Nokia-Deal: Microsoft kauft die Vergangenheit

Es sollte der große Paukenschlag am Tag der Arbeit sein: Microsoft nutzte den freien Handelstag in New York, um der verblüfften Weltöffentlichkeit mit der Übernahme von Nokias Handysparte einen 7-Milliarden-Dollar-Coup zu präsentieren. Doch die Wall Street senkte am nächsten Morgen den Daumen und strafte Microsoft ab. Der Softwareriese gesteht mit der Übernahme von Nokias Handygeschäft ein, wie Apple und Google sein zu wollen, investiert dabei aber in die Vergangenheit. Der Zug in die Zukunft ist längst abgefahren.

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Es sollte der große Paukenschlag am Tag der Arbeit sein: Microsoft nutzte den freien Handelstag in New York, um der verblüfften Weltöffentlichkeit mit der Übernahme von Nokias Handysparte einen 7-Milliarden-Dollar-Coup zu präsentieren. Doch die Wall Street senkte am nächsten Morgen den Daumen und strafte Microsoft ab. Der Softwareriese gesteht mit der Übernahme von Nokias Handygeschäft ein, wie Apple und Google sein zu wollen, investiert dabei aber in die Vergangenheit. Der Zug in die Zukunft ist längst abgefahren.

Am Ende musste Microsoft gleich doppelt zahlen: 7 Milliarden Dollar kostet die Übernahme von Nokias Handysparte samt Patenten. An der Wall Street kamen weitere 12 Milliarden Dollar hinzu: So hoch fiel die Wertvernichtung nach Bekanntgabe des Deals aus.

Die Anteilsscheine des Software-Riesen verloren gestern knapp 5 Prozent an Wert. Microsoft-Aktionäre zahlten damit auch symbolisch die Zeche für Nokia – die Aktie des einst wertvollsten europäischen Konzerns zog gestern unterdessen um enorme 33 Prozent an. Sie waren die einzigen Gewinner des Deals – vorausgesetzt, so kann man sich nach einem Wertverlust von 93 Prozent seit den Allzeithochs noch fühlen. Doch das ist ein Nebenschauplatz.  

Steve Ballmer: Arbeit am eigenen Vermächtnis wie ein scheidender Präsident

Auf dem Hauptschauplatz präsentiert sich Microsoft als träger Riese, der mit purem Aktionismus versucht, seinen Platz in der Zukunft zu finden. Die glorreichen Jahre liegen bereits seit mehr als einem Jahrzehnt hinter dem Software-Giganten, Steve Ballmers wohl unfreiwilliger Rücktritt unterstrich zuletzt, wie hektisch die Rochaden in Redmond in diesen Tagen geführt werden.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wolle sich Steve Ballmer mit einem Paukenschlag verabschieden: Der 57-Jährge wirkt wie ein scheidender Präsident, der auf den letzten Metern mit maximalen Anstrengungen um sein Vermächtnis kämpft. Nokia sieht dabei wie das logische Puzzlestück in der Umgestaltung zum All-in-One-Konzern aus, den Ballmer im Juli noch bedeutungsschwanger ankündigte.  

Investment in die Vergangenheit: Nokias Lumia-Smartphones ohne Chance

Bei Tageslicht betrachtet ist Nokias Smartphone-Sparte jedoch vor allem eins: eine Aliba-Übernahme, die einem Investment in die Vergangenheit gleicht. So wie Microsoft vor zwei Jahren mit mehr als 8 Milliarden Dollar für Skype auf die Zukunft wettete, so sehr klammert sich der Software-Riese für eine Milliarde weniger nun an die Endgeräte eines Konzerns, dessen Zeit längst abgelaufen ist.

"Ganz gleich, wie sehr ich das Lumia mochte, es ist einfach nicht so viel besser als das iPhone oder Samungs Smartphones", fand CNBC-Marktkommentator James Cramer. "Das muss es aber, um den Unterschied zu machen", erklärte Cramer das Dilemma der Nokia-Endgeräte, die jetzt zu Microsofts Dilemma werden. Mit einem Anteil von drei Prozent auf dem weltweiten Smartphone-Markt findet sich Ballmer zum Abschied auf dem Markt der Zukunft in ungewohnter Nischenplayer-Position wieder.

Microsoft großes Eingeständnis, so sein zu wollen wie Apple

Microsofts Nokia-Übernahme erscheint damit am Ende so wirkungslos wie Peer Steinbrücks vermeintlicher Sieg im TV-Duell: Am Ende des Tages werden die Kräfteverhältnisse von anderen Playern bestimmt. Mit Lumia-Smartphones und Windows Phone 8 will Microsoft künftig zum großen Comeback blasen? Die Erfolgsaussichten sind gleich null, findet etwa Henry Blodget vom Business Insider.

Selbst der viel modernere Internet-Rivale Google, dem Microsoft mit der Übernahme eines Smartphone-Anbieters offenkundig nacheifert, muss mehr als zwei Jahre nach der 12-Millarden-Akquisition von Motorola einsehen, wie schwer es ist, einen alternden Handy-Hersteller zu integrieren. Auch nach dem Moto X wartet die Welt bis heute auf ein erfolgreiches Motorola-Smartphone aus dem Hause Google.

Vor allem jedoch ist Microsofts Nokia-Übernahme eins: Ein Eingeständnis, wie goldrichtig Apples jahrzehntelange Strategie ist, Soft- und Hardware unter einem Dach anzubieten. Auf den letzten Metern seiner fast 14-jährigen Amtszeit hat Ballmer noch einmal eindrucksvoll unterstrichen, wie gerne er ein bisschen mehr wie der andere Steve aus Cupertino gewesen wäre, der mit dem iPhone das erfolgreichste Technologieprodukt aller Zeiten erschaffen hat  – aus einem Guss, aus einem Haus.

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