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Spiegel: Die Paradoxie der Mitarbeiter KG

Um viertel nach drei Uhr am Mittwoch nachmittag hat die Leitung der Mitarbeiter KG zu einer Info-Veranstaltung gebeten. Tagesordnung: Wie verhalten sich die stillen Gesellschafter zu der Berufung von Nikolaus Blome, jetzt "nur" noch als Mitglied der Chefredaktion? Wie verhalten sie sich zu Wolfgang Büchner und Ove Saffe? Wann hat die KG-Spitze von der Personalie erfahren – und: ist das überhaupt noch wichtig? Ein Blick in die Historie zeigt: Die KG wurde paradoxerweise geschaffen, um Mitbestimmung zu verhindern.

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Ausgelöst wurde Augsteins Entscheidung, den Mitarbeitern das großzügige Geschenk zu machen, durch die Gründung eines Redaktionsrates von sieben Redakteuren, darunter Hermann Gremliza. Sie legten Augstein 1969 ein Statut vor, das weitreichende personelle Mitbestimmung vorsah, selbst Mitsprache bei der Besetzung von Reportern und Kolumnisten, von stellvertretenden Chefredakteuren gar nicht erst zu sprechen. Augstein lehnte das Status rundheraus ab, schrieb 2007 Peter Merseburger in einer sehr detaillierten und sachlichen Biografie Augsteins.
Merseburger zeigt zwei Beweggründe für Augsteins Entscheidung auf: "Für Augstein geht es nicht nur darum, ein Mitbestimmungsmodell abzuwehren, das notwendige personelle und redaktionelle Entscheidungen hemmen und so zum Ruin des Blattes führen könnte. Er will die Wünsche und Vorstellungen der Redakteure, wie er in seiner Rede vor der Betriebsversammlung sagt, ‚in eine Richtung lenken, die das Unternehmen nicht aufs Spiel setzt, sondern stärkt‘." Die Mitarbeiter sollten Mitverantwortung tragen und damit entsprechend handeln.
"Solange ich Herausgeber des Spiegel und Geschäftsführer für die Redaktion bin, kann ich ein Veto gegen Personalentscheidungen nicht akzeptieren", zitieren Hans-Jürgen Jakobs und Uwe Müller in ihrem 1990 erschienen Buch "Augstein, Springer und Co." aus einem Brief Rudolf Augsteins an den "Arbeitskreis Redaktionsstatut" aus dem Jahr 1970. Eine "Nebenregierung" wolle er keinesfalls dulden. Das Statut konnte Augstein vom Tisch wischen, Ende 1974 informierte er dann im Blatt über die Schenkung an die Mitarbeiter. Jakobs und Müller: "Statt eines belanglosen Vetostatuts war eine viel weitreichendere Gesellschafterlösung verwirklich worden."
Sie zitieren in ihrem Buch den ehemaligen Chefredakteur Werner Funk, der sich 1989 in einem Interview zur Paradoxie der Entstehungsgeschichte der KG geäußert hatte: "Augstein hat nie realisiert, dass er mit der Weggabe der Hälfte des Unternehmens auch die Mitbestimmung gewährt hat." Zur Erinnerung: Ohne die KG kann kein Geschäftsführer oder Chefredakteur ernannt werden, es dürfen keine großen Investitionen ohne eine Zustimmung erfolgen. Nach dem Tode Augsteins 2002 erhielt Gruner+Jahr als Mitgesellschafter eine Sperrminorität – KG und G+J müssen sich also einig sein.
Die KG verteilt auch die jährlichen Ausschüttungen an ihre mittlerweile über 700 Mitglieder. Schon 1989, als Jakobs und Müller ihr Buch schrieben, lag die Ausschüttung bei ca. 30.000 Mark pro Kopf. Mitglied der KG wird, wer drei Jahre im Unternehmen ist. Außen vor bleiben bis heute allerdings Mitarbeiter von Spiegel Online und Co. sowie von Spiegel TV. Über die Jahre hat die KG zunehmend Macht ausgebaut – von einem "Ja-Sager" (Jakobs/Müller) wurde sie zu einer Instanz, die ihre Macht auch ausübt. Dies war in dem Vakuum, das nach dem Tode Augsteins entstand, eine fast logische Folge.
Wenn nun über eine geplante "Entmachtung" der KG die Rede ist, gilt wohl immer noch der Satz Peter Bölkes, der der KG in den 80ern vorstand: "Über unsere eigene Abschaffung lassen wir mit uns nicht reden." Sehr wohl aber muss die KG dringend über eine Reform ihrer Entscheidungsstrukturen reden, auch über eine Einbeziehung der Mitarbeiter der anderen Spiegel-Töchter. Und es wird die Frage zu klären sein, wie die Bezeichnung "stille Gesellschafter" in Zeiten, in denen der Spiegel vor großen Veränderungen steht, in der Praxis zu interpretieren ist.    

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