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Raab-Hype: wahrer Sieger des TV-Duells?

Stefan Raab bleibt ein Phänomen der deutschen Medienlandschaft: Nach zwei Jahrzehnten als Talkshow-Clown ist der Metzgersohn nun ganz oben im Polit-Talk-Establishment angekommen. Raabs breitbeinige Gangart lockerte das überreglementierte TV-Duell wohltuend auf. Die Presse feiert den 46-Jährigen gebührend: Die Bild Zeitung machte Raab zum wahren Gewinner der Fernsehdebatte. Dabei ist Raabs überraschende Talk-Glanzstunde vor allem der Schwäche der Mitmoderatoren geschuldet.

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Es war ein langer Weg vom Demonteur des deutschen Bundestrainers ("Bööörti Vogts") zum Provokateur der deutschen Bundeskanzlerin – fast 20 Jahre waren es von der ersten Moderation für "Vivasion" bis zum TV-Duell um die Kanzlerschaft 2013. So ganz scheint das auch Stefan Raab nicht glauben zu können: Er grinste gestern im Berliner TV-Studio wie ein Überraschungsgast, dem ein besonderer Scoop gelungen ist.

Raab ist immer noch ein Unikat in eigener Sache, das selbst nach den enormen Erfolgen seiner TV-Formate, Entertainer-Inszenierungen und nicht zuletzt dem furiosen Eurovisions-Triumph mit Lena unterschätzt wird.

T-Shirt unter dem Hemd: Raab bleibt auch im TV-Duell authentisch

Der inzwischen 46-jährige TV-Unternehmer hatte nie die Tiefe und den Biss eines Harald Schmidt besessen, seine Formulierungen sitzen längst nicht so sicher und werden oft genug durch ein eingestreutes "ja" gestreckt – aber genau darin liegt Raabs Meisterschaft: in der Kunst der Improvisation. Das ist sein Erfolgsgeheimnis: Raab hat sich ein Imperium gezimmert als unterschätzter Improvisateur.  

Als solcher steht Raab nun auch im Studio in Berlin-Adlershof neben Anne Will, er steht da wie immer: ein bisschen breitbeinig, übermütig dreinblickend in seinem Anzug, in den er sich seit seinem Polit-Talk-Format "Absolut Mehrheit" zwängt und der doch wirkt wie Fremdkörper.

In einer Welt, in der sich Virilität optisch darüber definiert, als echter Kerl partout kein Unterhemd oder T-Shirt unter dem Hemd zu tragen, macht Raab genau das: er trägt weiter das T-Shirt unter dem Oberhemd, das Markenzeichen der vermeintlichen Durchschnittlichkeit. Raab trägt es auch beim TV-Duell, er bleibt authentisch und verstößt damit kalkuliert gegen die Etikette.

Raab ohne Pardon: Kanzlerin attackiert wie eine C-Prominente

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Das gilt in der Art der Gesprächsführung genauso: Raab lässt nicht locker und geht die Kanzlerin an wie eine C-Prominente auf seiner Drehbühne bei TV total: Ob sie vom Datenklau erst durch Edward Snowden erfahren habe, will er wissen. Und nun aber doch raus mit der Sprache, wann Deutschland denn endlich einen Haushaltsüberschuss erziele und wann mit dem Schuldenabbau begonnen werde. Auf all das hat Merkel längst Antworten gegeben, aber Raab will sie noch mal hören, er fällt Merkel immer wieder ins Wort, wie ein Rapper fuchtelnd am Talker-Tisch.    

Auch an Steinbrück arbeitet sich der inzwischen 46-jährige TV-Tausendsassa gebührend ab: Was der Wähler denn für einen Vizekanzler Steinbrück tun müsse, will Raab wissen. Eine recht plumpe Provokation, die der SPD-Kandidat zunächst entspannt kontern will, dann grätscht Raab mit Anlauf und wilden Gesten immer wieder dazwischen: "Das ist doch keine Haltung zu sagen, ich will nur gestalten, wenn ich King of Kotelett bin", holt Raab unter dem bewundernden Lächeln von Anne Will aus. Es ist der Zinger-Moment der Debatte, gesetzt vom Moderator selbst.  

TV total hat Einzug gehalten in die eingestaubten TV–Debatten zur Bundestagswahl

Keine Frage: Punkten konnte der Metzgersohn mit seiner unbekümmerten und verschmitzten Art und Weise: TV total hat Einzug gehalten in die eingestaubten TV–Debatten zur Bundestagswahl. Raab wird gefeiert dafür: "Keiner schlägt den Raab", adelt Bild.de den Auftritt des Kanzlerduell-Novizen.

Und doch ist es vor allem ein Punktsieg in Ermangelung von Alternativen: "Kollegen, im Ernst: Der ‪Raab-Hype zeigt doch leider vor allem, wie übel der Rest heute Abend gearbeitet hat", merkt der frühere stellvertretende Chefredakteur von stern.de, Ralf Klassen, an.

Raab fiel deshalb so anders auf, weil es Illner, Will und vor allem der indisponierte Peter Klöppel verpassten, eigene Impulse zu setzen. Raab punktete mit dem, was er kann: der ewige Hofnarr zu sein, nur diesmal in dressierter Form. Ob es zu mehr gereicht hätte, werden wir vielleicht erst in vier Jahren erfahren – es gibt nur dieses eine TV-Duell.

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