Aogo und das Bild-Leserreporter-Foto

Die vergangenen Wochen im Leben des Fußball-Profis Dennis Aogo waren vor allem die Geschichte eines Bild-Leserreporter-Fotos. Denn wenn HSV-Trainer Thorsten Fink seinen Spielern nach der 1:5-Klatsche gegen Hoffenheim nicht überraschend zwei Tage frei gegeben hätte, wäre Aogo niemals nach Mallorca geflogen, dann wäre er niemals von einen Bild-Leserreporter geknipst worden. Dann wäre er niemals zum Boulevard-Buhmann geworden und würde wohl immer noch beim HSV gegen den Abstieg, statt in der Champions League kicken.

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Tatsächlich hat die Aogo-Story zwei Seiten. Aus sportlicher Sicht müsste der National-Kicker dem Hobbyfotografen danken. Am Hamburger Flughafen machte dieser ein Foto von Aogo, wie er sich gerade auf den Weg zu einer Air Berlin-Maschine befand. Die Bild brachte das Foto und titelte dazu „Nach Hamburgs 1:5-Pleite: Aogo fliegt eben mal nach Mallorca…“. Der dazugehörige Teaser gab dann die Stoßrichtung für die kommenden Tage vor: „Stellen Sie sich vor, Sie machen bei der Arbeit so richtig Mist – und bekommen dafür von Ihrem Chef zwei Tage frei, um mal den Kopf freizubekommen. Gibt‘s nicht? Doch, klar! Beim HSV ist nichts unmöglich…“.

Auf einmal war Aogo der typische Vertreter für den Typus eines Profikickers, der nicht zur Selbstkritik fähig ist. Statt über sein Versagen vom Samstags-Match nachzudenken, vergnügte er sich auf der Ferieninsel.

Diese Sicht der Dinge ist höchst einseitig. Immerhin hatte der Trainer seinen Spielern freigegeben. Was sie dann in ihrer Freizeit machen, ist immer noch ihre Sache. Unabhängig davon: Der Spieler war auf den Weg nach Malle geknipst worden, der Boulevard hatte sein Thema und der HSV-Trainer sah sich unter Zugzwang. Also suspendierte er den Außenverteidiger und sorgte dafür, dass sich für Aogo ein Angebot des Konkurrenten Schalke 04 auf einmal wohl wesentlich wohlwollender anhörte, als wenn er nicht gerade von vielen Medien – ungeschützt von seinem Verein – so richtig verprügelt worden war.

Das Ende vom Lied: Aogo wechselte sehr überraschend zu Schalke 04 und kickt nun in der Champions League, statt gegen den Abstieg.  

Das ist die sportliche Seite. Statt sich allerdings über den Schnappschuss des Hobby-Fotografen zu freuen, sieht der Profi die Fan-Fotos höchst kritisch. So antwortete er im Kicker auf die Frage, wie er es generell finde von Leserreportern verfolgt zu werden: "Als Katastrophe. Gerade als junger Spieler bleibt einem so kaum noch privater Freiraum, den man auch mal braucht, um leistungsfähig zu sein. Im Grunde bleiben nur die eigenen vier Wände, das ist sehr schade." 

Überhaupt hat der Neu-Schalker kein Verständnis für die Leserreporter. "Ich verstehe auch nicht, warum jemand so ein Foto macht und es abschickt. Wir Spieler sind doch keine Roboter oder Kunstfiguren, sondern junge Menschen mit einem Leben, auch abseits des Platzes. Jeder, der so ein Foto schießt, sollte versuchen, sich in die Situation des Fotografierten zu versetzten."

Tatsächlich scheint der Profikicker noch immer zu unterschätzen, wie viel Interesse die Öffentlichkeit seinem Tun entgegenbringt. Allerdings: Bei aller Kritik an dem Hobby-Fotografen und dem was der Boulevard mit dem Schnappschuss auslöste, war es möglicherweise für die Fußball-Karriere das Beste, was ihm passieren konnte. Wäre er beim HSV geblieben, dann wären seine Chancen auf eine WM-Teilnahme eher gering gewesen. Sollte er bei Schalke auf einmal regelmäßig spielen, dann kann er möglicherweise die Mallorca-Reise im kommenden Sommer streichen und stattdessen Richtung Brasilien abheben.

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