Spiegel: Aufruhr im „Hühnerstall“

Die 100 nötigen Unterschriften waren schnell zusammen: In den kommenden Wochen wird es eine außerordentliche Versammlung der stillen Gesellschafter des Spiegel geben. Dazu zählen die Print-Redakteure, die Verlagsmitarbeiter und die Dokumentare. Auslöser war die Ernennung von Bild-Mann Nikolaus Blome zum stellvertretenden Chefredakteur. Während Jakob Augstein als Sprecher der Erben die Personalie gegenüber MEEDIA befürwortete, bezeichnete seine Schwester Franziska Bild-Blome als "Fuchs im Hühnerstall".

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In der taz hatte Franziska, Tochter des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein, die Ernennung als "verfehlte Personalpolitik" bezeichnet. Zitat: "Einen Mann von der Bild-Zeitung, die die NSA-Affäre heruntergespielt hat, zum stellvertretenden Chefredakteur des Spiegel zu machen…halte ich für indiskutabel." Wohlgemerkt: Gegen eine Ernennung Blomes zum Hauptstadtbürochef wäre laut dieser Lesart vielleicht einiges einzuwenden gewesen. Der Zorn vieler Mitarbeiter entzündet sich aber vor allem an der Chefredaktions-Position Blomes.
War die Personalie zustimmungspflichtig? Dies ist nicht eindeutig zu beantworten. Da es bisher keinen Streit um die Besetzung der Stellvertreterposten gab, ist auch nicht geklärt, ob die Mitarbeiter KG die Macht hätte, die Personalie zu verhindern. Im Gesellschaftervertrag ist dieser Punkt offenbar auch nicht eindeutig festgelegt.
Auf Anfragen an die Mitarbeiter KG, sich zu der Haltung gegenüber der Personalie Blome zu erklären, gab es bisher keine Antworten. Der Spiegel müsse seine Probleme intern klären, heißt es von anderer Seite. Das Dilemma ist nur: Das "interne" Problem ist durch die Aufruhr im Augstein’schen Hühnerstall längst nach außen gelangt. Von interessierter Seite wird massiv Stimmung gegen den designierten Chefredakteur Wolfgang Büchner gemacht. Auch der äußert sich nicht. Ein Fehler war es gewiss, die Personalie nicht nach dem 1. September zu verkünden – dann wäre Büchner nämlich offiziell Chef. Der Ärger wäre vermutlich der gleiche, aber die Symbolik wäre eine andere gewesen.
Es geht in diesem Fall ganz offensichtlich nicht allein um Nikolaus Blome. Seine Ernennung ist nur ein Auslöser für tiefergehende, fundamentale Probleme. Die Mitarbeiter KG, die 50,5 Prozent der Anteile am Nachrichtenmagazin hält, ist Segen und Fluch zugleich. Im Augenblick wäre man eher geneigt, von einem Fluch zu sprechen. Es ist legitim, die Berufung eines Bild-Journalisten zum Vize-Chefredakteur zu kritisieren. Der Protest, der sich nun Bahn bricht, könnte potenziell aber nicht nur Blome verhindern, sondern das System Spiegel in seine schwerste Krise führen. An der Ericusspitze gibt es zu viele ungelöste Konflikte. Wenn die nicht geklärt werden, wird sich das Haus im schlimmsten Fall selber lahmlegen. 

Die offizielle außerordentliche Versammlung der über 700 "stillen Gesellschafter" wird in spätestens drei Wochen sein. In der kommenden Woche hat die Mitarbeiter KG zu einer "Info-Veranstaltung" eingeladen.

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