„Neon wird nie ein Hipster-Magazin“

Neon wird zehn Jahre alt. Kein Magazin hat in der vergangenen Dekade in Deutschland wohl einen größten Einfluss auf die optische und stilistische Entwicklung vieler Magazine gehabt, als der junge, unter den Fittichen des stern konzipierte Titel. Im MEEDIA-Interview verraten die Chefredakteur Vera Schroeder und Patrick Bauer warum sie stolz auf die „Neoinsierung“ vieler Medien sind, warum Vice "toll" und kein Konkurrent ist und ob es zum 20. Geburtstag noch immer eine gedruckte Neon gibt.

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Gratulation zum zehnten Geburtstag. Gibt es noch viele Menschen, die seit der ersten Ausgabe Neon lesen?
Patrick Bauer: Wir haben uns zum Geburtstag tatsächlich einmal angesehen, ob es Leser gibt, die uns von Anfang (Anmerkung: man konnte erst ab Ausgabe drei Abos abschließen) an abonniert haben.

Und?
Vera Schroeder: Es gibt 44 Abonnenten der ersten Stunde. Wir haben sie jetzt zum Jubiläum angeschrieben und ihnen ein kleines Geschenk geschickt.

Blick in das überarbeitete Heft: Eine Story über Masturbation


Gibt es auch Kiosk-Käufer, die solange durchgehalten haben?

Bauer: Bestimmt. Das bedeutet nicht unbedingt, dass sie zwölf Ausgaben pro Jahr kaufen. Es gibt aber ganz bestimmt Leute, die uns seit zehn Jahren regelmäßig lesen.
Wie lange kann ein Heft wie Neon seine Leser begleiten? Oder anders gefragt: Wie groß ist das durchschnittliche Zeitfenster, in dem Neon gelesen wird?
Bauer: Das ist schwer zu sagen: Das besondere an Neon ist, dass wir sowohl Erstsemestler, wie auch 35-Jährige ansprechen können. Wir schreiben weniger für eine Altersgruppe, als für ein bestimmtes Lebensgefühl. Dabei spielt es nicht vordergründig eine Rolle, wie alt der Leser gerade ist. Das Wichtige ist: Uns gelingt es trotzdem immer wieder, das Durchschnittsalter recht konstant zu halten.
Schroeder:
Der durchschnittliche Neon-Leser ist seit zehn Jahren konstant etwa 30 Jahre alt.
Bauer: Das muss auch so sein, denn wir wollen nicht mit unseren Lesern älter werden, sondern dauerhaft ein Magazin für eine bestimmte Lebensphase sein.
Schroeder: Neon ist für Menschen gemacht, die noch auf der Suche sind. Die unendlich viele Entscheidungen treffen sollten – und gar nicht wissen, ob sie das eigentlich schon wollen. Für Menschen die offen sind und gespannt auf alles, was das Leben so für sie bereithalten wird.

Blick in das überarbeitete Heft: "Neue Köpfe braucht unser Land"


Haben sich die emotionalen Neon-Themen in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Schroeder: Bestimmte Themen werden sich nie ändern. Liebeskummer wird sich immer wie Liebeskummer anfühlen. Er wird immer gleich schrecklich sein. Leichte Veränderungen stellen wir in der Einstellung zum Beruf fest, und daran angelehnt auch in der Frage, wie man sein Leben gestalten will.
Können Sie die benennen?
Schroeder: In den letzten zehn Jahren ist der Druck auf junge Menschen viel größer geworden. Das Grundrauschen der Krise ist permanent anwesend.
Bauer: Das Lebensgefühl „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“ ist geblieben, aber die aktuellen Themen, die unsere Leser beschäftigen, müssen wir jeden Tag neu finden: Ein Thema, das wir vor zehn Jahren nicht gemacht hätten, wäre eine Titelgeschichte – wie gerade erst – zum Thema Essen. Vor zehn Jahren haben die Leute auch noch nicht ihr Mittagessen auf Instagram gepostet. Ansonsten würde ich grundsätzlich sagen, dass die Ernsthaftigkeit bei den jungen Menschen eher zugenommen hat.
Ist Neon dann auch ernster geworden? Eigentlich waren sie schon immer recht ernst.
Bauer: Ich denke, dass wir mit der Zeit professioneller geworden sind. Trotzdem haben wir – da muss ich widersprechen – schon immer die Ausgelassenheit gehabt, die man als ein junges Magazin haben muss. Bei uns ist für die Reportage aus Bangladesch genauso Platz wie für einen witzigen Selbstversuch. Mit Ernsthaftigkeit meine ich eher, dass junge Menschen heute ganz besonders auf der Suche nach genaueren Hintergrundinformationen über unsere immer komplexere Welt sind. Sie wollen, dass man ihnen zeigt, was die großen Fragen unserer Zeit konkret mit ihrem Leben zu tun haben. Dem tragen wir nun mit unserem Relaunch Rechnung. Wir gehen jetzt noch genauer ins Detail und nehmen den Leser noch ernster.


Blick in das überarbeitete Heft: Die Aufmacherseite zum Ressort "Fühlen"

Eine gelungene Überleitung. Sie haben zum zehnten Geburtstag das Heft überarbeitet. Dann erzählen Sie doch mal. Was ist neu?
Schroeder: Es ist vor allem ein optisches Redesign. Außerdem haben wir ein paar neue Rubriken dazu genommen und andere so umgebaut, dass wir flexibler damit arbeiten können. Neon.de wurde optisch überarbeitet, es gibt ein neues Neon-Blog, ein E-Magazin des Heftes – und das alles vereint in einer Neon-App.
Bauer: Unser Gedanke war, dass wir den vielen Neon-Kanälen und -Ablegern, an denen wir hier sowieso zeitgleich arbeiten, ein neues, gemeinsames Dach geben. Das ist die neue, kostenlose Neon-App. In ihr lässt sich das E-Magazin lesen, man kann sich aber auch mit der Neon-Community austauschen, das Redaktions-Blog oder unsere Bücher lesen, unsere Spiele nutzen oder Tipps für ein Wochenende in Berlin suchen. In der Applikation unterscheiden wir nicht mehr zwischen Print und Digital.
Wird dann das E-Magazin kostenlos sein?
Bauer: Wir haben unsere Heftinhalte noch nie gratis online gestellt und machen das auch weiterhin nicht. Für Printabonnenten ist das E-Magazin aber selbstverständlich kostenfrei. Insgesamt soll die App auch die Interaktion mit den Lesern noch weiter steigern. So können sie innerhalb des E-Magazins beispielsweise selbst in der Heft-Rubrik "Nur eine Frage“ auf die jeweilige Frage antworten und sich an vielen anderen Stellen mit Meinungen oder Beiträgen einbringen.

Blick in das überarbeitete Heft: Eine Strecke über US-Motto-T-Shirts in Haiti
 

Neon wird noch immer stark als Print-Marke wahrgenommen. Zumindest aus multimedialer Sicht hat Vice doch Neon Einiges voraus?
Schroeder: Vice ist toll. Neon hat ein ganz anderes Geschäftsmodell. Auch die Zielgruppen sind nicht die gleichen.
Allerdings war Neon früher immer das hippe Heftkonzept, und jetzt ist es auf einmal Vice.
Schroeder: Das ist, glaube ich, ein Irrtum. Neon war nie ein Hipster-Magazin und soll es auch nie werden.
Bauer: Sonst hätten wir auch nie eine solche Flughöhe erreicht. Wir schätzen die Arbeit der Vice-Kollegen in Berlin. Neon verkauft kein Image, sondern guten Journalismus – und eine harte Auflage.
Schroeder: Trotzdem hat sich in den letzten zehn Jahren im Journalismus natürlich viel getan. Die Ansprachen sind in vielen Medien viel emotionaler geworden.
Bauer: Selbst beim Spiegel gibt es ja mit der „Homestory“ mittlerweile ein Format für den Ich-Text. Längst kann man schon von einer gewissen Neonisierung der Medienlandschaft sprechen.
Da sind Sie schon stolz drauf?
Bauer: Ja.
Schroeder: Das bedeutet natürlich immer auch, dass wir selbst uns ständig weiterentwickeln müssen. Die permanente Frage: Was wollen die Leute genau jetzt wirklich und wie genau lesen, müssen auch wir immer wieder treffend beantworten.
Bauer: Nicht nur inhaltlich und sprachlich wurde Neon in den vergangenen Jahren oft kopiert, sondern auch visuell. Tatsächlich bedeutet dies für einen Relaunch eine ganz besondere Herausforderung.
Inwieweit ist der Relaunch eine Reaktion auf das IVW-Minus?
Bauer: Die Arbeit am Relaunch begann unabhängig von Auflagenzahlen, es war ein redaktioneller Wunsch und Teil eines Modernisierungsprozesses, den wir vor einem Jahr angestoßen haben. Aber da Sie fragen: Im aktuellen Quartal werden wir wieder über dem zweiten Quartal 2013 liegen. Wir wissen sehr wohl, dass auch wir in einem schwierigen Markt besonders kämpfen müssen. Der heute 20-Jährige ist es einfach weniger gewohnt, zum Kiosk zu gehen als der 20-Jährige vor zehn Jahren es war.
Als Neon vor zehn Jahren startete, war auch die Rede davon, dass das Konzept helfen soll, junge Leser an den stern heranzuführen. Ist dieser Plan aufgegangen?
Bauer: Ich glaube schon, wenn wir unsere Leser befragen, dann ist der stern unseren Lesern stets sehr nahe. Eine echte Umwandlungsquote lässt sich allerdings nicht genau benennen.
Aber es gibt eine?
Bauer: Davon gehe ich aus. Nicht nur für Gruner + Jahr insgesamt, auch speziell für den stern hat sich die Entscheidung gelohnt, vor zehn Jahren Neon zu starten.
Gibt es auch zum 20. Geburtstag das gedruckte Heft?
Schroeder: Ganz sicher. Wie gesagt: Wir glauben nicht an die Trennung von Digital und Print. Beides wird nebeneinander existieren. Auch das Heft zum Anfassen wird bleiben.
Bauer: Man kann lustigerweise ausgerechnet auf Instagram sehr gut sehen, wie die Printausgabe von Neon lebt. Dort findet man so viele Bilder von Neon-Fans, die das Heft meist so arrangieren und ablichten, dass offensichtlich wird, dass es für sie fast eine Art Statussymbol und etwas ganz Besonderes ist. Etwas Wertvolles in einer ziemlich digitalisierten Welt, gerade weil es gedruckt wird.

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