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Leben und Sterben in Zeiten von Social Media

Wie geht man mit dem nahenden Tod um? Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, dem mit "Tschick" einer der größten Bestseller der vergangenen Jahre gelang, hat mit seinem bösartigen Hintumor den offensiven Weg gewählt und im Blog "Arbeit und Struktur" seine fortschreitende Krankheitsgeschichte schmerzhaft eindringlich dokumentiert. Am Montag nahm sich Herrndorf das Leben. Die befreundete Autorin Kathrin Passig verkündete den Selbstmord via Twitter, Sascha Lobo postete auf Instagram ein Erinnerungsfoto aus Fuerteventura.

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Wolfgang Herrndorf ist tot. Der Berliner Autor, dem mit "Tschick" einer der größten Bestseller der deutschsprachigen Literatur der vergangenen Jahre gelang, nahm sich am Montagabend das Leben. Das ist die traurige Nachricht, die, mit den nötigsten Informationen versehen, in Todesfällen von Prominenten in den Medien zirkuliert. Es folgen dann Aufzählungen von Verdiensten, Preisen, manchmal auch dem Krankheitsverlauf, wenn einer vorausging.

Im Falle eines Freitods eines Prominenten geraten viele Medien immer wieder in eine skurrile Schräglage. Die Pietät verbietet die nähere Schilderung der Umstände, der journalistische, vor allem aber boulevardeske Impuls bringt sie dann doch oft scheibchenweise hervor. Im Zeitalter von Social Media kommt dann in den diversen Kanälen noch der RIP-Reflex als moderne Trauerarbeit in drei Buchstaben hinzu. 
 
Herrndorf verarbeitete sein schweres Krebsschicksal im Blog "Arbeit und Struktur"

Wie ungemein souverän und zugleich enorm transparent man mit dem Unvermeidlichen umgehen kann, hat Wolfgang Herrndorf in den vergangenen drei Jahren vorgelebt. Er wurde im Februar 2010 mit einem bösartigen Hintumor, ein Glioblastom, diagnostiziert – just zu dem Zeitpunkt, als "Tschick" zum Bestseller abhob.  

Herrndorf verarbeitete sein schweres Schicksal proaktiv in seinem Blog "Arbeit und Struktur", in dem Einträge zu lesen sind, die noch tiefer einschneiden als viele Passagen aus seinen beiden schnörkellos geschriebenen Bestellern "Tschick" und "Sand". "Kann mich mit C. kaum sinnvoll unterhalten. Sie versucht meine Sätze zu erraten und zu ergänzen. Ich bin traurig", berichtet Herrndorf am 30. Juni dieses Jahres.  "Ich bin nicht der Mann, der ich einmal war. Meine Freunde reden mit einem Zombie, es kränkt mich, ich bin traurig, ich will weg. Ich will niemanden mehr sehen", ist nur drei Tage später zu lesen.

"Jeden Abend der gleiche Kampf. Laß mich gehen, nein, laß mich gehen, nein. Laß mich"

Mitte Juli die Gewissheit: "Befund schlecht wie erwartet. Avastin ohne Wirkung, Glioblastom beiderseits progressiv. Ende der Chemo. OP sinnlos. Ich weiß, was das bedeutet. Wie lange habe ich noch, zwei oder drei Wochen? Noch weniger, ein paar Tage? Nein. So wenig erwarte ich nicht, sagt Dr. Vier, eher mehr. Mehr. Zwei, drei Monate. Kann auch sein, vier. Kann sein, fünf. Mit Glück auch sechs."

Es bleibt ein guter Monat.  "Jeden Abend der gleiche Kampf. Laß mich gehen, nein, laß mich gehen, nein. Laß mich", schreibt Herrndorf Anfang August. Es geht nicht mehr um Illusionen und erst recht nicht um Mitleid – es geht um die letzten Dinge. "Schluss", lautet der letzte Eintrag, der am Ende die reine Nachricht überbringt:  "Wolfgang Herrndorf hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen."

Todesnachricht via Twitter kommuniziert

Die befreundete Autorin Kathrin Passig ("Wir nennen es Arbeit") hatte den Tod Herrndorfs zuvor via Twitter kommuniziert: "Wolfgang Herrndorf starb nicht am Krebs. Er hat sich gestern in den späten Abendstunden am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen." Sascha Lobo, der mit Herrndorf am Blogkonglomerat "Riesenmaschine" zusammengearbeitet hatte, postet auf Instagram ein Bild von Herrndorf und schrieb dazu: "Wolfgang Herrndorf 2010 auf Fuerteventura, wo wir hinfuhren, um unsere Bücher fertig zu schreiben."

So funktioniert Abschiednehmen im Zeitalter von Social Media. Man kann in der Trauer nichts falsch machen, jeder Umgang hat seine eigene Berechtigung. Aber selten wurden die Leerstellen im Vorwege und danach einfühlsamer gefüllt als bei und von Wolfgang Herrndorf. 

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