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Franziska Augsteins Online-Generalkritik

Franziska Augstein lehnt nicht nur den Wechsel von Bild-Mann Nikolaus Blome zum Spiegel ab - "eine Katastrophe" - sie hat auch starke Meinungen über die Qualität des Online-Journalismus in Deutschland. Im Gespräch mit dem DeutschlandRadio offenbarte sie einen Blick auf die Newsbranche, der den Online-Kollegen vor allem beim Spiegel bitter aufstoßen dürfte. Wer Nachrichten wie ein "Dampfkocherhitzer" raushaue, der könne niemals nachdenken, sagt sie. Es brauche mehr "Verzögerung".

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Anlass für die Äußerungen der Redakteurin der Süddeutschen Zeitung war die Ernennung von Nikolaus Blome zum Mitglied der Chefredaktion des Spiegel. Laut Augstein hätte man eigentlich jemanden gesucht, “der ein bisschen besser das Online-Arbeiten und den gedruckten Spiegel miteinander verzahnen kann”. In der öffentlichen Diskussion neige man dazu, zu vergessen, dass nach wie vor die gedruckten Zeitungen, die gedruckten Magazine das Geld einbrächten.

Auf die Frage, ob sie noch an die Qualität im Journalismus glaube, antwortete Franziska Augstein in dem Gespräch zunächst mit "Ja". Auf Nachfrage des Moderators, wie es denn mit der Qualität des Online-Journalismus im Speziellen aussähe, relativierte die 48-Jährige: “Die Kollegen haben ein Problem, unter dem die Kollegen von Print nicht stehen. Ein Online-Journalist arbeitet im Minutentakt. Das sollte man auch ein bisschen, finde ich, ein bisschen einsehen. Jemand, der Nachrichten raushauen muss wie ein Dampfkocherhitzer Wasser zum Kochen bringt, der hat einfach keine Möglichkeit jemals nachzudenken. Der hat auch keine Möglichkeit, irgendwie mal ein bisschen zu recherchieren.” Diese Entwicklung müsse zurückgefahren werden.

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Wer weiß, wie bei Spiegel Online und anderen Newsportalen gearbeitet wird, der muss sich angesichts solcher Äußerungen wundern. Zwar bedient sich das Nachrichtenportal bei bestimmten Lagen eines Nachrichtentickers, der minütlich aktualisiert wird. Darüber hinaus kommt aber keine Meldung ohne eingehende Prüfung durch mehrere Personen auf die Seite. Zudem bringt Spiegel Online neben Nachrichtstücken auch Analysen, Reportagen und Meinungsstücke, für die sich die Redakteure auch entsprechend Zeit nehmen.
Augstein Im O-Ton: “Ich denke auch, dass das digitale Publikum einverstanden ist, wenn sie nicht irgendwie – ich weiß jetzt nicht, in welchen Abständen -, also nicht alle halbe Stunde ein Update bekommen, sondern ein bisschen abgehangen, vielleicht alle Stunde. Verstehen Sie, es ist jetzt nur ein Beispiel, die Zahlen kenne ich nicht.”
Eine Fusion von Online und Print beim Spiegel hält die 48-Jährige momentan für unwahrscheinlich. “Aber à la longue, wenn man ein bisschen das Moment der Verzögerung reintut. Wenn dann online die Leute in derselben Art und Weise erfahren sind wie die meisten im gedruckten Journalismus, dann selbstverständlich.”

Unklar bleibt, was Augstein mit "Erfahrung" meint. Viele SpOn-Redakteure gelten als Experten auf ihrem Gebiet, kommen von anderen Qualitätsmedien. Die Äußerungen von Augstein machen auf eine fast schon selbstentlarvende Art deutlich, wie groß die Gräben zwischen Print- und Online-Journalisten in Deutschland noch sind.

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