Was Verlage von Jeff Bezos lernen können

Amazon-Gründer Jeff Bezos hat im August die Washington Post für rund 250 Mio. Dollar gekauft. Nun hat er in einem Interview in der Post seine Vision für die Zukunft der Zeitung dargelegt. Dabei geht es Bezos weniger um einen fertigen Masterplan, sondern um den Modus Operandi, die Herangehensweise. Laut Bezos muss der Leser radikal in den Mittelpunkt des unternehmerischen Handelns gestellt werden. Auch die hiesige Print-Branche kann von dem Amazon-Gründer Einiges lernen.

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“Es ist wichtig für die Post, dass sie nicht nur überlebt, sondern auch wächst. (…) Kein Geschäft kann immer weiter schrumpfen. Das kann nur für eine gewisse Zeit so gehen, dann wird man irrelevant.”

Ein wichtiges Signal an die Branche von Jeff Bezos: Einfach nur Sparen kann keine Lösung sein. Zeitungen, Print-Häuser brauchen eine Wachstums-Strategie und dürfen nicht nur auf den nächsten Jahresgewinn schielen. Bezos hat bei Amazon jahrelang hohe Verluste in Kauf genommen, um das Wachstum des Online-Händlers gnadenlos voranzutreiben. Der Erfolg gibt ihm Recht.

“Meiner Erfahrung nach geschehen Erfindungen, Innovationen und Veränderung durch gemeinschaftliche Team-Anstrengungen. Es gibt kein einsames Genie, das alles herausfindet und dann die eine Zauberformel präsentiert. Du studierst, du debattierst, du brainstormst und dann kommen langsam die Antworten. Das braucht Zeit. (…) Man macht so viele Experimente so schnell wie möglich. ‘Schnell’ bedeutet nach meiner Meinung hier: Jahre.”

Bezos bricht eine Lanze für die Langsamkeit und den Mut zu Experimenten. Etwas, das vielen Verlagshäusern heute oftmals fehlt. Allerdings ist Bezos auch in der komfortablen Lage mit einem geschätzten Privatvermögen von 24 Milliarden Dollar  über die notwendigen tiefen Taschen für langfristige Experimente zu verfügen.

“Die Post ist berühmt für ihren investigativen Journalismus. Sie investiert Energie, Schweiß und Dollars, um wichtige Stories aufzudecken. Und dann kommt einige Web Sites, fassen das in rund vier Minuten zusammen und Leser können die News für umsonst lesen. Eine Frage ist, wie kann man in diesem Umfeld überleben? (…) Sogar hinter einer Paywall können Websites deine Arbeit zusammenfassen und anschließend für umsonst anbieten. Der Leser fragt sich, “Warum soll ich für diesen ganzen journalistischen Aufwand bezahlen, wenn ich es auf einer anderen Seite für umsonst bekomme?”

Diese Analyse ist nicht neu, aber Bezos fasst das Dilemma von großen, teuren Redaktionen treffend zusammen. Es wird aus seinen Ausführungen auch klar, dass Paywalls keine Lösung des Problems sein können. Die Lehre: Verlage dürfen sich nicht auf Paywalls verlassen.

“Eine Frage, die wir mit dem Führungsteam der Post klären müssen, lautet: Ist sie (die Washington Post, Anm.d.Red.) lokal? Oder national? Ist sie etwas Neues? (…) Egal, zu welchem Schluss wir kommen, die Post wird die Leser in den Mittelpunkt stellen. Ich bin skeptisch, was Geschäftsmodelle betrifft, die Anzeigenkunden in den Mittelpunkt stellen. Ganz egal was das Geschäftsmodell sein wird: Das Herz werden News sein.”

Bezos erinnert hier an fundamentale Grundlagen des Mediengeschäfts: Der Leser kommt zuerst, nicht der Anzeigenkunde. Anzeigen kommen in einem zweiten Schritt, weil Leser da sind. Dies wird heute allzuoft vergessen. Und Bezos erinnert daran, was eine Zeitung im Kern ist: ein News-Unternehmen – egal ob auf Papier oder digitalen Ausgabegeräten.

Bezos’ Botschaften: Konzentriert euch auf die Leser! Konzentriert euch auf das News-Geschäft! Vertraut nicht auf Paywalls! Experimentiert, lasst euch Zeit! Dann, so verspricht Bezos, sei ein neue “goldene Ära” für Zeitungen möglich. Nicht nur der Washington Post ist zu wünschen, dass er Recht hat.

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