Anzeige

Gefangen im Web 1.5: Warum deutsche Websites so altmodisch wirken

Im deutschen Internet gilt für Seitenbetreiber seit 15 Jahren eine einfache Formel: Seitenaufrufe/1000 x TKP (Tausend-Kontakt-Preis) = Werbeeinnahmen. Und weil der TKP ständig sinkt, kämpft die Branche seit Jahren um stabile Werbeeinnahmen, indem Sie den anderen Faktor der Gleichung kontinuierlich zu erhöhen versucht: die Seitenaufrufe (Page Impressions, abgekürzt PIs). Dabei verlässt sie sich nicht weiter […]

Anzeige

Im deutschen Internet gilt für Seitenbetreiber seit 15 Jahren eine einfache Formel: Seitenaufrufe/1000 x TKP (Tausend-Kontakt-Preis) = Werbeeinnahmen. Und weil der TKP ständig sinkt, kämpft die Branche seit Jahren um stabile Werbeeinnahmen, indem Sie den anderen Faktor der Gleichung kontinuierlich zu erhöhen versucht: die Seitenaufrufe (Page Impressions, abgekürzt PIs). Dabei verlässt sie sich nicht weiter darauf, dass die kontinuierlich steigende Anzahl an Internetnutzern die Seitenaufrufe nach oben treiben wird, sondern sie versucht, jedem Ihrer Besucher um jeden Preis so viele PIs wie nur irgend möglich abzuringen.
Geopfert wird dafür die Benutzerfreundlichkeit der Seiten: Artikel werden auf mehrere Seiten verteilt, um den Benutzers auf halbem oder noch besser Drittel- oder Viertelweg zum Klicken zu bringen und mit dem Aufruf jedes weiteren Teils eine weitere PI zu generieren, oft nur im wagen Zusammenhang mit einem Artikel stehende Bilderserien werden dem Benutzer zum Klicken angeboten, und in jeder Serie wird natürlich auf jeder Seite nur ein Bild angezeigt, um auch beim Wechsel zwischen den Bildern noch einen Klick abzugreifen. Noch einträglicher sind für die Betreiber die auf vielen Webseiten angebotenen Minispiele: jeder Eintrag einer Ziffer ins Sudokufeld, jeder Klick auf das Schlachtfeld beim „Schiffe versenken“, jeder Buchstabe im Online-Scrabble erzeugen einen Reload der kompletten Seite und damit eine PI.
Das alles nicht etwa, weil dies technisch nicht anders möglich wäre, der Einsatz von Javascript und Ajax erlaubt das gezielte Austauschen von Inhalten oder die Anpassung von Inhalt ohne Serverkommunikation – allerdings um den Preis der heiligen Page Impression. Das Ergebnis sind Webseiten, die so schlecht bedienbar und langsam sind wie schon vor fünf Jahren. Noch schlimmer: der redaktionelle Inhalt, früher Aushängeschild jeder Zeitung, tritt in den Hintergrund dieser Klickbringer. Und auch die Werbetreibenden werden regelrecht betrogen: denn welchen Wert hat eine hundertmal ausgelieferte Werbung hoch oben auf einer Webseite, wenn unten in der Ecke ein Benutzer in rascher Folge 100 Klicks in ein 10×10 Felder großes „Schiffe versenken“-Feld macht?
Schaut man über den großen Teich, dann sieht man, dass Webseiten auch anders aussehen können: Auf den Sites der „New York Times“, des „Wall Street Journal“ oder der „Chicago Tribune“ steht der redaktionelle Inhalt wieder im Vordergrund. Der Grund dafür: Medien-Forscher Nielsen (der in Amerika etwa die Bedeutung hat, die die IVW hierzulande einnimmt) zählt zwar nebenbei immer noch PIs, aber der Richtwert für den Wert von Werbung hat sich dank Nielsen in den USA längst verschoben zur Zählung von Nutzern und ihrer Verweildauer auf einer Internetseite. Die Konsequenz sind wirklich schöne, benutzerfreundliche Online Magazine, bei denen der redaktionelle Inhalt wieder im Vordergrund steht, sich Bilderserien dynamisch innerhalb des Artikels austauschen, ohne dass die Seite neu geladen werden muss. Bei denen Teasertexte oder konfigurierbare Kästchen dem Leser erlauben, bestimmte, für ihn uninteressante Inhalte einfach auszublenden.
Versucht in Deutschland eine Webseite, diesen Wandel mitzugehen, muss sie sich rechtfertigen wie Anfang September das Portal StudiVZ. Das soziale Netzwerk für Studenten hatte solche dynamischen Technologien in ihre Seite eingebaut und Anfang Juli in einem Relaunch für seine Benutzer freigeschaltet: das Ergebnis ist ein Verlust von einer Milliarde PIs im Vergleich zum Vormonat. Die Geschäftsleitung sah sich genötigt, in einer Presseerklärung die „schlechten Zahlen“ zu erklären. Die Hoffnung besteht, dass andere Portale endlich nachziehen und dass dann Schritt für Schritt die Benutzerfreundlichkeit im deutschen Internet wächst

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige