Anzeige

„Es gibt eine Zukunft für den Journalismus“

Die Branche diskutiert über die Zukunft des Journalismus mit einer Begeisterung, wie lange nicht mehr - allerdings mit viel Pessimismus. Genau der richtige Moment für eine positive Nachricht: Krautreporter, das wohl wichtigste deutsche Crowdfunding-Projekt, vermeldet nach einem halben Jahr, 100.000 Euro eingesammelt zu haben. Hinter der Plattform steht Sebastian Esser. Der Berliner ist davon überzeugt: "Wenn Leser bereit sind, 100.000 Euro für zwanzig Geschichten auszugeben, dann gibt es eine Zukunft für den Journalismus".

Anzeige

Krautreporter hat die 100.000-Euro-Marke geknackt. Sagen sie "endlich" oder "jetzt schon"?
Bei unserem Start vor einem halben Jahr habe ich nicht gedacht, dass wir so schnell so viel Geld für unabhängigen Journalismus zusammen bekommen. Das finde ich fantastisch. In der ganzen großen Medienwirtschaftskrisenratlosigkeit sitzt als Gorilla auf dem Küchentisch das Thema Geld. Es geht im Kern immer darum: Wie decken wir die Kosten, damit Journalisten Ihre Arbeit machen können? Krautreporter gibt auf diese zentrale Frage eine Antwort. Wenn Leser bereit sind, 100.000 Euro für zwanzig Geschichten auszugeben, dann gibt es eine Zukunft für den Journalismus. 

Nennen Sie doch mal die wichtigsten Kennzahlen: Wie viele Projekte wurden mit durchschnittlich wie viel finanziert?
Bisher haben wir 20 Projekte erfolgreich finanziert, 16 weitere laufen noch, fünf sind gescheitert. Die Erfolgsquote liegt also im Moment bei 80 Prozent – etwa doppelt so hoch wie bei anderen Plattformen. 100.000 Euro durch 20 wären durchschnittlich 5.000 Euro. Allerdings sind die Summen höchst unterschiedlich. Laura Schameitat brauchte zum Beispiel nur 530 Euro, um nach Budapest zu fliegen, und mit einem innovativen Interview-Magazin über die Situation junger Ungarn zurückzukommen. Jens Weinreich hat 15.660 Euro zusammenbekommen, die es ihm ermöglichen, eine Buch über die Kungeleien vor der Wahl eines neuen IOC-Präsidenten zu recherchieren und zu schreiben.

Auf welche finanzierten Projekte sind Sie besonders stolz?
Besonders stolz bin ich auf die Reporter, die trotz Heldenmut scheitern. Die etwas unternehmen, um ihre Vorstellung von gutem Journalismus verwirklichen zu können, auch auf das Risiko hin, dass es nicht klappt. Aber hier eine Auswahl der erfolgreichen Projekte:
LobbyPlag sammelte in kürzester Zeit 7.849 Euro ein, um ein Online-Tool zu programmieren und nachzuweisen, dass EU-Abgeordnete bei zahlreichen Gesetzestexten großzügig aus Lobbypapieren kopiert hatten.
Jung & Naiv hat wahrscheinlich am meisten Aufmerksamkeit erregt. Seit Montag ist Tilo Jung mit seiner einzigartigen YouTube-Polit-Talkshow im Fernsehen zu sehen. Diese Woche spricht er mit Gästen wie Peer Steinbrück und Jürgen Trittin. Auch ein Finanzier für dieses journalistische Format ist mittlerweile gefunden; es handelt sich nicht um einen Verlag, sondern um Google.
Verbrannte Orte von Jan Schenck war eines der ersten erfolgreichen Projekte. Jan ist Fotograf und dokumentiert das Aussehen der Orte, an denen 1933 Bücher verbrannt wurden. 
Bei Illegaler Handel mit Elektroschrott statten vier Reporter einige Schrottfernseher mit GPS-Sendern aus und reisen ihnen dahin hinterher, wo sie ausgeschlachtet werden – wahrscheinlich Müllhalden in Afrika oder Südostasien. Ein Beispiel dafür, wie wirkungsvoll eine journalistische Idee sein kann.
Wie glaubt der Norden ist ein Magazin über Glauben in Schleswig-Holstein, gemacht von zwei Volontären der S:HZ. Das Heft ist prima geworden und beweist, dass auch ein regionaler Zeitungsverlag erfolgreich mit Vorverkauf durch Crowdfunding experimentieren kann.

