„Bei uns kann der Gast machen, was ich will“

"Ich will mit allem einen unterhaltsamen Abend verbringen", sagt Benjamin von Stuckrad-Barre über die Gäste seiner politischen Talkshow. Die geht am Donnerstag abend um 23.15 wieder auf Tele5 auf Sendung. Erster Gast: Karl Lauterbach. Im MEEDIA-Interview spricht Stuckrad über Markus Lanz, die Humorlosigkeit der Grünen und den Unsinn des "Kanzler-Duells". Im nächsten Jahr, kündigt er an, werde es eine neue Show bei einem anderen Sender geben.

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Vor dem Fernsehen würde ich gerne kurz über das gedruckte Medium sprechen.
Auch gern ganz lang.

Springer hat eine Reihe von Zeitungen und Zeitschriften verkauft. Sie schreiben für die Welt, haben auch Werbung für das Blatt gemacht. Was halten sie von der Entscheidung?
Ich habe die Argumentation verstanden. Aber das klingt vielleicht komisch, weil ich für den Verlag arbeite. Was auffällt: Es gibt einen Drang bei manchen Journalisten, andauernd das Ende ihres Berufsstandes auszurufen. In der Regel sind das nicht die besten Journalisten, die das machen. Ich frage mich, was dieser Untergangsfanatismus soll. Die Lesegewohnheiten haben sich geändert, und dass darauf unternehmerisch reagiert werden muss, ist doch logisch, so bitter das auch ist, ich zum Beispiel lese immer noch leidenschaftlich gern Zeitungen auf Papier. Aber Print-Auflagen gehen durchweg brutal zurück, seit vielen Jahren, das ist einfach so. Kein Wunder, wenn die Menschen jahrelang daran gewöhnt wurden, alles schneller und gratis im Internet lesen zu können. Das war ein historischer Fehler sämtlicher Zeitungshäuser, da einfach alles herzuschenken und sich an irgendwelchen Klickzahlen zu berauschen. Und diesen Fehler kann man jetzt beweinen – oder korrigieren. Es wird immer das Bedürfnis nach vertrauensvollen Anlaufstationen geben. Wenn Verlage irgendwann so was ähnliches wie iTunes werden, wo es einfach in digitaler Form alles, also Texte, Fotos, Bücher, aber auch Sendungen, Filme und Musik gibt – ist das doch gut. Das ist doch sehr reizvoll, multimedial arbeiten zu können, mir kommt das sehr entgegen. Aber wie gesagt – ich bin natürlich nicht objektiv. Ich finde nur immer wieder erstaunlich, wie reflexhaft der Springer-Verlag verurteilt wird. Dass dieser Verlag jetzt vorangeht mit dem Versuch, Menschen wieder daran zu gewöhnen, dass man für Texte, Geschichten, deren Produktion ja Geld kostet, auch im Internet etwas bezahlen muss, dafür sollten andere Verlage doch eigentlich dankbar sein und das auch schleunigst versuchen, denn anders wird Journalismus in Zukunft nicht mehr finanzierbar sein.

Sprechen wir über Politik, beziehungsweise Politik in den Medien. Ich habe auf dem Weg hierhin viele Wahlplakate gesehen…
Man kennt die meisten Leute gar nicht, oder?

…aber vom Wahlkampf bekommt man fast gar nichts mit.
Ich finde auch, das sind ganz schön lange Sommerferien. Es geht wirklich spät los. Oder gar nicht mehr. Vielleicht war es das schon. Das ist Angela Merkels Spezialität. Kampf zu verhindern, auszuweichen.

Merkel verhindert den Wahlkampf?
Nee, die macht ja permanent Wahlkampf – aber eben nicht im Sinne einer Auseinandersetzung, sondern durch Einschläferung. Sie entzieht sich sehr geschickt der Konfrontation. Zum Beispiel spricht sie den Namen von Peer Steinbrück nie aus. Ein irre simpler Trick.

Könnten Sie aus ihr was rauskriegen, wenn sie in Ihre Sendung käme?
Ich glaube nicht.

Warum nicht?
Vielleicht würde ich 45 Minuten lang versuchen, dass sie einmal wenigstens „Peer Steinbrück“ sagt – lauter Fragen stellen, auf die das die richtige Antwort wäre. Aber natürlich kommt sie nicht zu uns, und das macht auch gar nichts. Die langweiligste Sendung, die in den nächsten Wochen laufen wird, ist das Kandidaten-Duell. Man könnte ja denken, die haben ganz gute Gäste eigentlich für eine politische Sendung, Kanzlerin und Herausforderer. Aber da ist ja alles vorher ausverhandelt und abgeklärt, es gibt einen ganz genauen Plan, wann wer was sagt und fragt. Alle Sender dürfen einen Grüßaugust da hin schicken und diesen Quatsch dann parallel senden, 90 Sekunden Monolog, 60 Sekunden Erwiderung und so weiter. Jede Kameraeinstellung ausverhandelt, überall sitzen Berater und Aufpasser, bewaffnet mit Lineal und Stopuhr. Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass da etwas Interessantes geschieht. Kompletter Unsinn ist das.

