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Das ZDF als „dysfunktionaler Dinosaurier“

ZDFlogin ist eine kleine, feine Sendung, die sich das Zweite Deutsche Fernsehen im Digitalkanal ZDFinfo leistet. “Die User” haben hier das Wort, zwei aufmerksame Jung-Moderatoren sind am Start, alles ist schrecklich “interaktiv”. Am gestrigen Mittwoch war ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler zu Gast und diskutierte mit den Fernseh-Kritikern Georg Diez, Oliver Kalkofe und Nils Bokelberg übers ZDF-Programm. Ein Hohefest für Freunde der gepflegten Meta-Ebene.

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Die “ZDFlogin”-Sendung übers ZDF war aus mehreren Gründen interessant. Zum Ersten: Was lernen wir dort über das ZDF-Programm, was wir noch nicht wussten? Zum Zweiten: Wie schlägt sich ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler? Zum Dritten: Wie funktioniert eine interaktive Hipster-Sendung mit Twitter-, Facebook- und Blog-Gebimmel?

Zum Ersten: Wirklich Neues über das ZDF-Programm gab es nicht zu erfahren. Schade! Himmler wärmte seine Ankündigung auf, eine Art deutsches “Breaking Bad” produzieren zu wollen, das 2014 sendungsreif sein soll. An “Wetten dass..?” hält er natürlich fest, die berüchtigte Mallorca-Sendung fand aber auch er doof (“War unter der Gürtellinie”, “Haben wir eine Grenze überschritten”). The Next Big Showtrend hat das ZDF – wie alle anderen – auch noch nicht gefunden. Ach ja: Und man sei beim ZDF in “jeder Hinsicht unabhängig, auch politisch”. In diesem Zusammenhang fehlte leider ein schöner Gruß an den damals auf CDU-Geheiß entfernten ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender.

Bemerkenswert allerdings, dass Himmler einem Jugendkanal eine recht deutliche Absage erteilte. Die ARD hätte ja wahnsinnig gerne, zusammen mit dem ZDF einen gemeinsamen Jugendsender aufgezogen. Wahrscheinlich weil sie bei der ARD wittern, dass sie das mit ihren irrsinnigen Monster-Apparat alleine niemals auf die Reihe kriegen werden. Da sagte der Norbert Himmler aber nur ganz cool, dass er einen linearen Jugendkanal nicht für sinnvoll hält. Wenn das ZDF spezielle Angebote an die Jugend richte, dann wohl eher in Form von digitalen Channels à la Mediathek. Und sowieso sei die ZDF Mediathek die tollste und erfolgreichste. Auch beim jungen Publikum. Eat this, ARD!

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Zum Zweiten: Gut hat er sich geschlagen, der Norbert Himmler. Blass und blasiert blieb vor allem sein Gegenpart, der Spiegel-Kritiker Georg Diez, der Himmler gleich zu Beginn eine Steilvorlage lieferte, indem er ausgerechnet das “Supertalent” von RTL lobte, weil dort auch mal Migrantenkinder zu sehen seien … Diesen nicht ganz so klugen Anwurf konnte der rhetorisch beschlagene Himmler sofort parieren. Besser als Diez war Oliver Kalkofe, der sich dem ZDF-Programmdirektor gegenüber mit seiner sonstigen Fäkal-Kritik (“Scheiß-Programm”) erfreulicherweise zurücknahm – man weiß ja nie, ob er nicht vielleicht dem ZDF doch mal ein Format unterjubeln kann. Aber Kalkofe ist einer, der ehrlich um die Qualität des Fernsehens besorgt scheint und auch reihenweise gute Argumente vortrug. ARD und ZDF bezeichnete er als “dysfunktionale Dinosaurier”. Er geißelte, dass gute Programme in Spartensender und ins Nachtprogramm abgeschoben würden und das Haupt-Programm praktisch nur aus seichtem, einlullenden Schunkelfernsehen bestehe. Auch gegen Kalkofe schlug sich der ZDF-Mann wacker. Egal ob “heute show”, oder “Unsere Väter, unsere Mütter” – fast immer hatte er ein positives Gegenbeispiel für die Kritiker parat und gestand zugleich ein: Ja, wir müssen besser werden.

Zum Dritten: Das generelle Problem von so genannten interaktiven Sendungen ist die Grund-Hektik. Da sind diverse Leute im Studio, die alle was sagen müssen. Dann sind da die Facebook-Leute, die Twitter-Leute, die Blog-Leute und alle müssen zu Wort kommen, eingeblendet werden mit ihren Meinungen, ihren Fragen, ihren Text-Schnipseln. So ein Ding zu moderieren wäre für gelernte Offliner ein Alptraum. Wolf-Christian Ulrich und Sandra Rieß machen das souverän und sympathisch. Im Social-Media-Gebimmel haben sie zumindest augenscheinlich stets den Überblick und die Sendung im Griff. Keine kleine Leistung. Jetzt kommt das “Aber”: Eine Fokussierung auf weniger Gäste – idealerweise zwei – wäre trotzdem besser für eine monothematische Diskussion. Hätten wir Norbert Himmler und Oliver Kalkofe gehabt, die eine Stunde lang übers Fernsehen diskutiert hätten – der Erkenntnisgewinn hätte ungleich höher ausfallen können.

Bei der noch neuen Stilform der interaktiven Sendung ist das Medium noch zu sehr die Message. Guckt mal her, ihr könnt uns antwittern. Guckt mal, da hat ein User was gesagt. Guckt mal, ihr könnt auch abstimmen und am Ende rattern Prozentzahlen über den Schirm, was zwar total überhaupt gar keine Aussage hat aber, hey, es geht! Dieses Zurschaustellen, dass man die irren neuen Kommunikationsmittel aus dem Effeff beherrscht, überlagert zeitweise den Inhalt des Gesagten. “ZDFlogin” ist aber ohne Zweifel eines der spannenderen jungen TV-Formate und trotz oder vielleicht auch wegen der Hektik ganz und gar unlangweilig. Und das kann man nun nicht über jede ZDF-Sendung sagen. Womöglich würde dem sogar Norbert Himmler zustimmen.
Die "ZDFlogin"-Sendung "Fehlt dem ZDF der Mut" in der super-erfolgreichen ZDF-Mediathek

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