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Bellut: „Piranhas nagen an den Großen“

Mit einer Keynote von ZDF-Intendant Thomas Bellut zur Fragmentierung der Branche wurde am Montag der Internationale Medienkongress in Berlin eröffnet. Auf eine Maxime konnten sich die Teilnehmer des Eröffnungspanels mühelos einigen: Relevante Inhalte sind wichtiger als je zuvor. Unterschiedliche Auffassungen gibt es allerdings dazu, wie weit der Wandel reicht – und welche Taktik die richtige ist, das ganz junge Publikum der 14- bis 29-Jährigen anzusprechen, die kaum noch linear fernsehen.

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"Wir müssen nicht nach neuen Geschäftsmodellen im Silicon Valley suchen – aber wir müssen wach sein": Mit einem Seitenhieb auf die Printbranche eröffnete ZDF-Intendant Thomas Bellut am Montagvormittag in seiner Keynote "Auf dem Weg in die digitale Medien-Gesellschaft" den Internationalen Medienkongress in Berlin, der auch in diesem Jahr parallel zur IFA stattfindet. Das Fernsehen als Medium habe bei seinen Zuschauern weiter eine große Relevanz, sagte Bellut – allerdings unter veränderten Ausgangsbedingungen. 
Die zunehmende Zahl neuer Sender nannte der Intendant "Piranhas", die "intensiv an den Großen nagen". In den vergangenen zwanzig Jahren sei der Marktanteil die vier größten deutschen Sender von 73,0 % (1992) auf 46,6 % (2012) gesunken. Wobei sich das ZDF freilich eifrig an der Selbstkannibalisierung beteiligt. Anders geht es auch gar nicht, meinte der Intendant mit Blick auf die von der Medienpolitik geführte Debatte zur Zusammenlegung öffentlich-rechtlicher Kanäle: "Mit einem Hauptkanal allein kann das ZDF seinen Auftrag in einer fragmentierten Medienlandschaft nicht erfüllen." 
Der eigene Spartsender ZDF.kultur kam in Belluts Senderportfolio schon gar nicht mehr vor – der Kanal soll Ende des Jahres eingestellt werden –  dafür sprach er sich für den Verbleib von ZDFinfo aus, das bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern derzeit besonders gut dasteht. "Sie werden verstehen, dass ich weiter dafür kämpfen werde", erklärte Bellut.
Auf dem anschließenden Eröffnungspanel waren sich die Teilnehmer zumindest in einer Hinsicht weitgehend einig: Dass die Zuschauer ihr Nutzungsverhalten ändern und über viele verschiedene Plattformen TV-Inhalte konsumieren, ändert nichts an der Notwendigkeit, relevante Inhalte zu produzieren. Im Gegenteil. "Wir befinden uns jetzt seit gefühlt 400 Jahren in einem Paradigmenwechsel", erklärete RBB-Intendantin Dagmar Reim. "Aber das Fernsehen der Zukunft wird auch ein Fernsehen sein, das wir heute schon kennen." 
Der britische BBC-Trust-Aufseher David Liddiment, der mit seiner Firma All3Media selbst zu den großen Produzenten gehört, war sich sicher: "Wir haben nichts von der neuen Welt zu befürchten. Die Möglichkeit für jemanden, seine Idee auf einen der vielen Screens zu bekommen und ein Publikum damit zu erreichen, war nie größer."
Die Frage ist allerdings, ob die etablierten Sender es hinkriegen, auch Angebote für alle Zielgruppen zu machen. "Ich gebe zu, ich weiß nicht genau, wie sich die ganz jungen Zuschauer verhalten", sagte ZDF-Intendant Bellut in Berlin. Gemeint sind die 14- bis 29-Jährigen, für die das klassische lineare Fernsehen kaum noch eine Rolle spielt. Andererseits habe die Sehdauer mit fast vier Stunden täglich pro Person in den vergangenen Jahren noch zugenommen – "eine erschreckend hohe Zahl, muss ich selbst als TV-Verantwortlicher sagen".
Sicher scheint zumindest zu sein, dass sich neben dem klassischen Fernsehen, das auch über Mediatheken und Apps konsumiert wird, im Internet eine Bühne für neuartige Inhalte etabliert, der sich die Sender nicht verschließen können, wenn sie den Anschluss ans junge Publikum nicht verlieren wollen: "Es wird neue Content-Arten geben, die sich in der Nische an spezielle Zielgruppen richten und das Gesamtangebot erweitern", war sich Christian Wegener, Vorstand New Media & Diversification bei Pro Sieben Sat.1, sicher.
Kritik kam von Oliver Kaltner, General Manager der Consumer & Channels Group bei Microsoft Deutschland. Kaltner argumentierte, viele deutsche TV-Sender und Produzenten hätten noch nicht erkannt, wie wichtig es ist, sich mit den Endgeräteherstellern selbst an einen Tisch zu setzen, um Inhalte auf deren Plattformen zu übertragen. Der Microsoft-Manager kritisierte insbesondere die mangelnde Flexibilität der deutschen Content-Produzenten: "Eine Verhandlung mit Netflix funktioniert zwanzig Mal schneller als mit jedem deutschen TV-Produzenten." Microsoft bemüht sich derzeit, seine neue All-in-One-Plattform Xbox One mit Inhalten zu bestücken.
Darum, wie die Flut der Inhalte von den Zuschauern überhaupt noch zu bewältigen ist, ging es nur am Rande – obwohl der Medienkongress in diesem Jahr unter dem Motto "All Yo Can Watch" läuft. 
Dabei hätte Moderator Frank Thomsen gerne gewusst, ob sich durch die neuen Möglichkeiten eine "McDonaldisierung" der Inhalte ergebe. Wenn es denn so sei, meinte Bellut, dann würde er vor allem auf eines Wert legen: "Hauptsache, das ZDF ist in diesem Spiel ein Big Mac."

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