Wo lagen die größten Hürden auf dem Weg zu den ersten 100.000-Euro?
Wir Journalisten sind gut darin, Haare in der Suppe zu suchen und auch dann welche zu finden, wenn es keine gibt. Ich ärgere mich, wenn sich Chefredakteure gegenseitig zu ihrer Experimentierfreude beglückwünschen, Crowdfunding als Möglichkeit, Neues auszuprobieren, aber explizit ausschließen. Dazu fragt der Medientheoretiker Clay Shirky: "Warum glauben die Windelverkäufer, dass sie das bessere Geschäftsmodell haben? Warum ist es kulturell wertvoller, Procter & Gamble das Geld abzunehmen?" Crowdfunding eignet sich super, ein neues journalistisches Produkt einzuführen, das zeigen im kleinen Rahmen Krautreporter-Projekte wie die Freienbibel oder 39Null. Ich warte auf den, der so eine Kampagne mal groß denkt.

Was werden für die nächsten Monate die größten Herausforderungen sein?
Crowdfunding befindet sich in einem Zwischenstadium: Als Vermarktungsmethode bald Mainstream, für manche aber ein Hype, der irgendwann nervt. Die Herausforderung ist es, Krautreporter weiterzuentwickeln. Sollten Magazine, Sender, Verlage oder Journalisten selbst nicht Plattformen betreiben, auf denen sie bei ihren Lesern Informationen, Wissen, Kontakte und eben auch Geld sammeln? Deswegen haben wir eine White-Label-Lösung entwickelt, auf deren Basis Mitte September eine neue Crowdfunding-Plattform für eine andere Branche online geht.

Alle Reden über die Zukunft der Zeitung. Jetzt mal ehrlich: ist Crowdfunding eine Alternative?
Die taz ist eine crowdgefundete Zeitung. Das Geschäftsmodell Abo ist im Grund Crowdfunding, nämlich Vorfinanzierung. Es überfordert das Prinzip Crowdfunding, wenn man verlangt, damit die Zeitungen zu retten, die Verlage oder die ganze Welt. Crowdfunding ist nicht die Zukunft des Journalismus, aber es ist eine Zukunft. Und: Crowdfunding ist nicht Zukunft, sondern Gegenwart.

Finanziert die Plattform mittlerweile ihr Engagement? Sprich: Können Sie von Krautreporter leben? 
Nein. Krautreporter bekommt fünf Prozent der Unterstützungssumme als Provision, sofern ein Projekt erfolgreich ist. Fünf Prozent von 100.000 Euro, das deckt gerade mal die laufenden Kosten. Diese einfache Rechnung kannte ich natürlich vorher. Krautreporter als Plattform ist ein Labor für Journalismus-Experimente, kein Geschäftsmodell. Von dem Wissen, das ich dabei sammle, werde ich aber sicher irgendwann profitieren.

Die Frage, die viele beschäftigt, die aber bislang kaum beantwortet wurde: Wer steckt eigentlich sein Geld in die Projekte? 
Das ist bei jedem Projekt eine andere Crowd. Es sind Leute, die sich sehr intensiv für ein Thema interessieren oder die Arbeit eines besonderen Autoren unterstützen wollen. Das ist ein andere Logik als die der Massenmedien, bei denen ein Thema für möglichst viele Leute ein bisschen relevant sein muss. Was in der Bild-Zeitung steht oder in der Tagesschau kommt, muss potenziell alle interessieren. Deswegen ist der Begriff Crowd missverständlich: Es geht nicht um anonyme Massen, sondern um kleine Kommunikations-Gemeinschaften. Massenmedien, die sich über Anzeigen finanzieren, spalten sich in immer kleinere Medien-Nischen, für die die User bereit sind, Geld zu bezahlen, weil sie persönlich und emotional betroffen sind. Hier bietet sich ein neuer Markt für Journalisten. Ich hoffe dabei auch auf die Unterstützung von Meedia-Lesern, die Journalismus ermöglichen wollen. Auf krautreporter.de sind allein gestern vier neue Projekte gestartet.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige