernd Buchholz ist. Der wollte mit Professional Publishing eine neue Erlös-Säule neben den Publikumsmedien aufbauen. Doch dafür gestand ihm der Hauptgesellschafter Bertelsmann nicht die Mittel zu. Es kam zum Streit und zu Buchholz’ Demission.

Die neue Strategie der Julia Jäkel ist sperriger, aber sie kommt Bertelsmann damit nicht in die Quere. Daher auch die zelebrierte neue Einigkeit zwischen Hamburg und Gütersloh. Bertelsmann-Sprecher Andreas Grafemeyer lobte via Twitter in allerbestem Konzern-Einvernehmen den neuen Kurs am Baumwall: “Was #JuliaJäkel heute für @grunerundjahr verkündet, passt zur #Bertelsmann Strategie: Stärkung der Kerngeschäfte und digitale Transformation” Frau Jäkel schrieb in ihre Verlagsmitteilung einen salbungsvollen Gruß an den Mutterkonzern hinein. Eine große, glückliche Medien-Familie.

Lassen wir mal das ganze Gerede von Relevanz, Qualität, Commerce hier und Services da beiseite, so bleibt unterm Strich, dass Gruner + Jahr nun versucht, mit dem Verkauf von Inhalten (okay: und ein paar Zusatzgeschäften hier und da) den digitalen Wandel zu wuppen. Das ist für die Journalisten dort arbeiten zunächst eine gute Nachricht. Sie werden zum Beispiel nicht von heute auf morgen an die Funke-Gruppe verkauft.

Julia Jäkel selbst bezeichnet die neue Strategie als Weg. Die Umwandlung sei als langfristiger Prozess angelegt, kurzfristige Gewinnmaximierung sei nicht das Ziel. Das heißt, die Chefin ist sich bewusst, dass ihre neue Strategie kein in Stein gemeißeltes Manifest ist. Es wird wohl noch eine Weile heftig zwicken und zwacken, bis das neue Strategiekleid richtig sitzt. Aber so wie die Lage der Dinge aussieht, gibt es keine andere Wahl. Im Kleiderschrank hängt sonst nix mehr.

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