„Jahre des Umbruchs“: rote Zahlen bei taz

Taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch hat schon seit einiger Zeit keinen Hehl daraus gemacht, dass er die tägliche gedruckte Zeitung für ein Auslaufmodell hält. Die taz war durch eine vergleichsweise treue Leserschaft und die Tatsache, dass Anzeigen ohnehin nur wenig zum Umsatz beitragen, bisher halbwegs krisenresistent gewesen. Im vergangenen und möglicherweise auch in diesem Jahr rutscht die linke Zeitung nun aber in die roten Zahlen. "Die Zeitungskrise hat nun also die taz erreicht", bilanziert der Aufsichtsrat.

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Am Wochenende hatte das Hamburger Abendblatt auf die Bilanz der taz-Gruppe für 2012 verwiesen. Alle taz-Gesellschaften erzielten im vergangenen Jahr ein Minus von 616.766 Euro. In den Vorjahren war das Ergebnis mit 287.523 Euro (2011) und 385.101 Euro (2010) noch positiv. Der Umsatz war mit 25,9 Millionen Euro stabil. Warum rutschte der genossenschaftlich organisierte Zeitungsverlag in die roten Zahlen? Die Anzeigenerlöse sind nur unwesentlich gesunken, machten mit 2,5 Millionen Euro ohnehin nur ein Zehntel des Gesamtumsatzes aus.
Was die Genossen schwerer trifft: Die Vertriebserlöse sinken. Also die Erlösquelle, an der bei der taz nicht alles, aber das Meiste hängt. So sanken die Abo-Einnahmen um 243.449 Euro gegenüber Vorjahr, die Erlöse aus dem Einzelverkauf um 183.382 Euro. Dem gegenüber stiegen die Einnahmen aus dem Verkauf von Digitalabos um 135.495 Euro auf 482.476 Euro. Der Personalaufwand stieg um 432.869 Euro, auch einige betriebliche Aufwendungen fielen höher als in den Vorjahren aus.
Damit das Modell taz aber funktioniert, dürften die regulären Print-Abos nicht so stark sinken. Während neue Leser mit einem Wochenend-Abo gewonnen werden können, sinkt die Zahl der Bezieher eines täglich in den Briefkasten gelieferten Abos. Der Aufbau digitaler Erlösquellen steckt wie überall noch ziemlich in den Kinderschuhen, kostet aber Geld, beispielsweise für einen Relaunch. Ergo: Die Umsatzerlöse sinken, während die Kosten steigen.
Bereits Ende 2012 habe der Aufsichtsrat entschieden, eine Million Euro aus dem Vermögen der Verlagsgenossenschaft an den taz Verlag zu überweisen – "um dieser Gesellschaft das Überleben in der Zeitungskrise zu sichern". Andernfalls, so der Aufsichtsrat, wäre der Verlag "zum Jahresende buchmäßig überschuldet" gewesen. Auch darum findet sich in der Bilanz der Genossenschaft ein Jahresfehlbetrag von gut einer Million Euro.
Zum 31.12.2012 lag das Vermögen der Genossenschaft bei 8,9 Millionen Euro. Die Zahl der Genossen steigt, sie lag Ende des Jahres bei 12.373. Es ist also nicht so, dass es dem Verlag nicht gelänge, Unterstützer für die Zeitung und ihre Projekte zu gewinnen. Im Gegenteil. Aber: Eine jährliche Finanzspritze durch die Genossenschaft an den Verlag ist laut den Aufsichtsräten Hermann-Josef Tenhagen, Atrid Prange de Oliveira und Johannes Rauschenberger nicht drin: "Die Mittel der taz Genossenschaft wären schnell aufgebraucht."    
Die Aufsichtsräte rufen die Genossenschaftler iin ihrem Kommentar zur Ergebnislage auf: "Wir müssen unser Blatt auch finanziell selbst verteidigen!" Was heißt das nach ihrer Einschätzung? Was heißt das auch nach Einschätzung von Geschäftsführer Kalle Ruch? Erstens: Die tägliche gedruckte Ausgabe soll nicht vernachlässigt werden, aber vergleichsweise viel Kraft will die taz in ihre Wochenendausgabe stecken. Derzeit verkauft der Verlag 11.000 Wochenendabos, bis Jahresende sollen es 13.000 sein. Der Gedanke ist klar: Im Idealfall reduzieren nicht Bezieher der täglichen Ausgabe ihr Abo auf die Wochenendausgabe, sondern neue Abonnenten kommen hinzu, die die tägliche Ausgabe nicht kaufen würden.
Zweitens: Mehr Aufwand soll auch in die digitale Ausgabe der gedruckten Zeitung fließen. Die reinen E-Paper-Abos zum Preis von 11,90 Euro im Monat lagen zur Jahresmitte bei 4.336. Ein "Kombiabo" für 1 Euro pro Woche für Bezieher der gedruckten taz stieß zunächst nicht auf allzu große Resonanz, zuletzt stieg die Kurve relativ deutlich auf 9.304 zur Jahresmitte. Auch die taz greift zu Marketingtricks, wie viele andere Verlage – bei Abschluss eines Abos gibt es ein Tablet zu vergünstigten Bedingungen.
Drittens: Das freiwillige Bezahlmodell "taz-zahl-ich" im Internet habe "überraschend zu einer Einnahmequelle geführt", resümieren die Aufsichtsräte. Zwei weitere Quellen des Internet-Geschäftsmodells: Werbung und sonstige Erlöse der Website, beispielsweise über den taz-Shop, auf dem neben Kaffee allerlei Küchenutensilien feilgeboten werden.
Geschäftsführer Ruch sieht "neue Wege der Finanzierung" beispielsweise bei: weiteren Publikationen (siehe bisher Le Monde diplomatique, Umweltmagazin ZEO2), Kongressen und Veranstaltungen, taz-Shop, taz Akademie für Journalisten. Ruch schreckt nicht vor dem mittlerweile inflationär verwendeten Ausspruch zurück, die taz müsse sich "wieder neu erfinden". Ähnlich argumentiert auch Chefredakteurin Ines Pohl, die beispielsweise "neue Informationsangebote entwickeln" will.
Der Spruch des "Neu-Erfindens" ist etwas abgegriffen, die Botschaft ist unterdessen klar: Die Tageszeitungen, schreibt Ruch an die Genossen, sei dramatisch: "Die Situation der Tageszeitungen wird sich weiter verschlechtern und in einzelnen Fällen zuspitzen." Auch die taz stünde vor "Jahren des Umbruchs". Mit dem Dilemma, dass die taz ihre Mitarbeiter weiter nicht "marktüblich" bezahlen könne, müsse man weiter "bedingt" leben. Geringere Bezahlung gegen größere Gestaltungsmöglichkeiten – das ist eine der Antworten, die der Verlag – eigentlich seit Gründung – anbieten kann.
Ruch schreckt vor unpopulären Ansagen nicht zurück, die die Stamm-Leserklientel wenig freuen dürften: "Die Gewerkschaften mögen Tarifflucht und Rotstift beklagen, angesichts fallender Erlöse und unsicherer wirtschaftlicher Perspektiven der digitalen Publizistik bleiben sie notwendige Handlungsmaximen." Auch Aufsichtsrat Tenhagen schreibt in einer Botschaft an die Genossen von einer "Zeitenwende".
Am 14. September wird Geschäftsführer Ruch den Geschäftsbericht anlässlich der Generalversammlung der taz vorstellen.          

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