Sie schauen sich das alles trotzdem gern an, die Talkshows, haben Sie mal gesagt. Warum?
Ich finde Politik und im Speziellen die Inszenierung von Politik einfach sehr spannend.

Warum spannend?
Soziologisch. Es ist irre interessant, was dieser immense Druck mit den Akteuren macht. Die permanente Öffentlichkeit. Vorgeben zu müssen, auf wirklich alles eine Antwort zu wissen. Der dauernde Zwang, sich zu verstellen, sich anzubiedern und sich selbst anzupreisen. Wer da noch Verachtung hat und nicht Mitleid, ist ein seltsamer Mensch.

Im Wahlkampf ist der Soziologe in Ihnen vermutlich besonders begeistert.
Für unsere Sendung ist die Wahl ein irres Geschenk. Christian Ulmen als Produzent und ich haben das so konzipiert, dass wir unsere Sendung über vier Staffeln wie ein Buch oder einen Film anlegen. Mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Eine Politiksendung, die sich verändert. Die innerhalb einer Legislaturperiode läuft – und ihr natürliches Ende eben mit der Wahl findet.

Und dann ist Schluss. Sie wechseln angeblich von Tele5 zum rbb.
Wir werden im nächsten Jahr eine vollkommen andere Sendung bei einem anderen Sender machen. Aber jetzt führen wir erstmal diese Idee zu Ende, Wahlkampf und schließlich der Wahlsonntag, das ist ein wunderbarer Rahmen für das Finale.

Am Wahlabend wird via Welt.de ein vierstündiges Wahlspecial mit Ihnen übertragen. Was versprechen Sie sich vom Netz als Sendekanal? Funktioniert ein anderer Kanal, das Web, nach anderen Gesetzmäßigkeiten?
Es ist unmittelbarer, man kann wirklich komplett machen, was man will. Ob das funktioniert, weiß ich natürlich nicht, aber einen Versuch ist es wert. Wir machen da sozusagen Metafernsehen: Wahlberichterstattung gucken mit verschiedenen Gästen – und das dann wiederum senden.

Zurück zu Tele5. Dort machen Sie direkt vor der Wahl gleich fünf Sendungen in einer Woche. Warum?
Es war mir ein großes Bedürfnis, so etwas mal auszuprobieren. Ob man das hinbekommt. Weil man sich ja gar nicht so hypergut vorbereiten kann wie bei einer Sendung, die nur einmal pro Woche läuft. Weil man sich danach auch nicht wieder zwei Tage fragen muss, was man wieder falsch gemacht hat. Nee, am nächsten Abend gleich wieder los. Diese ganze Über-Ambition, zu der ich neige, und die einfach nervt, entfällt automatisch, weil ich wahrscheinlich schon am zweiten Abend völlig am Ende meiner Kräfte bin – und ich erhoffe mir, dass dadurch eine angenehme Lässigkeit entsteht, eine angemessene Beiläufigkeit.

Diese Über-Ambition, die ARD, ZDF, RTL und ProSieben beim eben erwähnten Kanzlerduell verströmen.
Das Beste wär, das liefe jeden Abend. Dann würde Steffen Seibert irgendwann zur Merkel sagen: Ich komme heute abend mal nicht mit. Dann würde es vielleicht irgendwann richtig gut.

Wer kommt denn zu Ihnen? Dieselben Leute, die überall kommen?
Es kommen sogar Leute, die schon mal da waren. Karl Lauterbach, Patrick Döring…

Wurde Ihre Sendung nicht als "Gegenmodell zu Jauch" und Co. gelobt? Und dann kommen dieselben Figuren?
Wer denn sonst? Am besten, es käme sechsmal hintereinander Steinbrück.

Kommt der?
Nein. Und das ist auch völlig in Ordnung.

Warum kommt der nicht?
Diese Leute müssen wohl grad dahin gehen, wo sie 5 Millionen Zuschauer haben und völlig klar ist, wie das abläuft. Das ist bei uns nicht der Fall.

Dabei erreichen Sie auf Tele5 doch ganz andere Zuschauer…
Stimmt. Und die, die sich darauf einlassen, kapieren das auch, dass das eine große Chance ist. Bei uns kann der Gast machen, was ich will (lacht). Wir haben mehr Freiheiten. In die ersten drei Sendungen kommen SPD-Leute, das ginge woanders ja gar nicht.

