„Aktueller Anfall digitaler Hysterie“

Die Berichterstattung über die Spähmethoden der NSA beherrscht seit Wochen die Medien. Allerdings lassen viele Artikel und Titelgeschichten zu dem Thema einfachste journalistische Standards vermissen. Das meint zumindest der ehemalige Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer. In einem Gastbeitrag für MEEDIA schreibt der Publizist: „Zu einem guten Journalismus gehört aber auch die Fähigkeit, Fakten und Vermutungen voneinander zu trennen. Und das geschieht in vielen Artikeln über die Affäre leider immer seltener“.

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Echte News sind nur die Sachen, so sagen meine alten Freunde beim Wall Street Journal gern, die irgendjemand nicht in der Zeitung lesen möchte. Insofern haben die Redakteure des Guardian und auch einige (wenige) deutsche Journalisten in Sachen NSA einen guten Job gemacht: Sie haben ein wichtiges Thema in die Medien gebracht, dass Regierungen lieber unterdrücken möchten. Well done! Zu einem guten Journalismus gehört aber auch die Fähigkeit, Fakten und Vermutungen voneinander zu trennen.  Und das geschieht in vielen Artikeln über die Affäre leider immer seltener.
In den Medien ist so etwas wie eine digitale Hysterie ausgebrochen (bei einigen auch noch vermischt mit antiamerikanischem Verfolgungswahn). Geschürt wird sie ironischer Weise ausgerechnet von Bloggern und Meinungsmachern, die uns vor kurzem noch die totale Vernetzung in allen Lebenslagen als Ultima Ratio für jedes Problem gepredigt haben. Nun wundern sie sich, dass die Geheimdienste auch ein Facebook-Password  besitzen – und schimpfen unermüdlich auf den "Überwachungsstaat". Sie greifen damit zu einer mehr als zweifelhaften Vokabel, die alle prinzipiellen Unterschiede zwischen Demokratie und Diktatur verwischt.
Man wünschte sich in einer Zeitung eine detaillierte Übersicht statt ständig neuer Verbalinjurien: Was ist in Sachen NSA wirklich gesicherte Erkenntnis? Was gilt es weiter zu recherchieren? Und was ist bisher nicht mehr als ein "wild guess". Um nur ein Beispiel zu nennen, mit dem ich mich früher schon einmal beschäftigt habe: die angebliche US-Wirtschaftsspionage zu Lasten deutscher und zu Gunsten amerikanischer Unternehmen. Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen betont im Handelsblatt, dafür gebe es keinerlei Belege. Und weder der Guardian noch der Spiegel (noch alle nachtaktiven Blogger zusammen) haben bisher das Gegenteil bewiesen.
Viele Journalisten greifen für ihre NSA-Artikel ins Archiv und fördern einen angeblichen Präzedenzfall zutage: Vor zwölf Jahren erhitzten sich schon einmal die einschlägigen deutschen Gemüter über "Echelon". Damals setzten ein paar bayerische SPD-Abgeordnete das Gerücht in die Welt, die Amerikaner hätten mit einer Abhöranlage im malerischen Aibling systematisch deutsche Konzerne abgehört. Nun werden die besorgten Bajuwaren wieder als Kronzeuge gegen die perfiden Amerikaner zitiert – dabei ließen sich ihre Vorwürfe niemals endgültig beweisen. Die ganze Verschwörungstheorie brach damals sang-, klang- und folgenlos in sich zusammen.
Etwas mehr Differenzierung täte den deutschen Medien auch heute gut: Was dient bei der NSA wirklich der Terrorabwehr, für die es seit 9/11 nun wirklich gute Gründe gibt? Und was eben nicht. Speichern die US-Geheimdienste wirklich breitflächig Daten zur Überwachung der Bürger – oder scannen sie Mails und Telefondaten einzig und allein nach Hinweisen auf Verbrechen? Denn ja: Sicherheit ist wirklich ein Grundrecht, auch wenn sich viele über den guten Friedrich lustig machen (schon weil er in der CSU und zugegeben ziemlich tapsig ist).
Und ein Letztes: Die ganze Sache ist zu wichtig, um sie als journalistisches Heldenepos zu inszenieren. Mittlerweile schleicht sich der Eindruck ein, die deutschen Medien berichteten mehr über den Guardian als über die Sache selbst. Solidarität ja, aber bitte kein blinder Herdentrieb. Viele Journalisten bei uns schreiben nur noch ab, was aus London oder New York kommt, statt sich selbst an die (zugegeben: schwierige) Aufklärungsarbeit zu machen. Es wird viel lamentiert, aber wenig weiter recherchiert. Das finde ich schade.

Bernd Ziesemer ist Publizist war lange Jahre Chefredakteur des Handelsblatt.

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