Das ist Zufall?
Ja. Ein guter Gast ist ein guter Gast. Und es ist ja auch vorher gar nicht gesagt, dass drei Auftritte von SPD-Politikern nun gut für die SPD sind und nicht vielleicht doch gut für die CDU, das hängt ja einfach davon ab, wie die Sendungen werden. Wir laden alle ein, und wer kommt, kommt. Die Sendung hat keine Präferenz, ist komplett offen.

Nicht? Welche Partei werden Sie wählen?
Ich weiß es nicht. Es ist mir unklarer denn je.

Wollten Sie in einer Sendung schon mal, dass ein Gast besonders gut oder schlecht wegkommt?
Ich will mit allen einen unterhaltsamen Abend verbringen, das ist unser Angebot, an jede Partei. Ich habe eigentlich eine zu große Nähe zu den Gästen. Die lächerliche Pseudo-Sachlichkeit überspringen wir gleich. Weil ich das erstmal sehr nett finde, dass die überhaupt kommen. Ich bereite mich liebevoll auf sie vor und bin freundlich. Und wenn sie sich darauf einlassen, liebt das Publikum sie, und ich sowieso.

Klingt naiv.
Ja, das ist naiv.

Absichtsvoll naiv?
Ich will einfach mal schauen, wie diese Leute so sind. Da sitzt ein Publikum im Saal, die sind in der Regel zwischen 20 und 30 Jahre alt. Im Netz wird die Sendung von mehr Leuten geschaut als im TV, es ist wirklich ein anderes Publikum als bei den anderen politischen Talkshows. Wenn ich meinem Publikum sage: Jetzt kommt Norbert Geis. Dann sagen die: Okaaayyy. Damit gilt es umzugehen. Ich sage, passt auf, wir machen jetzt was Verrücktes, wir reden 45 Minuten über Politik. Mit einem Mann, den ihr vermutlich nicht kennt, aber nachher werdet ihr seinen Namen skandieren. Das ist die Hypothese unserer Show. Und dann kommt dieser Norbert Geis und räumt beim Publikum ab. Und dann vergleicht man das mit der erschreckenden Humorlosigkeit der Grünen und sagt: 1:0 für die CSU, danke Norbert Geis. Durch die Sendung ist mir speziell die Humorlosigkeit der Grünen bewusst geworden.

Ist es ein Fehler, wenn Moderatoren, professionelle Fragesteller, "auf Augenhöhe" mit Politikern reden wollen?
Ja, das ist eine furchtbare Formulierung. Und zum Beispiel mit Gregor Gysi auch wirklich schwierig.

Was kann Markus Lanz, was andere TV-Moderatoren nicht können?
Er hat ein unfassbar gutes Gedächtnis, ist auf sechs Leute schockierend gut vorbereitet – und schafft es dann noch, diese ja bewusst sehr unterschiedlichen Gäste miteinander ins Gespräch zu bekommen. Manchmal zeichnet er ja sogar zwei Sendungen an einem Tag auf, und auch in der zweiten Sendung hat er alles zu den Gästen parat, das finde ich schon bewundernswert.

Darf man NPD-Politiker einladen?
Nein. (Überlegt) Irgendwas wollten Christian und ich doch mal mit Holger Apfel tun. Wie war denn das? Ich glaube, Thilo Sarrazin hatte irgendwen als Arschloch bezeichnet, und wir wollten ihn dann in der Sendung dazu animieren, stattdessen doch lieber Apfel zu sagen, weil das nicht so grob klingt, ihm also verschiedene Bilder zeigen von Leuten, die er verabscheut – und er sollte dann sagen: Apfel oder nicht Apfel. Und zum Schluss sollte dann Holger Apfel reinkommen und Sarrazin sollte ihn einen Apfel nennen. So irgendwie. Haben wir aber dann natürlich nicht gemacht. Kein Fußbreit den Faschisten, Nazis lädt man nicht ein, auch nicht, um sie lächerlich zu machen, man darf ihnen einfach keinerlei Bühne bieten. Die NPD sollte man endlich verbieten.

Sagen Ihre Wunschkandidaten auch mal ab?
Absagen sind voll ok. Absagen ist überhaupt das Schönste, was man machen kann. Immer richtig. Ich selbst sage auch das meiste ab. Da hat man immer recht.

"Stuckrad-Barre" läuft ab 22.08. jeden Donnerstag um 23.15 Uhr und in der Woche vom 16.09. bis 20.09. täglich ab 23.00 Uhr auf Tele 5. Am Donnerstag, 26.09. um 23.15 Uhr hält Stuckrad-Barre mit Heide Simonis Rückschau auf die Wahl. Am Tag nach der Ausstrahlung ist "Stuckrad-Barre" ab 8.00 Uhr auf www.ulmen.tv und www.tele5.de/stuckrad-barre.html zu sehen.

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